Alles, was Sache ist
von Lothar Lowak
In einem Schuhgeschäft gibt es Schuhe. Im Käseladen gibt es Käse. Gut so. Beim Buchhändler aber bekomme ich zwischen zwei Deckeln aus Pappe die ganze Welt. Gleich neben der Kochbuchecke das Gruselkabinett. Links die mehr bodenständigen Geschichten, in denen mit Messer, Pistole oder manipuliertem Bremspedal um Geld, Liebe und Verwaltungsratsposten gekämpft wird. Meist sorgen in dieser Abteilung alkoholkranke Privatdetektive oder sträflich unterschätzte alte Damen mit Vorliebe für Fünf-Uhr-Tee und Spitzendeckchen für die finale Gerechtigkeit, nach welcher der Leser auf den letzten Seiten eines Buches lechzt. Rechts die Mystikabteilung. Hier sind die Buchumschläge so düster, dass der Körper unaufgefordert kalten Schweiss absondert. Über- all Grüfte, Abgründe, seltsame Geheimzeichen und religiöse Symbole. Ein Querschnitt durchs Mittelalter mit Bann, Folter, Verschwörung, schwarzen Messen und grausigen Ritualen. Das ganze Programm an weltlichen und religiösen Scheusslichkeiten. Immer wenn ich da durch bin, geht es mir wieder richtig gut. Wie schön, heute und nicht in solch dunklen Zeiten zu leben – Ghadhafi hin oder her! Und was ist schon ein Würstchen wie Dieter Bohlen gegen einen Rasputin oder einen Attila! Wenn ich mich schwertue mit dem Auftauchen aus dunkelsten Tiefen, dann kann ich mit einem kleinen Schwenk hinüberwechseln in die Sachbuchabteilung. Hier steht alles, was es zur Reparatur seelischer Schäden braucht, die man sich in der Schauderecke geholt hat. Hier wird mir geholfen, wie immer mein Schrei nach Hilfe auch tönen mag. Hier bekomme ich als seniler Bettflüchter mit nächtlichem Pinkeldrang ebenso wertvolle Ratschläge wie der schüchterne Aufreisser mit Balzhemmung. Hier kann ich als geübter Kleingeldzähler ins Regal greifen und für neunzehnfünfzig nachlesen, wie ich in drei Monaten Millionär werde. Eine Million für neunzehnfünfzig in drei Monaten! Das ergibt eine Jahresrendite, wie sie nicht einmal bei Lehman Brothers im Prospekt steht. Warum soll ich dreissig Jahre baggern und dann feststellen, dass ich nur ein Finanzloch gegraben habe? Wenn schon einer so nett ist und mir den kurzen Weg zu erfreulichen Kontoauszügen weisen möchte, dann greife ich doch gerne nach seinen helfenden Ratschlägen. Bekomme ich mit Hilfe von Sachbüchern mein Leben trotzdem nicht auf die Reihe, dann finde ich gleich nebenan die Biografien berühmter Menschen. Wer jetzt noch Teller wäscht und lieber Staatspräsident oder Operndiva sein möchte, der ist hier richtig. Eine Erfolgsgarantie gibt es natürlich nicht. Nicht jeder kann bis ins Weisse Haus oder auf die Bretter der Met vordringen. Wir Normalsterblichen schaffen es meist nicht bis in die Geschichts- bücher. Bei uns ist oft schon in der kantonalen Verkehrssünderkartei Feierabend. Also noch einmal drei Schritte zurück zu den Sach- büchern. Etwas links neben den Feng-Shui-Ratgebern ein Standardwerk der Heilkräuter. «Ringelblume fördert Selbstzufriedenheit», steht dort. Nichts gegen das Schuh- geschäft und den Käseladen, aber dass die einem dort was über die Ringelblume erzählen, das kann man wirklich nicht verlangen.
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