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Das Ausgeh- und Freizeitmagazin der «Schaffhauser Nachrichten» 07.09.2010

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Weihnachtsalbum

Maskenspiel, Travestie und Rentiere


Von Dean Martin bis Céline Dion haben viele Musiker Weihnachtsplatten aufgenommen. Die Aufregung in den Internet-Fan-Foren war dennoch gross, als für die diesjährigen Festtage nun auch Bob ­Dylan ein solches Album ankündigte. Dylan war als Misanthrop bekannt, der sich früh von gesellschaft­lichen Konventionen verabschiedet hatte. Die Meldung, dass gerade er, der seine künstlerische Inte­grität immer mit Haupt und Haaren verteidigt hat, nun ein Weihnachtsalbum auf den Markt bringt, irritierte nicht nur die hartgesottenen Fans. Sogar ­Dylans Plattenfirma soll zunächst an einen Witz geglaubt haben. Ein Blick zurück zeigt aber, dass er für solcherlei Überraschungen schon immer einen Sinn gehabt hat.

MASKENSPIEL

Bob Dylan hatte sich in der damals boomenden Folk-Musik mit Antikriegslyrik und aufmüpfigem Auftreten einen Namen gemacht, als er Ende Oktober 1964 ein denkwürdiges Konzert gab. Zwischen zwei vielbejubelten Liedern bemerkte er schelmisch: «Heute ist Halloween – und ich habe meine Bob-­Dylan-Maske auf». Das Publikum lachte, doch verhiess der Spruch Ernsteres, als manchem damals lieb sein konnte. Denn während die besinnlichen Politlieder, gewöhnlich nur mit Gitarre und Mund­harmonika begleitet, grosse Massen anzusprechen begannen, hatte Dylan bereits genug davon. Er wollte weder die Stimme der neuen Generation noch ein Zugpferd der Bürgerrechtsbewegung sein – der näselnde Zauskopf verselbständigte sich.

Gegen die betuliche Eintracht der aufkommenden Hippie-Szene fuhr Dylan zwei Jahre später auf dem puristischen Newport Folk-Festival eine Rockband mit elektrischen Gitarren auf. Der Skandal war programmiert. Dass er mit seinen Experimenten aber weite Kreise ziehen und ganze Generationen von Musikern beeinflussen würde, das hat auch Dylan kaum ahnen können.
Mit «Blonde on Blonde» und «John Wesley Harding» schrieb Dylan grosse Werke, seine immer noch wachsende Popularität machte ihm aber zunehmend zu schaffen. Er hörte auf, Konzerte zu geben, zog sich aus der Öffentlichkeit fast vollständig zurück und versuchte, seinen Ruf als Erneuerer der popu­lären Musik loszuwerden. 1969 nahm er so unter Beihilfe von Johnny Cash ein konservatives Country-Album auf, auf dem Dylan mit ungewohnt tiefer Stimme singt und sich in den Texten zu einem verwaschenen, abgeklärten Cowboy stilisiert. Dass «Nashville Skyline» weder länger ins Bild des jugendlichen Polit-Rebellen der frühen noch zu dessen rockigem Widerpart der darauffolgenden Jahre passte, konnte dem Geheimnis um Dylan aber keinen Abbruch tun. Sein Haus wurde von Fans überrannt, seine Mülleimer nach Artefakten durchsucht.

So setzte Dylan zu einem nächsten Gegenschlag an, der Musikkritiker und Dylan-Fans bis heute in Verlegenheit bringt: Unter dem vielversprechenden ­Titel «Self Portrait» legte er ein Album vor, das sein wahres Ich darzulegen versprach. Das Cover, das Dylan selber gemacht hatte, versprach eher Böses, und tatsächlich gab es auf der Platte keine intimen Geständnisse, sondern vielmehr ein Sammelsurium von teils irrwitzigen Experimenten, teils aber auch einfach lieblos Hingerotztem. Den krönenden Abschluss des Doppelalbums bildete das Lied «Wigwam»; eine Mischung aus Lagerfeuerlied und Militärmarsch, dominiert von einer verstimmten Klampfe und einer Handvoll Trompeten. Dylan ist dabei nur im Hintergrund zu hören, freitonal und aus vollem Kehlkopf »nanana» krähend, denn einen Text hat das Lied nicht. Die Kritiken waren durchweg schlecht, die Anhänger verständnislos. Dylan lehnte sich ­zurück und liess »Wigwam» zusätzlich als Single veröffentlichen.

NEUE WEGE

Die Siebziger wurden dennoch ein gutes Jahrzehnt für Fans von Dylan, der seinen Ruf mit Geniestreichen wie «Blood on the Tracks» oder «Desire» reparierte und mit einer neuen Band vielgelobte Tourneen absolvierte. Ein Renommée, dem Dylan dann jedoch erneut mit unvorhergesehenen Wendungen begegnete: Der geborene Robert Zimmermann besann sich zunächst auf seine jüdischen Wurzeln zurück, streute dann aber primär christliche Botschaften in seine Songs ein. Empörung machte sich breit, nicht nur weil viele dieser neuen Texte eher betulich als wirklich poetisch wirkten, sondern auch weil Dylan das frühere Material live kaum noch spielte. Später sollte Dylan diese Wendungen überspielen. Wie ernst es ihm damals mit seiner Botschaft tatsächlich war, ist schwer zu sagen. Ist doch aus seinem Privatleben und von seinen eigentlichen Ansichten damals (wie heute) fast nichts bekannt.

Doch Zeichen eines erneuten Wandels zogen bereits auf. Mit den Achtzigern brach eine neue Ära der Popmusik an, die Dylan alt aussehen liess: Punk und MTV setzten in der Popkultur ganz neue Töne. Die rebellische Haltung wurde zum ironischen Zitat stilisiert und die gängigen Instrumente von Computern abgelöst. Dylan wandte sich zur Erleichterung mancher Fans nun wieder von Gott ab, von den technischen Neuerungen liess er sich aber allzu sehr einnehmen. Auf »Empire Bourlesque» ging das kehlige Näseln in einem lieblos arrangierten Brei von Synthesizerklängen unter, und von den wenigen, welche die religiösen Mäanderlinien noch mitgegangen waren, verabschiedeten sich hier die meisten. Dylan war Mitte der Achtziger musikalisch wie textlich bankrott.

COMEBACK

Die Erwartungen waren entsprechend tief, als Dylan zehn Jahre später mit dem Album «Time Out Of Mind» (1996) sein Spätwerk einläutete, mit dem ihm dann jedoch das vielleicht furioseste Comeback der Rockgeschichte gelingen sollte. Melancholisch und rauh gab er sich, die Texte waren düster aber wieder ausgefeilt, und seine Stimme gewann im Alter eine fast würdige Kratzigkeit. Er stand auf einem neuen Zenit seiner Karriere, gewann drei Grammys und wurde – dies sehr zur Verwunderung der nun aber wieder versöhnten Fans – sogar vom Papst zu einer Audienz geladen.

Dylan schien angekommen, wirkte entspannt und erblühte in ungeahnter Schaffenskraft. Nebst wei­terer Alben schrieb Dylan seither ein Filmdrehbuch sowie eine Autobiographie, gewann einen Oscar und moderierte eine ebenfalls vielgelobte Radio­serie, in der er, von Country bis Hip-Hop, von Sinatra bis Strawinski, seine Lieblingsmusik spielte und in diesem Zug in gut hundert Sendungen, wie nebenbei, die letzten Jahrzehnte populärer Musik inventa­risierte.

Kleinere Eskapaden gab es weiterhin. Zu einem Pressetermin erschien er als Frau verkleidet und trat, obwohl er die kommerzielle Verwendung seiner Musik immer unterbinden liess, in einer Werbung für Unterhosen auf. Aufhorchen liess vor einem Jahr auch eine Pressemeldung aus New York, der zufolge ein bär­tiger alter Mann in einem Kindergarten aufgetaucht war, um dort mit seiner Gitarre Weihnachtslieder vorzutragen. Tatsächlich war es Dylan, der beschlossen hatte, einen Abstecher an die Ostküste zu machen, um eines seiner Grosskinder mit einem Ständchen zu überraschen. Manche Kinder seien verschreckt gewesen und hätten geweint, Dylan selber fand seine Idee aber offenbar wunderbar und beschloss, mit ­diesen Weihnachtsliedern ins Studio zu gehen.

HERDÖPFELSTOCK

Herausgekommen ist dabei eine sonderbare ­Mischung bekannter Weihnachtslieder, die Dylan mal eigenwilliger, mal konformer neu arrangiert. Bereits das erste Lied, »Here Comes Santa Claus», gibt ­dabei den Tarif durch. Von einem Chor quasi engelhafter Backgroundsängerinnen eröffnet, die den fünfziger Jahren entsprungen scheinen und die ganze Platte begleiten, schiebt ein lässiger Beat an. Dann setzt Dylan ein und gibt raunend und titelgebend zu verstehen, dass hier der Klaus komme, was mindestens ebenso drohend wie verheissungsvoll klingt. Es folgt eine Reihe bekannter amerikanischer und irischer Weihnachtslieder wie »Winter Wonderland» oder »Little Drummer Boy». Zum Highlight der Platte gerät dann die Uptempo-Nummer »Must Be Santa», mit Akkordeon und stampfendem Bass untermalt. Ein Lied, zu dem auch ein Videoclip angefertigt wurde, der eine aus den Fugen geratene Meute auf einer Feier zeigt, mittendrin Bob Dylan, sonst eher kamerascheu, hier aber mit Nikolaus-Kappe, eindringlich, jedoch eher taumelnd als predigend in die Kamera singend. Wer nun eine ironische Platte erwartet, hat aber weit gefehlt. Zu sulzig-süss säuselt der Chor, und zu ernst meint Dylan es scheinbar auch hier noch, wenn er, ähnlich wie in seiner Radioshow, eigentlich Archivarbeit leistet. Aufrichtig hat Dylan inventarisiert, was ihm als Pop-Weihnachtsmusik nennenswert erscheint, wie er auch in einem Interview zur Plattenveröffentlichung aufrichtig zu Protokoll gab, dass er an Weihnachten am liebsten Fleisch mit Herdöpfelstock esse. Spektakulär ist das nicht – aber es macht streckenweise Freude. Ob Dylans Weihnachtsexperiment letztlich gelungen
ist, spielt aber insofern keine Rolle, als der Erlös des ­Albums an das Welternährungsprogramm geht. Wenn jemand Dylan kaum kennt, wird er gut daran tun, sich andere Platten zu kaufen, denn einen guten Eindruck gewinnt man hier von ihm nicht. Wer aber schon die eine oder andere CD bei sich stehen hat und sich von Dylan ein Bild gemacht hat, für den lohnt die Platte, denn ein solches Bild wird hier ­gehörig über den Haufen geworfen.



Die Platte »Christmas in the Heart» ist auf CD und Vinyl erhältlich. Unter www.bobdylan.com kann man sich Ausschnitte aus dem Album anhören und das Video zur Weihnachtssingle anschauen.
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