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In den Strassen Shanghais
China, politische und wirtschaftliche Grossmacht. Jeder fünfte Mensch auf der Erde ist Chinese. Das Land ist Teil unseres Alltags geworden. Die Medien berichten tagtäglich von ihm, jeder von uns hat Kleidungsstücke, elektronische Geräte oder andere Produkte aus chinesischer Produktion bei sich zu Hause. Westliche Unternehmungen investieren grosse Summen im Reich der Mitte, hoffen auf den grossen Gewinn. Doch das riesige Land mit 1,3 Milliarden Menschen bleibt eine Unbekannte, verborgen hinter der grossen Mauer des kulturellen und sprachlichen Unverständnisses.
Wer sind die Menschen hinter der politischen Macht und dem wirtschaftlichen Erfolg Chinas? Wie kann man mit ihnen in Kontakt treten, mehr erfahren über sie, ihren Alltag, ihr privates Leben? Asiaten gelten Fremden gegenüber als eher verschlossen und distanziert. Stimmt das überhaupt? Trifft dieses Klischee auch auf Chinesen zu? Ich unternehme ein kleines kulturelles Experiment. Während meines Aufenthaltes in der Metropole Schanghai möchte ich versuchen, mit wildfremden Menschen auf der Strasse in Kontakt zu treten. Meine diplomierten Sprachkenntnisse des Hochchinesischen helfen mir hoffentlich dabei.
Bevor ich auf die Strasse gehe, überlege ich mir Vorgehensweise und Fragen, wie ich ins Gespräch mit den Passanten kommen könnte. Anstand und Respekt, besonders vor alten Menschen, scheinen mir selbstverständlich. Eine zeremonielle Begrüssung, eine Verbeugung, wie sie noch in Japan üblich ist, oder gar ein Kotau sind nicht mehr notwendig. Die kommunistische Revolution in China hat im Zuge der Gleichstellung der Menschen auch diese Rituale abgeschafft. Zudem scheint es mir wichtig, die Menschen nicht auszufragen. Auch ich würde verblüfft reagieren, wenn in Schaffhausen plötzlich ein neugieriger Chinese vor mir stehen und mich mit Fragen durchlöchern würde.
Erste Begegnungen
Ich streife durch belebte Quartierstrassen in einem Aussenbezirk Schanghais. Vollbeladene Mofas und Fahrräder zwängen sich aneinander vorbei, junge Männer hocken am Strassenrand und rauchen, alte Männer spielen Schach. Der Geruch von frittiertem Sojaöl liegt in der Luft. Strassenhändler verkaufen Jiaozi – chinesische Ravioli –, Dampfnudeln und Grillspiesse. Neugierig gehe ich auf eine Gruppe Senioren am Strassenrand zu. Den alten Menschen ist es wohl in ihren Wohnungen zu langweilig geworden. Sie haben ihre Sessel auf das Trottoir gezügelt, halten einen Schwatz und schauen dem Treiben auf der Strasse zu. Zwei der Frauen wickeln Wolle, ein alter, schon fast völlig zahnloser Mann sitzt im Stuhl daneben. Ich vernehme nur das für den lokalen Schanghaier Dialekt charakteristische Zischen der Konsonanten. Ich verstehe ich kein Wort. Mit einem leichten Kopfnicken spreche ich die Gruppe auf Hochchinesisch an: «Nimen hao» – guten Tag. Die Senioren lächeln verlegen und grüssen zurück – «Ni hao». Doch ihre Körperhaltung zeigt Unbehagen, scheu schauen sie zur Seite. In der Hoffnung, ihre Neugierde ein wenig zu wecken, stelle ich mich kurz vor, sage, woher ich komme. Von der Schweiz haben sie noch nie gehört. Sie schweigen. Ich beschliesse, mich nicht weiter aufzudrängen, verabschiede mich und gehe weiter.
Eine junge Frau hat ihre Nähmaschine auf die Strasse gestellt, um gegen ein kleines Entgelt Näharbeiten erledigen zu können. Vielleicht hat sie schon beobachtet, wie ich versucht habe, mit den Senioren ein Gespräch anzuknüpfen. Als sie bemerkt, dass ich auf sie zukomme, richtet sie den Blick sofort auf ihre Arbeit. Auf meinen Gruss reagiert sie nicht. Ein bisschen enttäuscht setze ich meinen Weg fort und biege in eine schmale Seitengasse ein. Plötzlich stehe ich einem kleinen Mädchen gegenüber. Es blickt mich offen und neugierig an, bleibt erstaunt stehen, bevor es erschrocken wegrennt. Ich bin vermutlich die erste «Langnase», der es begegnet ist.
Auf einer Baustelle richten ein paar Männer ein Baugerüst auf. Wie häufig in Ostasien besteht es aus langen Bambusstangen. Gerade trägt ein junger Mann neue Stangen herbei. Die Bambusstangen scheinen mir ein interessantes, exotisches Bildmotiv. Ungefragt fotografiere ich den jungen Arbeiter. Der Mann sieht dies. Rasch kommt er auf mich zu, sagt etwas in einem mir unverständlichen Dialekt. Wahrscheinlich ist er ein Gastarbeiter aus einer der vielen Provinzen Chinas. Er deutet auf meine Kamera. Der junge Mann möchte das Foto sehen, das ich von ihm gemacht habe. Verunsichert zeige ich ihm das Bild. Streng schaut er es sich an, dann schüttelt er entschieden den Kopf. Offensichtlich gefällt es ihm ganz und gar nicht. Mit den Händen gibt er mir zu verstehen, dass ich von ihm eine Porträtaufnahme machen soll. Sogleich stellt er sich vor mich hin, steif wie ein Soldat, die Hände an der Hosennaht. Ich mache eine Ganzkörperaufnahme. Erneut möchte er das Bild sehen. Ich zeige es ihm. Doch er ist noch nicht zufrieden. Ungeduldig gibt er mir zu verstehen, dass ich nur das Gesicht fotografieren solle. Mit seinen Fingern vor dem Gesicht gibt er mir sogar den Rahmen vor. Ich fotografiere ihn also ein weiteres Mal. Auch diese Aufnahme schaut er sich an. Endlich lächelt er zufrieden, klopft mir auf die Schulter und geht zurück zur Baustelle. Zum Abschied ruft er mir fröhlich den englischen Abschiedsgruss hinterher, den hier wohl alle kennen: «Babai!» Schade, der junge Mann ist zwar sehr kontaktfreudig, aber wir sprechen verschiedene chinesische Dialekte.
Kleine Schwalbe
Etwas enttäuscht, aber nicht entmutigt, kehre ich ins Hotel zurück. Die Kontaktaufnahme mit wildfremden Menschen ist wohl doch nicht so einfach. Doch hier im Hotel mache ich Bekanntschaft mit einer Serviceangestellten. Wir haben uns schon mehrmals in der Lobby und im Restaurant gesehen. Die Bekanntschaft durch mehrmaliges Sehen scheint ein entscheidender Faktor bei der Kontaktaufnahme. Der Name der jungen Frau ist Xiao Yanzi – Kleine Schwalbe. Wie viele junge Chinesinnen und Chinesen hat sie sich noch einen europäischen Namen zugelegt: Jenny. Sie ist 24 Jahre alt und studiert Anglistik an der Uni Schanghai. «Kein Problem», reagiert sie lächelnd auf meine Frage, mich mit ihr unterhalten zu dürfen. Ich bin verblüfft, wie schnell das geklappt hat. Vielleicht ist es die Arbeit im Hotel und das Interesse für fremde Sprachen und Ausländer, wie es Kleine Schwalbe hat, das die Kontaktaufnahme erleichtert. Wir verabreden uns also für den nächsten Tag auf eine Cola auf der Hotelveranda. Gut vorbereitet erscheine ich dort zur verabredeten Zeit. Ich habe mir vorgenommen, Kleine Schwalbe keine allzu persönlichen Fragen zu stellen. Da die Menschen hier sehr zurückhaltend sind, gehe ich davon aus, dass sie das nicht schätzen würde. Von allgemeineren Gesprächsthemen wie ihren Zukunftsplänen, ihren Ansichten zu Schanghai und China verspreche ich mir mehr.
Zuerst erfahre ich, dass Kleine Schwalbe aus der Provinz nördlich von Schanghai stammt. Ihre Familie lebt in einer Kleinstadt am Meer, ihr Vater ist Fischer. Sie hat einen älteren Bruder und eine jüngere Schwester. Ausserdem hat sie seit ein paar Monaten einen festen Freund, und heimlich schwärmt sie vom brasilianischen Fussballstar Kaka. Um ihr Studium finanzieren zu können, arbeitet Kleine Schwalbe im Hotel. Als ich sie frage, ob sie die ersten paar Monate im Hotel einen Lohn bekommen habe, verneint sie. Eine Arbeit in Schanghai zu finden und somit einen ersten Schritt ins Leben der Grossstadt gemacht zu haben, ist für viele der jungen Menschen aus den Provinzen so attraktiv, dass sie während einer «Probezeit» bereit sind, gratis zu arbeiten. Gerade für ungelernte Arbeiter ist das riskant, da die Arbeitgeber die Mitarbeiter jederzeit durch neue «Gratisarbeiter» vom Lande ersetzen können. Natürlich sind die Löhne auch nach der Beendigung der Probezeit nicht gerade fürstlich.
Kleine Schwalbe kommt ins Erzählen. Unser Gespräch verliert schnell den förmlichen Charakter, meine vorbereiteten Fragen scheinen Kleine Schwalbe nicht sonderlich zu interessieren. Was sie beschäftigt, ist die Beziehung zu ihrem Freund, und zu meiner Überraschung beginnt sie, ausführlich darüber zu berichten.
Das Eis ist gebrochen
Mit dem Strohhalm stochert sie in den Eiswürfeln ihrer Cola. «Wir haben gerade gestritten», verrät sie mir. Ihr Freund studiert wie sie Sprachen, beide möchten ins Ausland. Doch er möchte so schnell wie möglich weg. Sie selbst erst in ein paar Jahren, wenn sie in Schanghai ihr Studium beendet haben wird. Sie weiss, dass sie in Europa ohne Sprachkenntnisse kaum eine Chance hat und nur schlecht bezahlte Arbeiten würde finden können. Kommt hinzu, dass ihre Familie sie nicht einfach so gehen lassen möchte. Kleine Schwalbe musste sich schon gegen ihren Vater durchsetzen, um in der teuren Grossstadt Schanghai studieren zu dürfen. Dieser versteht absolut nicht, warum man in ein noch teureres Land nach Europa gehen sollte. Nach seiner Vorstellung gibt es in Schanghai alles, was man sich wünschen kann. Und nun kommt sogar noch die ganze Welt selbst nach Schanghai. Warum also in die Ferne ziehen?
Ein Tanklastwagen fährt laut knatternd in den Hof und hält direkt vor der Veranda des Hotels. Zwei Männer in zerschlissener, brauner Arbeitskleidung klettern aus der Fahrerkabine. Mit einer langen Eisenstange macht sich einer der beiden daran, einen Eisendeckel am Fusse der Verandatreppe zu heben. Sofort breitet sich ein infernalischer Gestank aus. Die Arbeiter öffnen die Jauchegrube des Hotels. Die Gäste auf der Veranda zeigen sich unbeeindruckt. In Schanghai liegt Fäkalgestank häufig in der Luft. An vielen Strassenecken und Plätzen entströmt undichten Kanalisationsdeckeln und öffentlichen Latrinen ein unverkennbarer Geruch. Die stählern glänzenden Wolkenkratzer des modernen Schanghai kontrastieren augenfällig mit den rostigen, verschlissenen Sanitärinstallationen der Stadt. Selbst Restaurants, welche um Hygiene und Standard bemüht sind, haben ihren Gästen bisweilen nur stinkende Latrinen anzubieten.
Geheimnisse
Kleine Schwalbe reagiert nicht auf den beissenden Gestank. Ihre Gedanken kreisen weiter um die Beziehungskrise: «Er hat mir noch nicht alles erzählt, ich weiss nicht einmal, wie viele Geschwister er hat.» Aus verschiedenen Bemerkungen schliesst Kleine Schwalbe, dass ihr Freund sieben Geschwister hat und deshalb so sehr um eine direkte Antwort verlegen ist. Nicht darum, weil seine Familie nicht dem Gesetz der Ein-Kind-Politik der kommunistischen Partei folgt, sondern weil seine Eltern acht Kinder finanziell kaum unterstützen können und schon gar nicht, wie sonst in China üblich, beim Kauf einer eigenen Wohnung. Kleine Schwalbe erklärt, dass chinesische Eltern kaum Bedingungen an den Partner oder die Partnerin des eigenen Kindes stellen, ausser eben, dass die zukünftigen Schwiegereltern in der Lage sind, das junge Paar mit etwa gleich viel Geld zu unterstützen wie sie selbst. Bei insgesamt sieben Geschwistern ist diese Summe natürlich gering, was die Chancen des jungen Mannes auf dem Heiratsmarkt nicht gerade steigert.
Zum Schluss möchte ich von Kleiner Schwalbe wissen, wie man denn nun in Kontakt mit Menschen auf der Strasse kommt. Ich erzähle ihr von meinen Misserfolgen vom Vortag. «Das ist gar nicht so einfach», meint sie. «Es ist unüblich, in der Metro oder auf der Strasse fremde Menschen anzusprechen. Natürlich darf man nach dem Weg fragen, aber persönliche Bekanntschaften macht man auf der Strasse nicht.» Sie weiss auch keine allgemeingültige Regel um Kontakte zu knüpfen. Die Situation ist entscheidend. Das leuchtet mir ein. Nachdem ich mich von Kleiner Schwalbe verabschiedet habe, muss ich mir eingestehen: Bei uns ist es doch gar nicht so anders.
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