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Das Ausgeh- und Freizeitmagazin der «Schaffhauser Nachrichten» 07.09.2010

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Kratz auf der Platte

Wer kauft im Download-Zeitalter noch Schallplatten? Ein Augenschein in der Schaffhauser Vinyl-Szene.


Was könnte im 21. Jahrhundert, lange Zeit nach der Erfindung von Kassette, CD, Minidisc und ­digitalen Musikspeichermedien, noch dafür sprechen, Schallplatten zu hören? Dagegen scheint erst einmal einiges zu sprechen. Eine Schallplatte ist ja ein nicht portabler Tonträger. Wegen seiner Grösse und Sperrigkeit passt er in keinen Rucksack und in keine vernünftige Tasche. Am ehesten ist er stapelweise gemeinsam mit seinesgleichen in einem riesigen, würfelförmigen Koffer zu transportieren. Wenn nicht in Koffer oder Kiste, geht er ja kaputt: verbiegt, bricht oder bekommt Kratzer. Und wenn er zerkratzt ist, kann man ihn nicht mehr richtig hören. Dann springt die Nadel, und man ­ärgert sich. Dann muss man aufstehen und der Nadel einen Schubs geben. Dabei beschleicht einen die Sorge, dass man gerade dadurch die Platte noch weiter ruinieren könnte. Aufstehen muss man aber ohnehin alle zwanzig Minuten, um die Platte zu wenden oder eine neue hervorzu­fischen. Wenn man zudem nur bestimmte Stücke auf einer Platte hören will, andere aber nicht –
was in der Unterhaltungsmusik oft der Fall ist, weil da meist nach zwei flotten Tempi eine Schnulze kommt –, dann bleibt man am besten beim Plattenspieler stehen oder baut ihn gleich neben sich auf dem Sofa auf.

Vinyl versus Digital
Solche Überlegungen zum Format der Langspielplatte führen also zum Schluss, dass dieser Tonträger die technischen und praktischen Argumente nicht auf seiner Seite hat, um es gelinde auszudrücken. Zumal sich ja in den letzten dreissig Jahren einiges getan hat in der Musiktechnologie. Das Zeitalter von Breitbandinternet und digitalen Musikdateien hat den monofunktionalen Tonträger unnötig gemacht. Als Träger von Musikdaten dient heute derselbe Speicher wie für alle anderen Daten, nämlich eine Festplatte oder ein Chip. Ein Speicher, der kaum mehr Gewicht als eine Schallplatte hat, beherbergt ganze Diskotheken. Einige der neuesten Laptops verfügen heute nicht einmal mehr über ein CD-Laufwerk. Auch die CD ist nämlich im Umfeld von Drahtlosnetzwerken im Grund obsolet geworden. Die technische und praktische Überlegenheit der digitalen Variante von Verwaltung und Konsum von Musik ist wohl kaum bestreitbar.
Die Motive, in den 2010er-Jahren Schallplatten zu hören, müssen also woanders als im Wunsch nach einem möglichst praktischen, mobilen oder qualitätsvollen Tonträger liegen. Die Discjockeys kommen einem in den Sinn. Natürlich, in der Disco Songs zusammenmischen, schöne Übergänge machen und je nach Stil scratchen, das wird mit dem iPod schwierig. Allerdings gibt es auch für diese, wie man meinen könnte, genuin manuellen Verrichtungen digitale Entsprechungen. Digitale Discjockeys erwecken aber, genauso wie Musiker, die auf der Bühne bloss am Laptop herumklicken, bei manchen Leuten ein gewisses Unbehagen, verbunden mit dem Gefühl, dass doch hier gar nicht mehr so richtig aufgelegt wird.
Doch was könnte die gefühlte «Richtigkeit» des guten alten analogen Tonträgers ausmachen? Die höhere Qualität, in einem messtechnisch nachweisbaren Sinn, ist es jedenfalls nicht. Jedenfalls ist ein entsprechender Nachweis bisher noch nicht erbracht worden. Im Gegenteil ist die digitale Aufnahme und Wiedergabe von Klängen ist bis dato das Präziseste, was es gibt. Die analoge Klangtechnik ist zwar grundsätzlich ebenfalls zu sehr hoher Originaltreue fähig, weist aber viele mögliche Schwachstellen in der langen Wiedergabekette auf. Es braucht lediglich ein einziges Element des Plattenspielers minderwertig zu sein, etwa der Antrieb, der Tonarm oder die Abtast­nadel, und schon ist die Wiedergabe verzerrt und bleibt meilenweit hinter jeder mp3-Datei zurück. Eine Vermutung, die von den technischen Sachverhalten besser gestützt ist, ist diejenige, dass es gerade leichte harmonische Verzerrungen der analogen Klangerzeugung sind, die ausmachen, dass gewisse Hörer die Schallplatte der CD vorziehen. Der Vorteil der schwarzen Scheibe wäre dann, dass sie gewissen Hörern wegen ihrer technischen Unvollkommenheit subjektiv als wohlklingender erscheint.

Alte Platten für junge Käufer
Subjektivität und persönliche Vorliebe wären dann der Schlüssel zum Verständnis der Vinyl-Liebhaberei. Da hätte man eigentlich von Anfang an drauf kommen können. Ein Augenschein in der Schäferei in der Schaffhauser Webergasse könnte Klärung bringen. Seit rund einem Jahr wird hier jeden ersten Mittwoch im Monat eine Plattenbörse veranstaltet. An einem solchen Mittwochabend verwandelt sich die Schäferei jeweils in ein kleine Rockkneipe. Das Lokal ist bevölkert von jungen Leuten. An den Tischen stemmen einige Rocker­figuren ihr Bier. Sie haben lange Mähnen, sind in Lederjacken gekleidet und mit Nieten und Ketten geschmückt. Ferner sausen Punks mit bunten Haaren und Kleidern im Lokal herum. Um die Bar wehnt ein Hauch von Gothic. Die Musik, die in ­erträglicher Lautstärke erklingt, ist älter als die meisten anwesenden Personen. Es handelt sich um Punk- und Rockklassiker aus der Blütezeit der Schallplatte. Gespeist wird die Anlage aus einem Plattenspieler, der von jedermann bedient werden darf. Statt einer Abhörstation mit Kopf­hörer dient also die ganze Stube als Probehörraum. Das
Reinhören in die Platten ist so ein gemeinsames Erlebnis und regt Kunden und Verkäufer zum Austausch über die Musik an. Überhaupt sind viele der Anwesenden über die Stilgrenzen hinweg in freundschaftlichem Kontakt miteinander.
Der einzige Verkäufer, der sein Sortiment regelmässig am ersten Mittwoch des Monats ins Lokal schafft und feilbietet, ist der Initiant und Veranstalter der Plattenbörse, Simon Langhard. Das Mitglied der Genossenschaft Fassbeiz hatte früher am Flohmarkt mit Schallplatten gehandelt, und kam vor rund einem Jahr auf die Idee, mit der Börse die Mittwochabende in der Schäferei etwas attraktiver zu gestalten. Seither hat er sein Angebot erweitert und führt neben seinem eigenen Plattenbestand ein Sortiment in Kommission von Plattenläden und -vertrieben. Als Kontrabassist der Punk/Rockabilly-Band The Peacocks kommt er ausserdem viel herum und hält nach gutem ­Material Ausschau, wo er kann. Die Singles und Langspielplatten, die Simon und seine Kollegen hier verkaufen, sind neue oder eher günstige ­gebrauchte handelsübliche Platten aus den Be­reichen Punk, Rockabilly, Garage, Ska sowie 50’s und 60’s. Raritäten wie Erstpressungen oder ­Spezialeditionen zu höheren Preisen gehen in
der Schäferei eher selten über den Ladentisch.
Simon weiss Bescheid über das Schallplattenbusiness. Es gibt neben dem Occasionsmarkt auch einen kleinen Markt mit neuem Material, und es ist tatsächlich fast alles als Platte erhältlich, was heute auf CD erscheint. Der Vinylhandel hatte natürlich riesige Einbrüche erlitten, als sich die CD durchsetzte, ist aber auf einem sehr geringen Niveau von weniger als einem Prozent des Tonträgermarkts stabil geblieben. In den vergangenen zwei bis drei Jahren sind die Vinylkäufe ­jedoch weltweit um fast 90 Prozent gestiegen. Grosse Musikfachgeschäfte führen wieder vermehrt LP-Sortimente und haben diese in der letzten Zeit vergrössert. Während die Download­revolution dem CD-Geschäft eine schwere Krise bereitet, hat das Vinylgeschäft zugelegt. Obwohl der Tonträgermarkt insgesamt schrumpft, wächst der Plattenmarkt, und sein Anteil hat entsprechend proportional doppelt zugenommen.

Freude am Fassbaren
Simon beobachtet diese Trendwende auch in seinem Umfeld. Es gebe gerade auch sehr viele Junge, so um 20-Jährige, die heute Schallplatten kauften, Personen also, die mit der CD aufgewachsen sind. Dass die Schallplatte während der CD-Krise zulegt, erstaunt ihn nicht. Im iTunes-Zeitalter ist die CD veraltet, und vor allem ist ihr Kauf schon fast sinnlos geworden. Weil man von einer CD eine gleichwertige CD selber brennen kann, scheinen ihr Wert und ihr Ansehen stark gesunken zu sein. Die Schallplatte hingegen existiert immer nur in der Form, in der sie produziert wurde, denn sie ist nicht privat reproduzierbar. Dies macht sie also gerade im Download-Zeitalter offenbar wieder ­attraktiv, nämlich für Leute, die es schätzen, einen nicht kopierbaren materiellen Datenträger in den Händen zu halten.
Die Haptik scheint also für Simon und sein Vinyl-umfeld mehr im Vordergrund zu stehen als die Akustik. Der Plattenhändler ist sich nicht sicher, ob die Schallplatte wirklich besser klingt als die CD, und es ist auch nicht sein Motiv dafür, dass
er ein Plattenmann ist. Auch für die Plattenfans in seinem Umfeld sei das Qualitätsargument wohl kaum das Hauptkriterium. Die Gäste der Schä­ferei brauchen auch überhaupt keine Argumente
für ihre Leidenschaft. Sie haben sich schlicht und einfach für die Schallplatte als ihr Tonträgerformat entschieden und Freude an ihrem «Vinül». Stolz zeigen sie alle einander ihre neusten Anschaf­fungen, und es ist offensichtlich, dass Stolz und Enthusiasmus immer auch ein wenig das ­Medium mitbetreffen: Man wedelt einander mit den Platten zu und zeigt sich ein Plattencover quer durch den ganzen Raum hindurch. Das wäre mit einer CD un-
denkbar. Die ganze Klientel ist offensichtlich vereint durch die Überzeugung: Musikbegeisterung ist Plattenbegeisterung! Dank der Initiative von ­Simon und der Genossenschaft Fassbeiz hat sich in der Schäferei eine zwar kleine und lokale, aber umso freundschaftlichere und ­engagiertere Szene etabliert. Damit ist Schaffhausen um einen Treffpunkt und ein Subkulturevent reicher geworden.

Von Florian Bissig
  Bild zu Kratz auf der Platte

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