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Porträt eines Kämpfers
Der Schaffhauser Tomislav Mestrovic hat einen Film über den Thaiboxer Azem maksutaj gemacht.
Mehrere Dutzend glänzende Trophäen begrüssen einen, wenn man das Wing Thai Gym in Winterthur betritt. Die älteste Thaiboxschule der Schweiz nennt sich auch «Die Schule des Meisters». Der Meister ist der 34-jährige Azem Maksutaj. Vor 18 Jahren betrat er das erste Mal das Wing Thai Gym und fühlte sich in der ihm damals fremden Schweiz erstmals zu Hause. Heute gehört die Schule ihm, rund 100 Schüler trainieren Woche für Woche bei ihrem Vorbild Azem. Auch an diesem Montag hört man bei der lautstarken Musik, wie motivierte Männer und Jungs sich mit Seilspringen aufwärmen. Den Ton gibt Azem an, Verschnaufpausen gibt es keine. Azem fordert von seinen Schülern Ehrgeiz, Disziplin und hartes Training. Ohne diese Dinge wäre er heute nicht da, wo er ist. 14-mal hat er den Weltmeistertitel im Thaiboxen geholt. Nicht nur die vielen Trophäen und Titel sind der Lohn für seinen Schweiss, sondern auch der in den Schweizer Kinos bald anlaufende Film, der seinen Namen trägt.
Die Anfänge «Being Azem» zeigt den Schwergewichtskämpfer mit dem «Tigerauge» in den wichtigsten Momenten seiner fast 20-jährigen Karriere. Begleitet wird er von den Filmemachern Tomislav Mestrovic und Nicolò Settegrana. Ersterer lebt in Schaffhausen, ist Sportlehrer und dank dem für seine Maturaarbeit gedrehten Hip-Hop-Dokumentarfilm «Styles» auf den Geschmack des Filmemachens gekommen. Damals lernte sich das Dreamteam Tomislav und Nicolò kennen und gründete im Jahr 2006 die Filmproduktionsfirma Pi-Filme in Zürich. Am Dokumentarfilm «Being Azem» haben sie alles zusammen gemacht. Was dem kreativen Tomislav an Fachwissen fehlte, brachte der diplomierte Filmemacher Nicolò ein. Auch die Idee zum Film war den leidenschaftlichen Filmemachern zusammen gekommen: Während sie an einem anderen Projekt arbeiteten, gönnten sie sich eine kurze Pause vor dem Fernseher. Sie sahen den talentierten Azem, wie er in Las Vegas gegen Ruslan Karaev kämpfte und mit welchem Kämpferherz und welcher Ausstrahlung er das tat. Zu dem Zeitpunkt kannten sie den in der Schweiz lebenden Kosovaren nur vom Hörensagen, wussten aber sofort, dass man mit einem solch authentischen Kämpfer einen erfolgreichen Dokumentarfilm würde drehen können. Nach genaueren Besprechungen der Filmidee ging alles ganz schnell: Azem war begeistert von dem Angebot, und die ehrgeizigen Filmemacher hatten keine Mühe, die Förderinstitutionen von ihrem Filmprojekt zu überzeugen. Die Dreharbeiten begannen nur ein paar Monate später, im Mai 2006. Azem stand zu der Zeit auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Einen Film über ihn machen zu können, kam Tomislav und Nicolò wie ein Märchen vor.
Die Kämpfe Im Wing Thai Gym geht das Aufwärmtraining zu Ende. Azem beginnt mit dem Schattenboxen und dem Auflockern, die Schüler tun es ihrem Meister gleich. Der Schwergewichtskämpfer hat eine ruhige Zeit hinter sich. Fast zwanzig Jahre im Ring hinterlassen Spuren am Körper. Um sich von den Strapazen zu erholen, gönnte sich Azem eine einjährige Pause. Doch nun befindet sich die Kämpfernatur im Aufbautraining für sein nächstes grosses Ziel: Im Mai wird er nach 20 Jahren seinen letzten Kampf bestreiten. Sollte er diesen Abschlusskampf gewinnen, damit also zum 15. Mal Weltmeister werden, wird der Winterthurer im Guinnessbuch der Rekorde verewigt. Wie sich Azem auf seine Kämpfe vorbereitet, kann man bald in den Schweizer Kinos mitverfolgen. Die Regisseure begleiteten Azem mit einer Kamera zu seinen wichtigsten Kämpfen. Auf der Reiseroute lagen Thailand, Las Vegas, Stockholm, Istanbul und das Kosovo. Oft war Azem schon im Fernsehen zu sehen. Die Zuschauer sahen einen aufregenden Kampf, einen ehrgeizigen Kämpfer, aber mehr auch nicht. Den Menschen hinter den Boxhandschuhen können die Medien nicht erfassen, nicht zeigen, wie es in dem 96 kg schweren Mann kurz vor einem Kampf aussieht oder welche Menschen im Backstagebereich mitfiebern. Diese verborgenen Seiten sichtbar zu machen, sei einer ihrer Antriebe für den Film gewesen, meint Tomislav Mestrovic. Der Kernpunkt des Filmes und von Azems Karriere ist der Kampf in Las Vegas, bei dem es um alles geht: Nur ein Kampf trennt den mehrfachen Weltmeister vom K-1-Grand-Prix-Finale in Tokio. Diesen höchsten Titel des Kampfsports, bei dem Kampfsportler aus verschiedensten Disziplinen gegeneinander antreten, holte bisher nur ein Schweizer: Azems ehemaliger Trainer und Freund Andy Hug. Kurz vor dem Kampf können die Zuschauer hautnah miterleben, welche Emotionen Azem durchlebt, so nah und intim gab sich der Winterthurer vor der Kamera. «Der Film erzählt seine Geschichte vor allem über Bilder und Gefühle, nicht in erster Linie über Informationen», sagt Filmemacher Tomislav. Von Anfang an war er begeistert vom authentischen Auftreten Azems, des Gefühlsmenschen, wie er sagt. Von Beginn an war Azem offen für das Projekt, liess die Filmemacher ganz nah an sich ran, fast schon zu nah. Schnell entwickelte sich eine Freundschaft zwischen den Filmemachern und ihrem Hauptdarsteller. Oft war genau das die Schwierigkeit beim Drehen. «Manchmal muss man die Freundschaft bei der Arbeit ausklammern, anders geht es nicht», sagt Tomislav. Schnell wird den Zuschauern klar, dass der Dokumentarfilm nicht nur ein Kampfsportfilm ist und Kampfsportler begeistern soll. «Es geht um das Leben mit all seinen Schwierigkeiten und Herausforderungen und um die Suche nach Liebe und Zugehörigkeit», erzählt Tomislav.
Als Fremder in der Schweiz Azems Kämpfe, wenn er allein in den Ring steigt, sich einem vom Gewicht her schwereren Gegner stellt und vor allem, wie er wieder aufsteht, nachdem er zu Boden gegangen ist, stehen symbolisch für ein hartes Leben mit Integrationsschwierigkeiten. Ein Leben, in dem Azem auch immer allein kämpfen musste und sich, genau wie im Ring, nie unterkriegen liess. «Jeder Mensch wird sich in Azem wiederfinden», versichert Tomislav. Jeder kenne Schmerz und Rückschläge. Und sehr viele würden vom Wiederaufstehmännchen lernen können. Auch von dem in Europa als Randsportart bekannte Thaiboxen gibt es viele spannende Bilder zu sehen. Nicht nur der Kampf an sich wird die Zuschauer seinen den Bann ziehen, sondern vor allem auch die Zeit vor und nach dem Kampf, eine Zeit voller Freude und Trauer. «Wir leben in einer Siegergesellschaft», sagt Tomislav, deshalb ist es den Filmemachern umso wichtiger, dem Zuschauer zu zeigen, dass Sieg und Niederlage ganz nah beieinanderliegen oder manchmal sogar ein- und dasselbe sind. Doch vor allem möchten sie mit den Bildern und Azems Geschichte zeigen, dass der Sieger der ist, der wieder aufstehen kann. Im Wing Thai Gym verfolgen die Schüler dieselbe Philosophie. Beim Sparring geht es hart zu und her, doch liegen bleibt keiner. Während die Schüler gegen Pratzen oder Gegner kämpfen, tollt der Schwergewichtskämpfer Azem liebevoll mit seinem kleinen Sohn herum. Das «Tigerauge» scheint vererbt zu sein, wie ein kleiner Profi schlägt sich der Kleine durch Papas Hände. An Liebe und Zuneigung fehlt es dem 34-Jährigen heute nicht mehr. Mit seiner 23-jährigen Frau und seinem kleinen Sohn hat der Mann mit der harten Schale und dem weichen Kern sein Glück gefunden. Auf den Film ist er stolz, genauso wie seine Frau, welche anfangs jedoch Mühe hatte, mit der ständig auf sie und ihren Mann gerichteten Kamera umzugehen. Doch die harte Arbeit habe sich gelohnt und sei sehenswert, sagt sie.
Arbeit am Film Von harter Arbeit können die Regisseure Tomislav und Nicolò ein Lied singen. Trotz dem anfänglichen Glück für die Umsetzung ihrer Idee, lief nicht alles glatt während der Dreharbeiten. Im Gegensatz zu einem Spielfilm, bei dem alles sorgfältig vorbereitet werden kann und der Text auswendig gelernt wird, bevor man anfängt zu drehen, ist bei einem Dokumentarfilm das Drehbuch offen. Wann und wo muss das Filmteam drehbereit sein? Was, wenn eine für den Film wichtige Szene verpasst wird? Doch nicht nur der Druck, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein, macht den Filmpartnern zu schaffen. Bei den Dreharbeiten in Istanbul verschwanden plötzlich zwei kleine Kameras, zwei Tapes mit Filmmaterial und der Laptop samt wichtigem Inhalt. Eine nervenaufreibende Zeit war die Arbeit an ihrem Projekt. Ein Projekt, welches einen auffrisst, wie Tomislav sagt. Denn allein mit dem Filmemachen konnten sich die beiden Vollblutregisseure noch keine Brötchen verdienen. Tomislav zum Beispiel jobbte noch nebenbei als Sportlehrer. Doch nach über einem Jahr Drehzeit, zwei Jahren Arbeit für die Transkription, die Dramaturgie und den Schnitt freuen sich Tomislav und Nicolò, ihren Film in der ganzen Schweiz, am 27. Februar erstmals in Schaffhausen im Kinepolis, präsentieren zu dürfen.
Von Sanja Zdravkov |
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