|
 |
 |
 |
 |
Boogie-Woogie-Sommer
I boogie, you woogie! Elektrisierende Rhythmen und extravagante Outfits, die Füsse werden unter Strom gesetzt, die Röcke fliegen. Boogie-Woogie transportiert das Lebensgefühl der 50er-Jahre. Und wird in Schaffhausen immer populärer.
Der Boogie-Woogie ist ein lockerer Tanz – und doch wahnsinnig anstrengend, findet ein Anfänger- und ein Profipaar. Der Schaffhauser Boogie-Woogie findet seine Anfänge in einem Keller. Schön kühl ist es hier drin. Aus den Boxen klingt Zuckerwattenpop, nach und nach tröpfeln Leute in den Raum. Sie tragen Turnschuhe, Leggins, Trainingsklamotten. An den Wänden der Tanzschule hängen Fotografien aus vergangenen Jahrzehnten: Paare in schillernden Kostümen werfen sich in die Luft, lächeln Richtung Kamera. Unterdessen beginnt auf der Tanzfläche das Aufwärmen. Es wird gehüpft, gedehnt, innert Kürze hört man auch schon das dem Tanzunterricht eigene Zählen. «Eins, zwei, drei, und vier, fünf», diktiert Susanne Huber, während sie durch die Übenden schreitet. Angelo Cicconi beobachtet aufmerksam die Schritte. Zwischendurch zeigen die beiden Lehrer gemeinsam vor, wie’s geht; ihre Schülerinnen und Schüler – viele von ihnen sind Mitte zwanzig – sehen konzentriert zu.
Vielfalt auf dem Parkett Sie sind im gemischten Anfängerkurs der Tanzschule Angeli. «Gemischt», das bedeutet: Jeder und jede übt ein bisschen anders. Da werden Gliedmassen durch die Luft geschwenkt, dort leise Takte gezählt. Während eine Tänzerin alleine zu gedruckten Anweisungen übt, lassen sich unsichere Paare auch mal von den Trainern an die Hand nehmen. Gemischt sind hier auch die Tanzarten: Der Kurs lehrt die Grundschritte für Varianten wie Rock ’n’ Roll, Jive und eben auch Boogie-Woogie. «Ich kann das alles nicht unterscheiden», gesteht Marlon Ruschinski. Der 18-Jährige versucht sich heute zum ersten Mal im Paartanz, Unterricht ähnlicher Art hatte er zuvor noch nie. Die Idee kam von seiner Tanzpartnerin Jasmin Zangger, 17. Auch für sie ist diese Tanzfläche Neuland. Unsicherheiten scheinen aber rasch zu verschwinden: In der ersten halben Stunde tasten sich die beiden noch vorsichtig an die Schritte heran. Marlon lacht, zieht Jasmin zu sich, sie tänzelt strahlend wieder rückwärts. Nach einer Stunde tanzen sie schon ohne Unterbruch. «Aber so anstrengend», berichten die beiden später ausser Atem, «haben wir es uns nicht vorgestellt.»
Wie es gefällt Tatsächlich gibt es Tänze dieser Art heute häufig in Turnierform. Im Gegensatz zum Rock ’n’ Roll finden für den Boogie-Woogie aber noch viele Plauschanlässe statt, an denen Tanzfreudige sich nach Lust und Laune zur Musik bewegen (siehe Kasten). Zu Musik der Fünfziger- und Sechzigerjahre tanzen Mann und Frau schnellen Schrittes, wobei er führt und sie ihm folgt. Gelegentlich wird gehüpft, meistens Handkontakt gehalten. Entstanden ist der Boogie-Woogie in den USA, als Vorläufer des Rock ’n’ Rolls. Die Unterschiede zwischen den Tänzen zeigen sich vor allem an den Turnieren. Während Rock-’n’-Roll-Paare ihren Auftritt mit einem spezifischen Lied genau einstudiert haben, improvisieren die Boogie-Woogie-Tanzenden zu einem spontan gewählten Stück drauflos. «Das ist eben das Schöne daran», schwärmt Susanne Huber. Gemeinsam mit Angelo Cicconi führt sie Boogie-Woogie-Schautänze auf, agiert als Jurymitglied und tanzt an Turnieren Rock ’n’ Roll. Auffallend am Boogie-Woogie sei eben seine Eleganz, finden beide Tanztrainer einstimmig. «Boogie-Woogie ist eine ganz eigene Welt», erzählt Angelo Cicconi. Während Rock-’n’-Roll-Turniere oft starke Konkurrenzkämpfe sind, feuern sich die Teilnehmenden an Boogie-Woogie-Turnieren gegenseitig an. «In den Pausen tanken Rock-’n’-Roll-Tänzer Kraft für die nächste Runde. Bei Boogie-Woogie-Turnieren tanzen sie sogar zwischendrin, einfach aus Vergnügen. Sie wollen dann gar nicht mehr aufhören.» Speziell ist auch die Bekleidung beim Boogie-Woogie: Dadurch, dass er zu den weniger athletischen Tanzarten gehört, können die Frauen Röcke wie etwa Petticoats tragen. Die Kleidung fliesst bei Turnieren auch in die Bewertung mit ein, bestätigt Angelo Cicconi. Von schlichten Anziehsachen geht es bis hin zu Anfertigungen, die Spezialisten machen – nicht nur für Tänze, sondern auch für Eiskunstlauf oder den Zirkus.
Der Wunsch nach mehr Angelo Cicconi und Susanne Huber sind wahrlich leidenschaftliche Tänzer. Neben der nicht enden wollenden Liste an Preisen und Titeln, die sie vor allem im Rock-’n’-Roll-Tanzen vorweisen können, organisiert die Tanzschule Angeli auch die Boogie-Woogie-Weltmeisterschaft. In der Schweiz könnte es zwar ruhig mehr Boogie-Woogie-Tänzer geben, finden sie, und auch in Schaffhausen seien selbige aktuell etwas bescheiden gestreut. Die WM indes findet stets in der Region statt und ist dementsprechend Grund zu Stolz. Ist das Tanzen denn für langjährige Profis überhaupt nicht mehr anstrengend? – «Aber hallo, das ist ein Hochleistungssport», widerspricht Angelo Cicconi umgehend. Wer ihm und Susanne Huber beim Tanzen zusieht, merkt aber sofort: In erster Linie macht es eine Menge Spass.
von Anna Rosenwasser |
|

|
| |
|