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Das Ausgeh- und Freizeitmagazin der «Schaffhauser Nachrichten» 07.09.2010

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Zeit ist Geld

Die Zeittauschorganisation Vazyt hat Zeit zur Währung erklärt. Das knappe Gut gewinnt so wieder an Wert


Seien wir mal ehrlich. Es geht den meisten von uns doch, rein materiell gesehen, gut. Sehr gut sogar. Finanzkrise hin oder her. Im Vergleich zu dem Agrarvolk, das wir vor knapp zweihundert Jahren noch waren, leben wir im Überfluss. Wir haben genügend Geld, reisen mit Mitte zwanzig nach Südostasien, mit Mitte vierzig in den Golfurlaub auf die Kanaren. Wir kaufen die neusten technischen Errungen­schaften im Jahrestakt, und unsere Probleme kreisen mehr um unsere Selbstverwirklichung als ums nackte Überleben. Wir sind verwöhnt, fett- und wehleidig.
So sehr aber den meisten von uns genügend Geld zur Verfügung steht, so sehr mangelt es allerorts an einem anderen Grundgut. An Zeit. Der Autor kann davon ein Lied singen. Die spärliche Zeit in der eigenen Wohnung, nach getaner Arbeit, sozialem Austausch, kultureller Berieselung und sportlicher Betätigung möchte er nicht auch noch mit Kochen verbringen. Und so erwischt er sich immer häufiger dabei, auf dem Nachhauseweg der Verlockung der mobilen Verpflegung nachzugeben. Selbst kochen und abwaschen kostet nämlich zu viel Zeit. Also ­lieber ein wenig Geld einsetzen und dafür letztere sparen.
Zeit ist das Gold unserer Zeit. Früher war das Rohmaterial teuer, heute sind es die Arbeitsstunden. Der hohe Wert, den Zeit bei uns hat, zwingt uns aber, mit ihr spärlich umzugehen, sie perfekt einzuteilen, zu rationieren. Und, und, und.
Stopp.
Es geht auch anders. In der ganzen Schweiz existieren Vereine, welche die Wechselwirkung von Zeit und Geld umkehren. Welche uns zurückver­setzen in die Wirtschaftsform des Tauschhandels.
In Winterthur tauschen die Mitglieder des Vereins Alternativer Zeittausch (Vazyt) Arbeit, meist Dienstleistungen, manchmal auch Waren, untereinander. Ihre Währung ist die Zeit. Dass heisst, wenn Alphons Berta den Rücken massiert, kriegt er dafür als Lohn die Anzahl Stunden, die er benötigt, gutgerechnet. Und kann sie für etwas anderes wieder ausgeben. Auf das Angebot stösst Alphons, indem er die ­«Vazytig» studiert, den eigenen kleinen Anzeiger des Vereins. Dort sind auch alle Nachfragegesuche der Mitglieder abgedruckt.

Arbeit gegen Zeit
Nach vollbrachter und hoffentlich entspannender Massage tragen Alphons und Berta ihre Geben- und Nehmen-Stunden auf einer Tauschkarte ein und quittieren sie gegenseitig. Ganz einfach. Und praktisch. Denn durch die Tauschkarte müssen die ­Mitglieder nicht gegenseitig tauschen, muss Berta sich nicht direkt bei Alphons revanchieren. Sie kann dafür auch Christa einen Kuchen backen. Und diese wiederum Alphons zum Arzttermin fahren. Dieser Vorteil des Geldsystems bleibt also erhalten.
Brigitt Stehrenberger ist Hausfrau und Redaktorin der «Vazytig». Seit dem 10-Jahr-Jubiläum des Vereins im Jahr 2006 ist sie im Vorstand und mischt auch selbst fleissig mit beim alternativen Zeit­handel. Dabei ging es ihr zu Beginn wie den meisten Neumitgliedern. «Ich hatte das Gefühl, zuerst einmal ein paar Stunden verdienen zu müssen, ehe ich wieder welche ausgebe», schmunzelt die Stadt-Winterthurerin. Dem sei aber nicht so, man dürfe durchaus auch im Minus sein. Die Guthaben- respektive ­Kreditgrenze ist bei 25 Plus-/Minus-Stunden an­gesetzt. «Viele vergessen, dass man auch nehmen muss», so Stehrenberger, «sonst gerät das Tauschsystem ins Stocken.»

Zöpfe backen in der Ich-AG
Ein Blick in die «Vazytig» zeigt: Angeboten wird vieles. Individuelle Visitenkarten, Spanischunterricht, Hilfe beim Ausfüllen der Steuererklärung, ­Einführung in die doppelte Buchhaltung, Massagen. Durchaus also auch Sachen, für die man mal irgendwo eine Ausbildung hat machen müssen. Vor allem aber auch kleinere Dinge, für die man ein Händchen hat. «Man könnte, was wir tun, auch als Nachbarschaftshilfe im grösseren Stil bezeichnen», meint Brigitt Stehrenberger.
Stehrenberger nutzt die Angebote in unregelmässigen Abständen. Manchmal ein paar Monate keines und dann zwei, wie an jenem Tag, als sie ihr Cembalo per Vazyt-Taxidienst zur Reparatur nach Schaffhausen brachte und auf dem Rückweg Biofrüchte bei einer anderen Tauschpartnerin entgegennahm. Dabei kämen nicht alle Angebote gleich gut an. «Jeder ist seine kleine Ich-AG und sein eigener Werbefachmann, muss schauen, dass seine Tauschinserate gwundrig machen, Angebote eine Nachfrage auslösen und Gesuche jemanden zum Helfen mobilisieren können», so Stehren­berger. Ihre Spezialität ist das Backen von Zöpfen, die weggehen wie warme Weggen. Da­neben ­bietet sie auch Hilfestellung beim Korrekturlesen oder layoutet kleinere Flyer. Und ist froh, im Gegenzug ab und zu mit dem Auto mitgenommen zu ­werden.
«Es wäre mir sonst ehrlich gesagt viel zu teuer, das Taxi zu nehmen», gibt Stehrenberger zu. Viele Dienstleistungen, besonders die sozialen, von ­Menschen und nicht von Maschinen zu leistenden wie das Hüten oder sich Kümmern um Mitmenschen, kos­teten heutzutage nämlich extrem viel, seien mit dem Zeittauschsystem aber auf einmal wieder erschwinglich.

Soziale Arbeit wird erschwinlich
«Eine Stunde ist eine Stunde – wertvolle Lebenszeit» kündigt der Flyer des Vereins an. Das überzeugte auch Anny von Siebenthal, die Kassierin des Vazyt, als sie vor ein paar Jahren in einem Zeitungsartikel auf den alternativen Zeittausch kam: «Ich finde diese Idee sozial gerecht, die Arbeit nicht nach Prestige und Können, sondern nach Zeitaufwand abzurechnen.» Es gibt im Reglement des ­Vazyt zwar die Möglichkeit, besonders anspruchsvolle Auf­gaben eineinhalb oder gar zweifach ab­zugelten. «Davon macht aber praktisch niemand Gebrauch», so von Siebenthal.
Die Idee der Sozialzeit war es auch, welche die Gründer im Jahr 1996 umtrieb. Der Verein entstand aus Kreisen der Freiwilligen- und Altersarbeit sowie der Nachbarschaftshilfe. Die Stadt gab eine kleine Finanzspritze und stellte dem Verein Räumlichkeiten im Königshof zur Verfügung. So kapitalismuskritisch die Anlage des Vazyt auch ist (Zinsen sucht man ebenfalls vergeblich), ist es keineswegs so, dass der Verein nur aus sozialdemokratisch oder gar ­sozialistisch eingestellten Menschen besteht. «Wir haben auch SVP-Wähler in unseren Reihen», so von Siebenthal. Viele machten einfach aus Spass oder Neugier mit, «und es gibt wirklich auch jene, die aus chronischem Geldmangel, oder weil sie arbeitslos sind, Zeit tauschen.»
Zu den besten Zeiten waren über 200 Tauschfreunde im Vazyt aktiv. Dann kam eine Durststrecke, man vergass auch das Werben in der Öffentlichkeit. Im Moment sind wieder 95 aktiv, Tendenz steigend. 78 Prozent sind weiblich, die Männer also klar in der ­Minderzahl. «Wir haben auch mehr jüngere Mit­­glieder als früher», freut sich Brigitt Stehrenberger.
Sie muss dabei besonders an eine Kantischülerin denken, die seit kurzem im Verein mitmacht.

Lokal verankert
Der Vazyt besitzt eine relativ bescheidene Grösse. Und strahlt nicht weit über Winterthur hinaus. Das ist typisch für Tauschorganisationen in der Deutschschweiz. Von denen gibt es zwar einige, beispielsweise den Tauschkreis LETS in Zürich, die Ziitbörse Chur oder das Luzerner Tauschnetz, die meisten sind aber nur lokal aktiv. Was für die Betreiber nicht weiter schlimm ist. «Es ist ja nicht unser Ziel, eine Schattenwirtschaft neben dem Staat zu betreiben», so Stehrenberger. Der Staat hätte freilich keine Freude daran, würden Organisationen wie der Vazyt volkswirtschaftlich ins Gewicht fallen. AHV- und Sozialbeiträge werden auf Zeittausch-arbeit nicht erhoben (letztere wären bei mehr Freiwilligen- oder Tauscharbeit allerdings auch kleiner), womit diese im grösseren Ausmass strenggenommen Schwarzarbeit darstellt. In Deutschland, wo Tauschkreise noch viel verbreiteter sind, ist in einzelnen Fällen auch schon das regionale Gewerbe dagegen Sturm gelaufen. Diese Gefahr besteht in Winterthur nicht.
Die einzelnen Tauschvereinigungen befinden sich untereinander durchaus in Kontakt – wenn auch in eher bescheidenem Masse. Einmal im Jahr treffen sie sich am Tauschforum Schweiz, lauschen Vorträgen und tun, was sie besonders gerne tun, nämlich sich austauschen. «Das ist jeweils sehr ­interessant und inspirierend», findet Brigitt Stehrenberger. Eine engere Zusammenarbeit oder gar die Zusammenlegung der Angebote wird diskutiert. ­Diverse Vereine nutzen bereits die gemeinsame ­Online-Plattform Cyclos. «Der Vazyt bleibt aber vorläufig bei der Steinzeit-Tauschkarte», so Stehrenberger.
Missionarisch sind sie nicht, die Vazyt-Leute. Wichtiger, als ihre Idee in die Welt zu tragen, ist, sie im eigenen, kleinen Rahmen richtig zu leben. Und dies bringt, neben der Ersparnis von Geld und dem Ausleben von eigenen Talenten und Neigungen, vor allem persönlichen Kontakt, oder, wie die linksorientierte Wochenzeitung «WoZ» in sozialwirtschaftlichem Jargon einst schrieb: Produzenten und Konsumenten werden zusammengeführt. «Die Gespräche mit den Tauschpartnern machen das Tauschen für mich zu einer schönen Zeit», meint denn auch Kassiererin Anny von Siebenthal.
Das Fazit, betrachtet man den Vazyt, könnte also lauten: Wenn wir die uns doch normalerweise so knapp bemessene Zeit einsetzen, um Tauschleistungen zu zahlen (oder auch für sonst etwas), dann fehlt sie uns nicht noch mehr, wie man meinen könnte. Nein, weil es wieder selbstverständlicher wird, sie für etwas einzusetzen, erscheint sie uns gar als weniger knapp, entwickeln wir wieder ein natürlicheres Verhältnis zu ihr. Damit beruht ihr Wert wieder mehr auf Lebensqualität anstatt auf Knappheit.
Der Autor auf jeden Fall hat sich vorgenommen, in Zukunft vermehrt Zeit statt Geld in Dinge, die ihm wichtig sind, zu investieren. Er beginnt damit, sich
in die Kassenschlange des örtlichen Coop einzu­fügen und das Gekaufte zu Hause genüsslich eigenhändig zuzubereiten.
Eins ist aber auch klar, ganz auf Geld verzichten kann und möchte denn doch niemand, nicht einmal der Vazyt: Materialspesen werden meist in bar beglichen, und der Jahresbeitrag besteht neben einer Tauschstunde aus 30 Franken richtigem Geld.
Mehr Informationen zum Zeittausch erhalten Interessierte auf www.vazyt.ch.


Von Elio Stamm
  Bild zu Zeit ist Geld

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