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Laufschwärmereien
Kein Vorsatz ist so gut wie der, endlich einmal joggen zu gehen. Eine Anleitung
Das neue Jahr könnte nicht schlimmer beginnen. In der üppigen Weihnachtszeit hat man sich täglich überfressen, an Silvester dafür eine Spur zu feuchtfröhlich gefeiert. Nun sitzt man dehydriert auf dem Sofa und vermag es kaum, die Hand nach der Fernbedienung auszustrecken. Wo sind sie eigentlich, die guten alten Neujahrsvorsätze? Nach einer Woche scheint sich kaum mehr jemand zu erinnern, was er sich vor wenigen Tagen noch vorgenommen hat. Es scheint eine Art Silvester-amnesie zu bestehen: Hat das neue Jahr erst mal begonnen, kann man sich kaum an Vorsätze erinnern. Kein Wunder! Die Kehrseite der guten Absichten ist das schlechte Gewissen. Der eigentliche Wert von Vorsätzen sinkt bereits dann unwiderruflich in den Keller, wenn sie zum ersten Mal gebrochen werden. Seien wir ehrlich: Die meisten unserer Wünsche eignen sich ja auch nicht dazu, eingehalten zu werden. Welcher Verrückte unterzieht sich länger als eine halbe Woche langweiliger Diätkost, und welche Raucherin lässt die Zigaretten just am Tag des grossen Katers – dem 1. Januar – achtlos liegen? Wer kriegt seine Finanzen zur Zeit des Winterausverkaufs schon in den Griff? Ja, eigentlich ist Silvester die denkbar ungünstigste Zeit, sich in Selbstdisziplin zu üben. Würden wir unsere persönlichen Ziele an Pfingsten setzen, kämen wir wohl weiter … oder sind surreale Vorsätze allgemein zum Untergang verdammt? Es gab mal einen weisen Schweizer, der sagte: Neujahrsvorsätze sind Startschüsse für Rennen, die nie stattfinden. Was den Abnehmwahn und die Nikotinsucht angeht, scheint dieser Satz ins Schwarze zu treffen. Mit dem Wortbild des Rennens hat der Zitierte allerdings unwissentlich ins Schwarze getroffen: Der Startschuss fürs Rennen ist zur Zeit des neuen Jahres eine gelungene Idee. Drosseln wir das Rennen zu einer etwas gemütlicheren, aber mindestens genauso sinnvollen Aktivität, und wir haben den perfekten Neujahrsvorsatz. Denn nichts – wirklich nichts! – eignet sich so gut als Vorsatz wie der Wunsch, endlich mal joggen zu gehen.
Jahreszeiten hautnah Brigitte Röllin und Stephanie Sauter sind gerade Dutzende von Kilometern gejoggt. Noch munter miteinander redend, verlangsamen sie ihren Schritt am Ende der Strecke, begeben sich ins Warme und machen dort einige Lockerungsübungen; dabei wirken sie alles andere als zu Tode erschöpft. «Nach dem Joggen muss sich keiner völlig am Ende fühlen», findet Brigitte. «Viel eher sollte man sich fragen: Wo ist der nächste Baum, den ich ausreissen kann?» Die Frau muss es wissen: Als persönliche Sportbetreuerin, Mental- wie auch Ernährungstrainerin befasst sie sich täglich mit dem Erreichen von Zielen, die Kundinnen und Kunden sich gesetzt haben. Dazu gehört auch der Fortschritt beim regelmässigen Lauftraining, ein zielgerichtetes Jogging also. Wenn Brigitte vom Joggen erzählt, gerät sie richtig ins Schwärmen. «Man erlebt die Natur hautnah, jede einzelne Jahreszeit. Im Wald sehe ich manchmal Füchse, Hasen oder Rehe. Und wenn ich die ersten Schneeglöckchen entdecke, freue ich mich immer wahnsinnig.» Ihrr Joggingpartnerin Stephanie, die momentan von Brigitte im Ausdauertraining betreut wird, ergänzt: «Joggen gibt einem das Gefühl von Freiheit. Ich spüre dann, dass mein Körper zu etwas fähig ist. Vor allem für Bürogummis ist das wichtig.» Am liebsten trainiert Stephanie im Winter, «wenn nicht so viele Leute unterwegs sind». Und auch ihre Personal Trainerin Brigitte will in der kalten Jahreszeit auf nichts verzichten: «Den Regen auf den Wangen zu spüren, die feuchte Luft einzuatmen, das ist doch schön. Genau jetzt ist das Tageslicht besonders gut für die Psyche. Man kriegt keine Winterdepressionen mehr, wenn man öfter rausgeht. Joggen ist da Gold wert.»
Keine Kampfstiefel Apropos Gold: Wie teuer kommt es einen eigentlich zu stehen, wenn man mit dem Jogging anfangen will? Andy Müller sagt: «Zum Anfangen braucht es vor allem gute Schuhe. Der Rest kann erstmal improvisiert werden.» In seinem Laden für Triathlon und Laufsport berät Andy Einsteiger wie auch Profis. Geht es aber darum, zum ersten Mal joggen zu gehen, hat der Schuh erste Priorität. Wer es in Kampfstiefeln oder Hallenschuhen versucht, wird mit grösster Sicherheit kein zweites Mal laufen gehen. Darum hält Andy in seinem Fachgeschäft diverse Methoden bereit, um den passenden Laufschuh zu ermitteln. Ein solches Paar Schuhe hält glatt 1000 Kilometer, ist sein Geld also allemal wert. Sowieso sei Jogging eine der günstigsten Sportarten überhaupt, erklärt Andy. «Es fällt kein Mitgliederbeitrag an, der Zeitaufwand ist minimal, und beginnen kann man vor seiner eigenen Haustür. Unkomplizierter geht es kaum!» Dabei müsse das Rennen gar nicht immer so eine ernste Sache sein. Zu zweit oder zu dritt, empfiehlt Andy, falle einem das Rausgehen erheblich leichter. Vor allem bei Winterwetter. Um bei diesen kühlen Temperaturen anzufangen, zieht man sich am besten nach dem bewährten Zwiebelprinzip an: drei Schichten, übereinander angezogen, bestehend aus Untershirt, einem isolierenden Jäckchen und einer Jacke gegen die Witterung. Der grosse Feind aller Jogging-Kleidung ist dabei die Baumwolle, da sie Schweiss aufsaugt und nur schlecht wieder trocknet. Stattdessen sollten Stoffe wie Polyester oder Fleece vorgezogen werden. In Fachgeschäften wie Andys «Redy Sport» gibt es zudem alles, was das Sportlerherz höher schlagen lässt: Von Funktionsunterwäsche und Handschuhen bis hin zum Schrittzähler oder Sportriegel kann so manches einen Läufer unterstützen. Den winterlichen Anfängern empfiehlt Andy aber vor allem Funktions-unterleibchen und Mütze oder Stirnband. Zudem sollte, wer über 40 und sehr unsportlich oder übergewichtig ist, sich erst noch vom Arzt das Okay geben lassen. «Das grösste Problem bei Anfängern ist, dass sie zu schnell zu viel wollen», berichtet Andy. Tatsächlich kommt einem die Motivation denkbar rasch abhanden, wenn man sich eine Stunde Vollgas vornimmt und als ungeübte Sofakartoffel nach fünf Minuten Spurt kaum mehr zum Atmen kommt. Der Sinn vom Jogging liegt schliesslich in der – hauptsächlich angenehmen! – Ausdauer. Zum Anfangen eignet sich daher viel eher eine Kombination aus Joggen und «Pause»: Eine Minute wird gejoggt, dann zwei Minuten zügig gelaufen. Auf 20 Minuten aufgeteilt, ergibt dieses Training einen guten Anfang. Mit jedem Mal wird man die Jogging-Minuten ausdehnen können, «und plötzlich schaffst du zehn Minuten am Stück. Die Verbesserung kommt fast von Woche zu Woche, und nach zwei bis drei Monaten siehst du den Effekt.» Für solche Fortschritte aber ist es nötig, regelmässig die Laufschuhe aus dem Regal zu nehmen: Zwei bis drei Mal pro Woche sind laut Andy ideal. «Ab minus fünf Grad würde ich als Unerfahrener vorsichtig sein», rät er zudem. Argumente fürs Trainieren kennt der ehemalige Mittelstreckenläufer zur Genüge: «Es ist ein sensationelles Herz-Kreislauf-Training, für den Abbau von Stress genau richtig.» Die positiven Effekte des Joggens lesen sich tatsächlich wie die Inhaltsangaben des Jungbrunnens: Das Immunsystem wird stabiler. Das Lungenvolumen nimmt zu. Das Herz lernt, ökonomischer zu arbeiten. Und alles, was es braucht, sind Laufschuhe, wäre da nicht …
Die Überwindung … der innere Schweinehund. Wem kommt das nicht bekannt vor: Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach? Die besten Tipps hat Personal Trainerin Brigitte parat: «Ich stelle mir diesen inneren Schweinehund bildlich vor. Dann haue ich ihm in Gedanken eine Keule über die Birne. Wenn das Training mal wieder etwas Überwindung braucht, besinne ich mich einfach auf das Gefühl nach dem Joggen: die gute Dusche. Wenn man sich das in Erinnerung ruft, fällt alles leichter.» Eine oft vergessene und wahnsinnig angenehme Vorgabe ist beim Jogging zudem: Die Puste soll zwar nicht mehr fürs Singen reichen, wohl aber zum Reden. So kann man beim ersten kühlen Lauf gegenseitig die Neujahrsvorsätze austauschen – und sich darüber freuen, dass man den schönsten bereits in die Tat umsetzt.
Von Anna Rosenwasser |
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