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Das Ausgeh- und Freizeitmagazin der «Schaffhauser Nachrichten» 07.09.2010

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Tanzen auf Finnisch

Tango ohne heisses Blut, dafür voller Schwermut. So tanzen ihn die Finnen. Nicht nur in Finnland, sondern auch im Winterthurer Salzhaus


Mir ist übel. Um mich herum wirbeln Menschen, ­alles dreht sich, Lichter verschwimmen. Ich werfe einen Blick auf mein Handgelenk: Dort steht, kaum ­leserlich, das Wort «Kiitos». Was bedeutet das bloss?

Eine heisse Sache
Um es direkt zu sagen: Ich bin keine Tänzerin. Tanzen, das ist: Choreographien im Turnunterricht. Schweissausbrüche vor lauter Hilflosigkeit. Abläufe vergessen und sich wie ein Walross fühlen. Kurz: Ich bin einfach keine Tänzerin. Entsprechend wenig Ahnung habe ich vom Tango. Der Crashkurs, den ich besuchen soll, lehrt finnischen Tango, es ist ein Tanzkurs mit anschliessender Finnenparty mitten in Winterthur, und meine konkreten Vorstellungen von diesem Anlass halten sich in Grenzen. Im voraus nach ihrem Wissen befragt, scheinen meine Mitmenschen leider nicht besser Bescheid zu wissen als ich. «Nordische Länder sind doch nicht so… heissblütig», wundert sich eine Kommilitonin. «Ausserdem hast du Pech gehabt, die schönen Blonden kommen nämlich aus Schweden.»
So ist das also. Während ich mir noch die schönen Schweden durch den Kopf gehen lasse, spricht mich ein weiterer Mitstudent mit der aufmunternden Bemerkung an: «Du gehst alleine an einen Tangoabend? Mutig. Der Tanz ist eine ziemlich heisse ­Sache.» Abgesehen von der gewissen ­Erotik, die man dem Tango nachsagt, habe ich vor meinem Crashkurs mit so manchen weiteren Vorurteilen zu kämpfen. Die Finnen, so will es das Klischee, sind schwermütig, still und kühl. Keine guten Voraussetzungen für eine Party! Ausserdem wäre die Sache deutlich einfacher, wenn ich auch nur ein bisschen tanzen könnte.

Der Paar-Schreck
Passend zum Anlass zeigt sich der Abend kühl und neblig. Schlotternd begebe ich mich zum ­Winterthurer Salzhaus, einem alten Lagerhaus in der Nähe des Bahnhofs. Vor dem Eingang warten bereits zwei Tanzwillige. Er, offensichtlich ein Neuling, schaut noch etwas kritisch, während sie, aufgeweckt und Mitte dreissig, noch vom letztenmal schwärmt.
Die Veranstaltungsreihe «Tule Tanssimaan», was in meinen Ohren etwa klingt wie «Due tanzä, Mann», findet seit zwei Jahren statt und beinhalten Konzerte, Disco und eben besagten Crashkurs. Dieser hier ist bereits der achte. Um punkt sieben werden wir reingelassen. Das Salzhaus erinnert mich an eine herzige Version der Kammgarn, der Bar steht eine gemütliche Ecke gegenüber, und auf einer Leinwand laufen tonlos alte finnische Filme. Sowieso, gelegentlich ist Finnisch zu hören, ausserdem begrüsst die Frau an der Kasse viele Eintretende mit Namen und fragt, ob sie nicht schon Mitglieder seien. Zürich, Winterthur und auch Schaffhausen haben je eine Gruppe der SVFF (siehe Kasten). Sie alle scheinen sich heute abend im Salzhaus ver­sammelt zu haben. Um mich weniger ausgeschlossen zu fühlen, bestelle ich mir an der Bar ein «Lapin Kulta», das Nationalgetränk der Finnen. Es schmeckt erfrischend und macht mir etwas Mut. Nun nämlich wird zum Tanz aufgefordert: Eine kecke, weibliche Stimme bittet die Anwesenden, sich in den hinteren Teil des Raumes zu begeben. Der Kurs beginnt.
Mein erster Schreck wäre vorauszusehen gewesen: Anwesend sind fast nur Paare. Ihr Alter ­endet irgendwo bei fünfundfünfzig und geht runter bis zu etwa fünfundzwanzig, was mich positiv überrascht, mir jedoch auch nicht weiterhilft. Wir stehen alle im Kreis, in dessen Mitte eine kleine, energische Frau erscheint. Das ist Leena Kläui, Tanzlehrerin. Die Finnin befiehlt uns in fast lupenreinem Schweizerdeutsch, als erste Übung die Füsse am Boden rumzuschleifen, schön im Takt.
Die Musik klingt unbekannt, aber gut; die finnische Version des Tangos spielt im Moll statt im ­üb­lichen Dur, das macht das Ganze um einiges ­melancholischer. Ansonsten ist der finnische Tango seinem südamerikanischen Bruder gar nicht so ­unähnlich. Der argentinische Tango löste im frühen
20. Jahrhundert ein regelrechtes Fieber in ganz Europa aus. Vor allem aber packte er die Finnen: Unter der russischen Herrschaft fanden sie in diesen Bewegungen endlich den Ausdruck, der ihrem ­damaligen Leiden gerecht wurde. Während des Winterkriegs 1939/40 war das Tanzen des Tangos in Finnland gar verboten – die Finnen tanzten ihn trotzdem. Und wie. Mittlerweile gehört das Tanzen zum Land wie der Gang zur Sauna. Der Regisseur Aki Kaurismäki verwendet finnischen Tango für seine Filmmusik, und in den Strassen und Dorf­festen findet man überall den Tango. Die Finnen sind vielleicht nicht heissblütig, aber vom Tanzen ­haben sie eine Ahnung.

Lang-lang-kurz-kurz
Ahnung hat auch Thomas, und ich bin froh, ihn nicht als heissblütig bezeichnen zu müssen. Bei den anfänglichen Übungen war er plötzlich an meiner Seite und fragte auf Finnisch, ob ich Finnisch kann. Ich machte «Hä?», und die Lage war geklärt. Thomas’ Frau ist heute verhindert, und so pilgerte er alleine ins Salzhaus. Verpasst hat er noch kein einziges «Tule Tanssimaan». 1972, so erzählt er, sei er zum erstenmal per Interrail nach Finnland gelangt, «da warst du wohl noch nicht auf der Welt?» – Äh, nein, ich kam zwanzig Jahre später. Das macht Thomas nichts aus. Er hätte gerne noch weitererzählt, hätte er mich nicht lotsen müssen. Beim Tango führt der Mann; das ist mir gerade ganz recht.
Lehrerin Leena zeigt uns, wie und wo wir uns halten müssen, «Zwerchfell an Zwerchfell», den einen Arm ausgestreckt, lang-lang-kurz-kurz. Alle Tänze haben ja ihre eigene Sprache, die heisst dann lang-lang-kurz-kurz oder eins-zwei-und-sieben-acht. Unnötig zu erwähnen, dass ich diese Sprache nicht spreche und bereits wieder in meinem Walross­feeling bin. Glücklicherweise tanzt mein Partner Thomas schon seit vielen Jahren, führt mich sicher an Säulen und anderen Paaren vorbei und will sich währenddessen noch mit mir übers Reisen unterhalten. Ich konzentriere mich lieber auf meine Füsse. Die sind zwar noch am Boden, aber irgendwie verkreuzt und ohne Ziel. Der Takt klingt gut, ist bei
mir jedoch noch nicht so recht angekommen. Ich klammere mich fest. Müsste ich mich nicht mit allen Sinnen auf die Schrittfolge konzentrieren, würde ich mich wohl darüber wundern, an einem deutlich ­älteren Herrn zu kleben. Irgendwann erklärt Thomas von selbst: «Als ich jung war, zeigte ich mich natürlich erstaunt über den Körperkontakt, den Tanzen so mit sich bringt. Ich bemerke den zwar, aber darum geht es mir nicht.» Das glaube ich dem Thomas ­sofort. Ohne den Körperkontakt wäre ich ausserdem verloren.
Die anderen Paare scheinen ganz gut zurechtzukommen, einige haben den Takt verinnerlicht, ­andere tanzen offensichtlich geübt etwas weiter hinten im Club. Vereinzelte Pärchen haben den finnischen Tango auch falsch verstanden und werfen sich, mit knapp zwei Zentimetern Distanz zwischen ihren Nasen, verruchte Blicke zu. Ich widme mich wieder meinem eigenen Desaster. Mittlerweile habe ich hie und da den Rhythmus. Während Leena uns langsam zu schwierigeren Schritten anspornt, verstehe ich endlich das Wort Crashkurs: Es kommt von Crash. Mir tun die Füsse weh. Ich fühle mich grob an das Scooterfahren auf der Chilbi erinnert. Erinnerungsfetzen aus der Schulzeit flammen in mir auf, die Hilflosigkeit nimmt ­wieder überhand. Derweil wird Thomas übermütig, schwingt mich durch die Lüfte und Richtung Boden, ich schreie «WAS SOLL DAS?» und werde von den anderen ein bisschen ausgelacht. Mir ist schwindlig. Lehrerin Leena dagegen bleibt ganz ruhig. Es sind nur noch zehn Minuten Tanzkurs, dann folgt die Band, und wir alle tanzen noch ein bisschen in lang-lang-kurz-kurz. ­Eigentlich ganz nett, wenn man es mal begriffen hat. Nach dem letzten Stück lächelt mich Thomas an und sagt «Kiitos». Moment – steht das nicht auf dem Eintrittsstempel?

Partysongs auf Finnisch
Die Band, die kurze Zeit später auf die Bühne tritt, besteht aus einem Engländer, einem Deutschen und vier Finnen. «Uusikuu», zu Deutsch Neumond, spielen mit Geige, Akkordeon, Gitarre und Kontrabass auch anderes als Tango – den Leuten gefällt’s. Nun scheinen noch mehr Paare das Tanzbein zu schwingen, Junge und Nichtmehrsojunge wirbeln durch den Raum zu «Humppas», «Jenkkas» und schnell-schnell-kurz-kurz. «Wie viele Finnen sind hier?», fragt die Sängerin mit sympathischem Akzent (ein paar Hände gehen hoch). «Wie viele waren schon mal in Finnland?», fragt sie weiter (gut ein Drittel der Anwesenden streckt die Hände in die Höhe). «Und wer will unbedingt mal nach Finnland?», fragt sie zuletzt, und ich merke, dass meine Hand sofort in die Höhe schnellt. Trotzdem: Tanzen will ich nicht. Thomas hat unterdessen andere ­Partnerinnen gefunden, und mit fremden Männern traue ich mich nicht, also sehe ich einfach nur zu. Als Nichttanzende unter Tänzern fühlt man sich etwa wie unverkleidet an der Fasnacht. Ich wippe etwas mit dem Fuss. Nach dem Konzert folgt die Disco; auf Finnisch klingen Partysongs noch tausendmal besser als in Ballermanndeutsch. Ein sehr junges Pärchen tanzt zu dem Lied, bei dem man Kopf, Schultern, Knie und Füsse berühren muss. Ein Dutzend Heimwehfinnen bilden eine wilde Polonaise. Im Verlauf des Abends ziehen Frauen ihre Schuhe aus, um sorglos weitertanzen zu können, immer weiter, dazwischen sogar Tango. Währenddessen mache ich mich zufrieden auf den Nach­hauseweg. An der Kasse melden sich gerade ein paar Tänzer im Verein der Freunde Finnlands an.
Der nächste Tag beginnt mit einem seltsamen Muskelkater. Unter den Armen, irgendwo dort, wo Lehrerin Leena das Zwerchfell vermutete, tritt ein Schmerz auf, wann immer ich die Arme hebe. Auf meinem Handgelenk ist noch immer der Eintrittsstempel zu sehen. Er zeigt das Wort «Kiitos». Nach zahlreichen Vorurteilen, nach einem schwindelerregenden Kurs und Hunderten Malen schnell-schnell-kurz-kurz, nach einem Abend inmitten der finnischen Herzlichkeit weiss ich nun, was das Wort bedeutet. Es heisst danke.


Von Anna Rosenwasser
  Bild zu Tanzen auf Finnisch

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