express - Das Ausgehmagazin  
Das Ausgeh- und Freizeitmagazin der «Schaffhauser Nachrichten» 07.09.2010

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Unter Bäumen wandeln

Spaziergang im Park

Der Park als Ort von Geheimnis und Liebe ist ein wenig aus der Mode gekommen. Das muss nicht sein. Ein altmodisches Plädoyer.


Der «express» bemüht sich um die Wiederauflebung eines alten Sehnsuchtsortes.
Stille! Stille! Neben dem Evergreen Liebe ist in der zeitgenössischen Literatur kaum ein anderes Wort derart präsent wie die Stille. Stets gemeint als Imperativ. Als ein Verlangen nach Stille, von der man heutzutage genau wie von der Liebe nicht genug kriegen kann. Geht man nur ein paar Jahrhunderte zurück und schlägt etwa ein Buch von Goethe auf, so sucht man darin vergeblich nach der Stille. Literatur wird stets aus dem geboren, was fehlt, und die Stille war zu Zeiten Goethes einfach viel zu sehr präsent, als dass man hätte nach ihr verlangen müssen.
So sehr lauscht heute das verlärmte Ohr nach Stille, dass es bereits eine Typologie der Stille gibt. Mit Abstufungen! So können zeitgenössische Dichter verschiedene Schichten von Stille beschreiben. Der Gehörnerv ist so sensibel geworden, dass er sogar das hören kann, was gar nicht da ist. Die Stille ist ein Geräusch geworden. Gibt es ein besseres Beispiel dafür, wie kompliziert heutzutage alles ist? Und das schwappt auch auf die Liebe über, von der es ebenfalls mehr Abstufungen gibt denn je: von der grossen Liebe über die vernünftige Liebe und die Geldliebe bis zur «Ich liebe sie wie eine Schwester»-Liebe (gemeint ist: Sie will mich nicht, aber für mich ist das gut so).

Aufbrechen ohne Picknickkorb
Um alles ein wenig unkomplizierter und schöner zu machen, schlagen wir vor, ein altes literarisches Topos wieder salonfähig zu machen: den Park. Nicht gerade ein origineller Vorschlag? Gemeint ist auch nicht jenes Parkerlebnis, zu welchem man mit Wurst aufbricht. Eben nicht! Der vermaledeite Picknickkorb mit seinen mindestens zwei Öffnungen und der Frage, was und wie man alles ein­packen soll, versinnbildlicht doch gerade, wie kompliziert heute alles ist.
Ein Freund von mir ist derzeit durch die Basler Pärke unterwegs, um die Leute darüber zu unterrichten, wie man grilliert. Das ist sicher sinnvoll und notwendig, doch drückt es gleichsam ein banaleres Verhältnis zum Park aus, als wir es beispielsweise in Italo Svevos Meisterwerk «Zeno Cosini» beschrieben finden: «Eben wollte ich den Garten wieder verlassen, als mir Carla entgegenkam. Sie hielt das Couvert in der Hand. Ohne den lächelnden Gruss, den ich gewohnt war, im Gegenteil, mit einer strengen Entschlossenheit im blassen Gesichtchen ging sie auf mich zu. Sie trug ein einfaches Kleid aus grobem blaugestreiftem Leinen, das ihr sehr gut stand. Sie erschien mir wie eine Blüte dieses Gartens.»
Es ist mir, um ehrlich zu sein, noch nie passiert, dass mir im Park von einem Fräulein ein Couvert gebracht wurde. Man mag einwenden, dies liege daran, dass heutzutage keine Couverts mehr geschrieben würden – oder dass ich eben nicht der Typ sei, dem man Couverts bringen möchte. Ich aber glaube, diese Couverts werden nur nicht mehr geschrieben, weil es keinen Ort mehr gibt, an dem man sie übergeben könnte. Das Ritual hat sich aufgelöst. An seine Stelle ist das nervöse Herumschreien getreten: Ich will Stille! Und Couverts!
Statt mit Couverts geht man jetzt mit Picknickkörben und Bocciakugeln in den Park. Dagegen ist überhaupt nichts einzuwenden. Nur verbirgt sich in einem Picknickkorb halt etwas ­weniger viel Geheimnis als in einem Couvert, dessen Inhalt man bloss ­erahnen kann und die Worte nicht ­ertasten kann, wie beim Picknickkorb, wo man reingreift und sofort weiss: Aha. Käse.

Seelennahrung
Das Geheime regt denn auch die Fantasie an und lässt die Wahr­nehmung stärker werden. Statt Abstufungen der Stille Abstufungen der Farben. Nicht einfach nur Grün! Man lese nur einmal Proust. Was der alles sehen kann, bevor er mit Odette in den Jardin «D’Acclimation» aufbricht:
«Auch sie ging sich umziehen, obwohl ich lebhaft einwendete, dass kein Kleid für die Strasse gegen den herrlichen Morgenrock aus Crêpe de Chine oder Seide in Altrosa, Kirschrot, Rose Tiepolo, Weiss, Mauve, Grün, Rot, einfarbigem oder gemustertem Gelb aufkäme, in dem Madame mit uns gespeist hatte.» Das ist höchst beachtlich. Mir bleibt die äusserliche Erscheinung eines Menschen meist nur dann im Gedächtnis hängen, wenn er eine Augenklappe getragen hat oder einen Sombrero.
Dabei muss das, was wir sehen, gar nicht der Wahrheit entsprechen. So gibt der proustsche Held uns darüber Aufschluss, unter welchem Einfluss seine Wahrnehmungskraft die meiste Zeit steht:
«Seit langem schon litt ich an ­Erstickungsanfällen, und ungeachtet der Missbilligung meiner Grossmutter, die mich bereits als Alkoholiker zugrunde gehen sah, hatte unser Arzt mir ausser Koffein, das mir verschrieben wurde, damit ich leichter atmete, auch Bier, Champagner oder Kognak zu trinken verordnet, sobald ich das Herannahen einer Krise fühlte. Diese werde dann, meinte er, in der durch den Alkohol entstandenen Euphorie ganz von selbst erliegen.» Dieser Zustand der Euphorie ist es doch, den man mit dem Ausdruck «Die Seele baumeln lassen» umschreibt. Oder nicht? Jedenfalls wenn man ihn so wie Robert Walser in seiner Miniatur «Spaziergang im Park» versteht: «Es war einmal ein Mädchen, das in einem Park spazierenging, der so schön aussah, dass sie ihn mit ihrer Seele essen zu können meinte.»
Eine Euphorie der Seele also, die sich darüber freut, die Welt in mundgerechten Portionen anzutreffen. ­«Etwas, das wir mühelos lieben, wie beispielsweise Bäume, Wege, Teiche, kommt uns, so ausgedehnt es in Wirklichkeit sein mag, klein, zum Mit-Der-Hand-Auffassen vor, als wenn man es streicheln könnte.» Und klein wird die Welt. Klein und still und verständlich. Darum rührte es die Herzensbrecher von früher auch so, wenn sie das Riesenwerk ihrer Liebe in der winzigen Herzigkeit eines Couverts zusammengefasst sahen.

Eine Welt im Kleinen
Bäume, die man streicheln könnte – das grenzt schon wieder haarscharf an Kitsch (worauf Walser natürlich ironisch anspielt). Der Park eignet sich gut dafür, unsere Sehnsüchte als Kitsch zu entlarven. Wobei im Grunde das eine mit dem anderen nichts zu tun hat. Es kommt nur darauf an, wie es beschrieben wird. Heute macht man um Sehnsüchte gerne einen genauso grossen Bogen wie um Pärke, während die beiden sich weitestgehend nur noch im Kitsch treffen, also in Trivialliteratur und Telenovelas.
Das muss aber nicht sein! Wir ­appellieren für eine Legitimierung der Sehnsucht fernab von Kitsch. Was das heisst? Zurück in den Park! Ohne Picknickkorb, dafür mit Couvert und Geheimnis. Die Seele bis zur Gefrässigkeit baumeln lassen. Mit pochendem Herzen und einem Schuss Kognak im Blut sieht man diesen herrlichen Morgenrock aus Crêpe de Chine auf sich zukommen …
«Sie reichte mir die Hand, die ich hastig ergriff. Ich sagte: Ich danke dir, dass du gekommen bist.»

Literatur (alles als Empfehlung zur Sommerlektüre gedacht.)
Italo Svevo: «Zeno Cosini».
Marcel Proust: «Auf der Suche nach der verlorenen Zeit».
Robert Walser: «Spaziergang im Park». In: «Für die Katz».


von Lukas Linder
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