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Das Ausgeh- und Freizeitmagazin der «Schaffhauser Nachrichten» 07.09.2010

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Klangholz

Seit rundzehn Jahren baut Peter Demmerle an der Neustadt Saiteninstrument.


Ich klopfe an die mit Zetteln und Schnipseln tapezierte Ateliertür – dahinter lärmt ein Staubsauger. «Bisch du scho do? Chum ine. Mue no schnell min R2–D2 verruume», grinst Peter Demmerle, auch Tuggi genannt. Hm? «Star Wars, de Roboter, kennsch nöd?» Während er das Gerät, das tatsächlich aussieht, als wäre es aus den siebziger Jahren, irgendwohin verschwinden lässt, schaue ich mich um: eine Hobelmaschine mit Schläuchen, zum Fürchten gross und lang. Eine Werkbank übersät von Feilen, Schleifpapier & Co. Ein altrosa Instrumentenkoffer. Eine zweigeteilte Harfe, eine halbfertige Drehleier. Viel Holz und viel Staub über allem.
Mir wird ein Barhocker angeboten und eine Tasse grüner Tee. «Ich hab ein ziemliches Puff, sollte mal aufräumen. Obwohl, es gibt ja keine Unord­nungen, nur Ordnungen, die man nicht versteht.» Und aus dieser für mich noch nicht verständlichen Ordnung gehen wunderbar gefertigte Instrumente hervor – Gitarren, Harfen, Drehleiern, Mandolinen, Mandolas und Bouzukis (Oktavmandolinen). Seit rund zehn Jahren stellt Demmerle in seinem Atelier an der Neustadt Saiteninstrumente her. «Wenn ich morgens komme, spiele ich erst mal eine Viertelstunde auf einem der Instrumente. Um mich vor dem Wischen zu drücken. Und dann brauchst du auch keine Drogen mehr zu nehmen.»

Der Autodidakt
Gegen Ende der Kantizeit hat der heute 35-Jährige begonnen, verschiedene Arten von Musik auszuprobieren. Und er wollte unbedingt Harfe spielen lernen. Nur, so ein Instrument kostet viel. Also ­beschloss Tuggi kurzerhand, sich selber eins zu bauen. Schliesslich: «Man weiss nicht, was man kann, wenn man es nicht versucht.» Er hat es versucht. Anstatt in die RS zu gehen. Mit Hilfe von Beat Wolf, Harfenbauer in der Webergasse, ist es ihm gelungen, eine Harfe zu bauen. Und siehe, es war gut. Dann begann er an der ETH ein Studium
in Naturwissenschaften, wurde damit aber nicht richtig glücklich. «Man kann das alles ja nicht an der Uni lernen, man muss es ausprobieren», winkt Tuggi ab. So hat er denn die Mathevorlesungen dazu genützt, Mensuren (Saitenlänge und Spannkraft im Verhältnis zum Saitendurchmesser) zu berechnen und Skizzen von Harfen zu zeichnen. «Damals hat ein Feuerchen angefangen zu lodern.»
Eine Zeitlang dachte Peter Demmerle noch, ­zuerst das Studium «und denn frei und denn mache». Aber irgendwann hat er seinen Eltern erklären ­müssen, dass es nichts wird mit dem Abschluss. Diese hätten zwar nicht begriffen, aber irgendwie verstanden. «Oder umgekehrt?!» Auf jeden Fall ­haben sie ihn zum Suchen einer Lehrstelle animiert. Doch die war nicht zu finden. Ein halbes Jahr lang hat er bei einem Orgelbauer im Kanton Zürich gearbeitet, danach musste er sich mit verschiedenen Baustellenjobs die Brötchen verdienen.
Ende 1998 konnte Tuggi die Werkstatt in der Neustadt mieten. In der ersten Zeit habe er «experimentiert»: Er hat sich eingelesen und herumge­werkelt. Alle Instrumente, die damals entstanden, wurden behalten und analysiert: Was kann man besser machen? Welche neuen Formen und Konzepte lassen sich umsetzen? Welche Spezialwerkzeuge sind notwendig? Die Erkenntnisse wurden in ein Arbeitsbuch eingetragen. Mathe, Chemie und Physik waren nicht vergessen, nur eben in einen ­anderen Kontext gebracht – Naturwissenschaften angewandt.
Nebenbei hat sich Demmerle mit weiteren ­Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten. Zum Beispiel mit Taxifahren. Nachts. Tagsüber Werkstattarbeit. «Aber das war auch nicht das Gelbe vom Ei», räsoniert er. «Irgendwann wirst du einfach müde.» Seit 2002 arbeitet er teilzeitweise im Musikhaus Saitensprung. Heute bietet diese Arbeit den «finanziellen Boden» für seine Familie – eine Frau, eine dreijährige Tochter und ein sieben Monate alter Sohn sitzen mit im Boot. Im Jahr 2000 konnte er seine ersten Gitarren verkaufen. An Kumpels. Die erste «richtige» Bestellung war eine Harfe im Jahr 2002. Heute verkauft er in guten Jahren bis zu acht Instrumente. Dieses Jahr war kein gutes. Man wird mit Instrumentenbau also nicht reich? «Sagen wir so: Für Leute, die wahnsinnig gerne Geld haben, ist das der falsche Beruf.»

Musik und Handwerk
Kann Demmerle die Instrumente, die er baut, auch spielen? «Ich spiele auf ihnen allen, aber ­können tu ich es nicht», grinst er. Er selber mag, so sagt er, «Düdelidüü-Musik». Keltische Musik wie zum Beispiel die irische, bretonische oder galizische. Sie müsse eine gewisse «Deliriösität» haben. Eine bitte was? «Blödes Wort. Sie soll halt so was wie ein Delirium erzeugen.» Tuggi spielt in der Folk-Rock-Band «Corner Shop». Und in der Band «Kerry the Dog», die sich dem Traditional Folk widmet. Verleidet einem irische Musik nicht? «Im Gegenteil. Was du vorher blöd fandest, gefällt dir plötzlich – wie im Jazz.» Die Freude an der Musik ist Voraussetzung für den Beruf des Instrumentenbauers, ein absolutes Gehör ist aber nicht notwendig. Wichtiger sei das Handwerk. «Oder sagen wir so: Klang und Handwerk beeinflussen sich. Ich habe durch den Beruf besser hören gelernt.»
Für den Bau einer Gitarre braucht Tuggi vielleicht 50 bis 70, für denjenigen einer Harfe 70 bis 100 Stunden. Sein Vorgehen sei ein wenig «lustprinzipmässig». Traditionell baut man zuerst den Korpus und passt dann den Hals an. Aber es geht auch umgekehrt. Manchmal arbeitet Peter Demmerle auch gleichzeitig an mehreren Instrumenten. Zwischendurch flickt er auch mal ein Cello oder eine Geige, was ihn aber von anderen Arbeiten abhält. «Ich bin einfach zu nett», sagt er. «Meine Aufgabe für die nächste Zeit wird sein, mich zu konzentrieren und den Fokus auf den Harfenbau zu legen. Dort gibt es nur wenige Fachleute.»
Demmerle verwendet für seine Instrumente, neben wenigen und ausschliesslich zertifizierten Tropenhölzern, vor allem Holz aus dem einheimischen Wald. Ab mit der Axt auf den Randen? Nein, nein. Er kaufe im Holzhandel ein, wo er ganze Baumstammstücke bekomme, die es dann erst einmal mit der Motor- und der Kreissäge zu bearbeiten gelte. Oder aber er geht zum Klangholzhändler. Das Problem: «Da nimmst du viel Geld in die Hand und gehst mit wenig Holz heim.» Moment, was ist überhaupt ein Klangholz? «Ein Klangholz ist ein Holz, das klingt.» Aha. «Klanghölzer haben eine hohe Schallgeschwindigkeit.» Äh, ja. «Wenn man ans Holz klopft, wird der Schall schneller übertragen als in der Luft.» Und es hänge eben vom Holz ab, wie gut sich die durch die gezupften Saiten erzeugte Energie über den Körper des Instruments verteile. Resonanz. Das sei das Entscheidende, sagt Tuggi und klopft auf den Körper einer Gitarre. Während beispielsweise Apfel, Balsa oder Föhre für den Bau von Instrumenten ungeeignet seien, würden Ahorn, Fichte, Palisander oder Zypresse sehr schön klingen. Man sagt, so Demmerle, es liege an der Langfasrigkeit der Hölzer. Aber das sei so eine «religiöse Geschichte», das mit den Klanghölzern. Manchmal verziehe sich das Holz, kaum habe man mit «Sable und Hoble» begonnen. Deshalb sei es vor allem wichtig, ein Gefühl für die Hölzer zu entwickeln. «Vielleicht hatte ich mit 30 Jahren kein schlechtes, mit 60 aber wird es besser sein.» Und überhaupt müsse einem das Holz vor allem gefallen. Hübsch muss es sein.
Plötzlich hat Tuggi eine Gitarre zur Hand und spielt; er scheint zu vergessen, dass ich da bin.
Ein einsamer Beruf? «Ja, doch. Ich wird au immer komischer», lacht er. Ernsthaft, das sei schon ein Thema. Das Alleinsein müsse man lernen. Und doch, wenn dann mal jemand bei ihm im Atelier sei, um für sich selbst was zu arbeiten, werde er immer nervös und schaue: Was tut der jetzt wieder? Welches Werkzeug nimmt er?

Von der Anständigkeit
«Die Herausforderung besteht darin: Kann ich’s, oder kann ich’s nicht? Gelingt es mir, etwas zu kreieren? Interessant ist: Hat’s geklappt oder nicht? Und: Kann ich, was die anderen können?» Und das sagt einer, der im gleichen Atemzug behauptet: «Mein grösster Feind im Leben ist mein mangelndes Selbstvertrauen.» Dieses scheint aber vielmehr Antrieb zu sein, die Kreativität zu fördern, und den Willen, sich handwerklich zu verbessern. So meint Demmerle denn auch: «Ich will nicht mit Wursteln durchs Leben kommen, obwohl ich das immer mache.» Er sei froh, wenn ein Stück auch einmal fertig werde und gut geworden sei und er sich entspannen könne.
Die Instrumente wegzugeben falle ihm nicht schwer. Oder doch? Es habe so zwei, drei gegeben, da habe er gedacht: «Das würde mir jetzt auch gefallen, so eins zu behalten.» Bisher hat Tuggi immer die Instrumente gespielt, die er nicht verkaufen konnte, weil sie zu wenig sorgfältig gemacht waren. Wenn er mit diesen an Konzerten auftauche und gefragt werde: «Wie lange machst du das schon? Hast du gerade erst angefangen?», sei das aber schon etwas peinlich. Darum habe er beschlossen, auch ein Instrument für sich zu machen, das sich sauber spielen lasse, gut klinge und herzeigbar sei. Für ihn sei dies eine Form von Werbung. Genau so, wie wenn seine guten Instrumente von guten Musikern gespielt würden. So haben auch schon einige Gitarren den Weg nach Irland und eine Harfe denjenigen nach Spanien gefunden. Für ihn ist das der sympathischere Werbeträger als zum Beispiel das Internet. «Ich bin vermutlich genau ein Jahr zu alt, als dass ich den Zugang zum Computer gefunden hätte», mutmasst er. «Dieses E-Mail-Zeugs stinkt mir. Ich glaube, wenn’s schnell geht, verpasst man viel.»
Was bringt die Zukunft? Abgesehen vom Lottogewinn und von der Sanierung seiner Werkstatt, schwebt ihm der Bau eines Flugzeugs oder eines Schiffes vor. «Aber das ist unrealistisch!» Wenn Tuggis Definition von seinem mangelndem Selbstvertrauen die ist: «Mi fangt öpis a – machi au – chani au – chame da – söll mä da – isch da aständig?» – dann glaube ich, er wird unanständig genug sein, mit dem Mast zu beginnen.

Von Katrin Werner
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