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Einsteiger
Der Sprung ins Berufsleben klappt nicht immer auf Anhieb. Vom Alltag junger Menschen ohne Arbeit.
Das Angebot wäre verlockend. Der Wecker klingelt, wie jeden Morgen. Der schrille Ton reisst einen unsanft aus den Träumen. Doch kaum hat man sich schlaftrunken aus der warmen Decke geschält, klingelt das Telefon. Der Chef bietet einem an, sich heute wieder hinzulegen und weiterzuschlafen. Wir würden alle annehmen. Denn wir wüssten, es ist eine Ausnahme. Morgen wäre alles wieder so wie gestern: Wecker, grummeln, aufstehen. Und wenn der Wecker nicht zur Arbeit mahnt? Man gar nicht ins Büro muss? Am Anfang ist es wie Ferien. Morgens liegen bleiben, den Nachmittag vor dem Fernseher verbringen. Abends ein paar Freunde treffen, als Letzter nach Hause gehen. Nichts müssen, leben nach dem Lustprinzip. Herrlich – für drei Wochen vielleicht. Wenn man ausgeschlafen hat, alle Talkshows kennt und der Kontostand abnimmt, ist das Feriengefühl verflogen. Arbeitslosigkeit kann jeden treffen. Jugendliche und junge Erwachsene im Besonderen. In der Altersgruppe der 15- bis 24-Jährigen lag der Wert im Dezember 2009 mit 5,4 Prozent über dem schweizerischen Durchschnitt von 4,4 Prozent. Im Kanton Schaffhausen kletterte der Anteil Jugendlicher ohne Arbeit 2009 von 3,3 Prozent im Januar auf 5,6 Prozent im Dezember. Die 20- bis 24-Jährigen sind besonders betroffen: Deren Anteil stieg im Kanton Schaffhausen von 4 Prozent im Januar auf 7,5 Prozent im Dezember. Fehlende Arbeitserfahrung ist eine häufige Begründung, wenn Bewerbungen wieder im eigenen Briefkasten liegen. Lehrabgänger werden nach der Ausbildung oft nicht weiterbeschäftigt, vielerorts herrscht Einstellungsstopp. Mit Temporärjobs halten sie sich einige Zeit über Wasser, doch solche Stellen wurden im Krisenjahr weniger. Was machen junge Leute ohne Arbeit den ganzen Tag? Welche Gedanken wälzen sie, wenn sie – eine mehrjährige Ausbildung endlich abgeschlossen – ohne Arbeit dastehen? Ein Blick auf den Kanton Schaffhausen zeigt: Wer sich beim Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) anmeldet, hat kaum Zeit, rumzuhängen. Der «express» stellt drei Jugendliche vor, die den Schritt in die Arbeitswelt noch nicht geschafft oder ihre Stelle verloren haben.
Manuela Maestri, 19 Jahre Wie viele Bewerbungen Manuela Maestri geschrieben hat, weiss sie nicht. Aber es waren viele. Schon Anfang des neunten Schuljahrs hat sie jeden Lehrbetrieb, der eine Stelle als Fachfrau Gesundheit anbot, angeschrieben, über die Kantonsgrenzen hinaus. Manuela hat früh gewusst, dass sie einen Beruf lernen möchte, in dem sie anderen Menschen hilft. Mit der Lehrstelle wollte es bis Ende der Oberstufe nicht klappen; im Sommer 2008 stand Manuela ohne Perspektiven da. «Das war etwas deprimierend», sagt sie rückblickend. «Ich habe mich so bemüht und doch keine Lehrstelle gefunden. Anderen hingegen ist sie einfach so zugefallen.» Dann konnte Manuela ein Praktikum in einem Altersheim machen. Eine gute Basis, dachte sie. Doch auch nach einem Jahr praktischer Erfahrung fand sie keine Lehrstelle. Über das BIZ wurde sie auf das «Sprungbrett» aufmerksam. Auch dafür musste sie sich bewerben – mit Erfolg. Seit September geht Manuela drei Tage die Woche zum Unterricht, zwei Tage arbeitet sie wieder in einem Altersheim. «Es ist super, wieder zur Schule zu gehen, nach einem Jahr hatte ich schon vieles vergessen», sagt sie. Besonders schätzt sie es, beim Schreiben von Bewerbungen unterstützt zu werden. Ein bisschen nachdenklich sagt sie: «Zwei Jahre ohne Erfolg sind schon viel.» Umso grösser die Freude, im Sommer eine Lehre beginnen zu können; im selben Altersheim, wo sie zurzeit zwei Tage die Woche arbeitet. Bereits schmiedet sie Pläne für danach: Manuela möchte in der Notfallpflege eines Spitals arbeiten. Welche Zusatzausbildungen sie dazu braucht, hat sie schon abgeklärt. Und auch etwas anderes weiss Manuela schon: Sie hat den richtigen Beruf gewählt: «Egal, wie lange ich arbeite und wie stressig der Tag war, ich gehe mit einem guten Gefühl nach Hause.»
Selina Schaber, 19 Jahre «Mit einer Lehre in der Hand bist du abgesichert!» Diesen Satz kennt Selina Schaber gut. Sie hat gleich nach der Schule eine Lehrstelle gefunden. Die Berufswahl fiel ihr nicht schwer. Ihr Hobby, das Eiskunstlaufen, brachte sie darauf. Selina mochte die Frisuren, welche den Mädchen für die Wettkämpfe gemacht wurden. Nach der Lehrabschlussprüfung im Sommer 2009 kam für die frisch gebackene Coiffeuse die Ernüchterung: Selina konnte nicht im Lehrbetrieb bleiben. Sie erinnerte sich an jenen Satz: Nun hatte sie also eine Lehre, aber doch keinen Job. Selina meldete sich kurzerhand bei einem Temporärbüro und bekam einen Job für eineinhalb Monate vermittelt. Aber seit Oktober hat sie viel Zeit. «Anfangs ist es schön, so viel frei zu haben»; sagt sie. Aber dann verliere man das Zeitgefühl. Ist es Mittag, wann ist Feierabend, und welcher Tag ist heute? Alle zwei Wochen besucht sie das Coaching des «Sprungbretts next step». Selina ist froh, in ihrem Freundeskreis nicht die Einzige ohne Arbeit zu sein. «Ich wüsste nicht, was ich mit all der Zeit anfangen sollte», sagt sie. Zusammen mit einer Freundin rafft sie sich regelmässig auf, etwas für die Schule zu tun: «Damit wir nicht nur auf der faulen Haut rumliegen.» Zu Hause ist Selina für den Haushalt zuständig. Sonst ist sie viel unterwegs: Sie trifft sich mit Kolleginnen, und manchmal gehen sie in die Stadt. Aber Shopping liegt nicht drin. «Ich muss sehr aufs Geld achten. Meine Kollegen gehen dreimal pro Woche in den Ausgang, das kann ich mir höchstens einmal leisten», sagt sie. Sie fühle sich, obwohl ihre Mutter sie unterstütze, dennoch eingeschränkt. Das Geld vom RAV reiche kaum, vor allem auch, weil Selina ein Auto hat. Sie schreibt fleissig Bewerbungen, und schon mehrmals durfte sie in einem Coiffeursalon schnuppern. Es sei jedes Mal dasselbe Spiel: Das Feedback sei gut, die Hoffnung steige. Ein paar Tage später kommt die Absage: «Wir haben jemanden mit mehr Erfahrung genommen.» Mittlerweile hat Selina sich damit abgefunden, dass sie mit ihrer Ausbildung zurzeit keinen Job findet. Sie fasst eine Umschulung in den Wellnessbereich ins Auge. «Ich bin froh, meinen Traum drei Jahre gelebt zu haben, und freue mich auf etwas Neues», sagt sie. Eine konkrete Lösung hat sie noch nicht, aber sich bereits über Ausbildungen informiert. «Vielleicht könnte ich damit bereits berufsbegleitend anfangen, wenn ich ab Januar in der Cilag arbeite», sagt Selina. Diesen Job hat sie wieder über ein Temporärbüro gefunden. Aufs Arbeiten freut sich Selina übrigens richtiggehend. Tobias Fritschi, 23 Jahre Tobias Fritschi sucht eine Lehrstelle. Es wäre nicht seine erste Ausbildung, aber Tobias glaubt nicht, dass ihm das bei der Arbeitssuche nützt: «Es bewerben sich so viele Leute auf diese Stellen, dass ich kaum eine Chance habe.» Im Anschluss an die Oberstufe hat er eine zweijährige Anlehre bei der Post gemacht. Als ausgebildeter Logistiker wurde er ein halbes Jahr weiterbeschäftigt. Seit der Kündigung schlägt sich Tobias durch: Praktikum hier, Temporärjob da. Eine Lehre als Kaminfeger hat er auch begonnen, doch diese musste er wegen seiner Nervenkrankheit zuerst unter-, wenig später abbrechen. Bereits zum zweiten Mal ist er nun im BOA, seit bald neun Monaten. Den Schulstoff hört er bereits zum dritten Mal, weil die Jugendlichen üblicherweise maximal sechs Monate im Programm sind. Eigentlich wäre Tobias sowieso lieber ins «Sprungbrett» eingestiegen, aber seine Bewerbung wurde abgelehnt. Er glaubt nicht, dass ihm das BOA viel für seine berufliche Zukunft bringt. «Es ist nicht mein Ding, mit Holz zu arbeiten oder zu basteln», sagt er. Tobias will darum so schnell wie möglich einen Job finden. Er versende mehr Bewerbungen, als das RAV vorschreibe, sagt er. Nach der Kündigung bei der Post war Tobias arbeitslos. Er fand es gar nicht toll: «Ich sass nur zu Hause vor dem Fernseher und habe nichts gemacht.» Nach einem halben Jahr fand er ein Praktikum als Montageelektriker. Seither pendelt er zwischen Temporärstellen und BOA. Auch im Spital war er mehrmals, wegen seiner unberechenbaren Erbkrankheit. Besonders getroffen hat ihn die unerwartete Kündigung des Lehrmeisters, als er wegen der Krankheit mehrere Wochen ausfiel. «Es hiess, ich sei faul gewesen. Das fand ich sehr ungerecht», sagte er. Tobias schaut vorwärts. Ende Januar kann er eine Woche in einem geschützten Restaurationsbetrieb schnuppern. Seine Motivation für diesen Ausbildungsplatz ist gross. Doch wenn er an Anfang Februar denkt, beschleicht ihn Ungewissheit: «Ich weiss ja nicht, was danach kommt.» Er hat sich auch schon überlegt, den Taxibrief zu machen, um unsichere Phasen zu überbrücken. Nach seinem Leben mit Dreissig befragt, weiss Tobias nicht so recht. Er wünsche sich einen sicheren Job oder vielleicht eine Familie. «Oder ich bin im Ausland», sagt er, «irgendwo, wo es warm ist. Zum Beispiel als Koch in einem Touristenort.»
Von Nina Belz |
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