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Gebärdensprache
Als hätte sie in mir geschlummert
Wenn bei Patty Shores Hermann und ihrem Mann Roland Besuch vor der Türe steht, dann läutet in der Wohnung nicht die Klingel, sondern es blitzt. Die beiden sind gehörlos. Informationen, die Hörende über ihre Ohren aufnehmen, müssen sich ihnen über die Augen erschliessen. Patty und Roland haben sich entsprechend eingerichtet. In der Küche steht eine Kochinsel. So muss, wer dort hantieren will, sich nicht vom anderen abwenden, sondern behält den Überblick. Und die Möglichkeit zu kommunizieren. Wenn es eine Verrichtung trotzdem einmal verlangt, dem Raum den Rücken zuzuwenden, dann erlaubt es die leicht reflektierende Abdeckung, die Vorgänge im Zimmer weiterhin wahrzunehmen.
Viel grundsätzlicher aber als alle Anpassungen wohnlicher Art ist, wie sich die beiden mit ihrer Sprache an ihre Situation angepasst haben. Sie brauchen die Gebärdensprache, um miteinander zu kommunizieren. Patty hat mich zu sich eingeladen, weil ich mehr über die Gebärdensprache erfahren wollte. Eine Dolmetscherin übersetzt unser Gespräch simultan. Nun sitze ich ihr gegenüber und brauche einen Moment, um mich daran zu gewöhnen, dass ich Patty beim Gebärden zusehe, gleichzeitig aber der Dolmetscherin neben mir zuhöre. Expressiv ist sie, die Gebärdensprache. Und, das wird auch einem Laien sofort deutlich, reich an Ausdrucksmöglichkeiten.
Patty spricht nicht nur mir ihren Händen, sie artikuliert Worte und begleitet sie mimisch. Während die Lautsprache linear ist, ein Wort dem nächsten folgt, fassen die Gebärden oft mehrere Informationen zusammen. Ein Tisch – Patty führt ihre beiden Hände mit dem Handrücken nach oben zusammen und streich mit ihnen auseinander über eine imaginäre Tischplatte –, ein Tisch ist nicht einfach ein Tisch, sondern ein Tischchen – Pattys Hände streichen nur kurz – oder ein grosser Tisch – sie wiederholt die Gebärde ausladend. Oder ein anderes Beispiel: Jemand wurde getötet. Ja, aber wie wurde er getötet? Wurde er erschossen? Pattys Hand formt eine Pistole, ihre Augen fassen ein imaginäres Ziel, ihr Finger betätigen einen Abzug. Oder erstochen? Ihre Hand scheint nach einem Messer zu greifen und es einer unsichtbaren Person in den Rücken zu stossen. Die Gebärdensprache sei viel präziser als die Lautsprache, erklärt sie. Alltägliches kann man in ihr genauso verhandeln wie Gedichte machen. Manche Gebärden sind bildlich, wie die eben genannten Beispiele, andere genauso abstrakt wie die Begriffe der Lautsprache. Sie können von Herzenssachen künden oder werden zu Schwingen für geistige Höhenflüge.
Widerstände bis heute
Patty leitet an der Hochschule für Heilpädagogik in Zürich die Studiengänge Gebärdensprachausbildung (AGSA) und Gebärdensprachdolmetschen (GSD) und unterrichtet diese auch. Dass Gehörlose die Gebärdensprache lernen und sie offiziell brauchen dürfen, ist auch heute noch keine Selbstverständlichkeit. Vor rund 200 Jahren entwickelte sich die Gebärdensprache in ihrer heutigen Form in den ersten Gehörlosenschulen der Schweiz. Doch schon in den folgenden Jahrzehnten wurde sie wieder verboten. Es wurde behauptet, sie sei eine primitive «Affensprache» und verhindere, dass Gehörlose die Lautsprache lernten und mit den Hörenden kommunizierten. Das Verbot hielt sich bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. Und noch heute steht weder an den Gehörlosenschulen noch an Schulen mit integriertem Unterricht die Gebärdensprache auf dem obligatorischen Lehrplan. Zwar gibt es in Zürich und in Basel Schulen, die Kindern Kurse in Gebärdensprache anbieten, doch es fehlen festgelegte Lernziele.
Warum es solche Widerstände gegen die Gebärdensprache gab und gibt, auch von Eltern gehörloser Kinder, ist für Aussenstehende schwer nachzuvollziehen. Die Gebärdensprache wird nicht von allen als Chance betrachtet, als Möglichkeit, sich auszudrücken und Informationen auszutauschen, sondern sie steht unter dem Verdacht, in die Isolation zu führen. Sie wird als Konkurrentin der Lautsprache gesehen und nicht als Partnerin.
In der Broschüre des Schweizerischen Gehörlosenbundes ist zu lesen, die Gebärdensprache sei die Muttersprache der Gehörlosen. Das führt vielleicht auf die Spur eines Verständnisses dafür, warum sie abgelehnt wird. Zu akzeptieren, dass das gehörlose Kind eine andere Sprache als die eigene als die ihm natürlichste empfinden könnte, das sei wohl für eine Mutter sehr schwer, vermutet Patty. Die Mutter möchte ihrem Kind schliesslich die eigene Sprache mitgeben, und es müsse ein einschneidendes Erlebnis für sie sein, nicht über Laute mit dem Kind in ihrem Arm kommunizieren zu können.
«Die Gebärdensprache ist dazu da, dass das Kind mitreden kann», hält Patty fest. «Wir müssen den Eltern kommunizieren, dass wir ihnen ihr Kind nicht wegnehmen wollen.» Patty würde sich wünschen, dass die Gebärdensprache in den Lehrplan für gehörlose Kinder aufgenommen wird. Diese sollen beides lernen: Laut- und Gebärdensprache. Und schliesslich zusammen mit hörenden Kindern in Regelklassen unterrichtet werden, mit der Unterstützung von Gebärdensprachlehrern und Dolmetschern.
Eine Sprache öffnet Türen
Patty selbst hat die Gebärdensprache erst gelernt, als sie vierzehn Jahre alt war. Sie ist als jüngstes von drei Geschwistern in den sechziger Jahren in Südafrika aufgewachsen. Für das Gespräch hat sie ein paar Fotos herausgesucht, die sie in dieser Zeit zeigen. Auf einem ist sie mit ihrer Familie am Strand zu sehen. Sie sitzt als kleines Mädchen zwischen ihren beiden Brüdern. Das Bild symbolisiere sehr gut, wie sie sich gefühlt habe damals, links und rechts ein starker Bruder, der sie unterstützt habe. Auch der älteste Bruder war gehörlos. Als deutlich wurde, dass Patty ebenfalls nicht hören konnte, hatte die Familie schon Kommunikationsstrategien entwickelt. Dass es die Gebärdensprache gab, wussten die Shores nicht. Sie mussten allein mit der Situation klarkommen und Wege finden, den beiden Kindern zu zeigen, wie sie sich mitteilen konnten. Patty hat die Lautsprache zu sprechen, also von den Lippen zu lesen und selber Worte zu artikulieren, gelernt. Gleichzeitig wurde ihr auch die Schriftsprache beigebracht. Sich auszudrücken war nicht leicht für sie. Sie sei oft wütend geworden, wenn es ihr nicht gelang, sich mitzuteilen, erinnert sich Patty. Sie ballt ihre Hände zu Fäusten, hält sie sich vor die Brust und schüttelt mit einem Ausdruck von Grimm den Kopf. Die Gebärde ist sprechend und macht noch mehr als das Wort «wütend» deutlich, dass die eingeschränkte Kommunikationsmöglichkeit sie beengt und aufgebracht hat.
Später, als Patty ein Teenager war, ist die Familie nach Kanada gezogen, damit die Kinder eine bessere berufliche Ausbildung machen konnten. «In Kanada war die Welt auf den Kopf gestellt», erinnert sich Patty. Sie lernte die Gebärdensprache kennen. Etwas Neues, das aber doch vertraut war. «Es war, als hätte sie in mir geschlummert.» Patty empfand die Gebärdensprache als eine Befreiung. Sie erlaubte es ihr, sich viel differenzierter auszudrücken. Und eröffnete ihr den Zugang zu Information und Wissen. Es war nicht nur die neue Sprache, die Patty neue Möglichkeiten eröffnete. Sondern die Selbstverständlichkeit, mit der gehörlose Menschen durch den Alltag gingen, Berufe ausübten, Dolmetscher für wichtige Gespräche beanspruchten.
«Als ich vor 27 Jahren in die Schweiz kam, war es, als würde ich gegen eine Wand fahren.» Patty studierte an der Gallaudet University in Washington D.C., der weltweit einzigen Universität für Gehörlose. Sie war in die Schweiz gekommen, um ein Praktikum zu absolvieren. Und fühlte sich in ihre Kindheit in Südafrika zurückversetzt. Es war nicht so, dass sie keine Unterstützung erhalten hätte, aber ihre Rolle war eine andere. Sie wurde wieder zur Bittstellerein. Musste fragen, wenn sie telefonieren wollte, konnte nicht selbst entscheiden, was sie brauchte und wie sie kommunizieren wollte. «Wenn ich einen Dolmetscher für ein Gespräch beiziehen wollte, dann hiess es: ‹Warum wollen Sie das? Sie haben doch sprechen gelernt.›»
Kommunikation und Information
Inzwischen hat sich auch in der Schweiz einiges geändert. Den Termin für das Interview haben Patty und ich am Telefon ausgemacht. Da ich weder ein Schreibtelefon noch ein Videotelefon besitze, hat mich Patty über die Telefonvermittlung von Procom angerufen. Gebärdensprachdolmetscher werden professionell ausgebildet und können von Gehörlosen beigezogen werden. Seit bald zwei Jahren gibt es Ausstrahlungen der «Tagesschau», die von Gebärdensprachdolmetschern übersetzt werden. Ein erster Schritt. Viele Sendungen bleiben den Gehörlosen immer noch verschlossen, da Untertitel oft fehlen. Bis 2010 soll am Schweizer Fernsehen ein Drittel der Sendungen mit Untertitel angeboten werden. Der Schweizerische Gehörlosenbund strebt einen Anteil von 80 Prozent an.
Für gehörlose Menschen stellt sich immer wieder die Schwierigkeit, an Informationen zu gelangen. Angefangen von Durchsagen am Bahnsteig bis zu komplexen Fragen wie zum Beispiel bei einer Abstimmung. Sie müssen Strategien entwickeln, sich in einer Welt der Stille zu orientieren. Wenn auf dem Bahnsteig plötzlich alle Wartenden unruhig werden, ihre Taschen ergreifen und zur Unterführung gehen, dann ist für Patty klar, dass es eine Information über Lautsprecher gab. Sie wird sich dann an jemanden wenden, mitteilen, dass sie gehörlos ist, und fragen, was denn los sei.
Komplizierter wird es, wenn es darum geht, sich eine Meinung zur einem politischen Thema zu bilden. Die Informationen in der Abstimmungsbroschüre sind nicht leicht verständlich. Am Stammtisch mitdiskutieren geht nicht. Diskussionssendungen am Fernsehen sind nicht untertitelt. Es bleibt den Gehörlosen überlassen, sich selber zu organisieren und Informationsveranstaltungen auf die Beine zu stellen.
Die Offenheit der Hörenden, eine Sensibilität für Bedürfnisse behinderter Menschen und die Bereitschaft, auf sie zuzugehen, darauf sind Gehörlose angewiesen. Bei politischen Entscheidungen genauso wie im Alltag. «Ich denke, wenn ich meine Behinderung verstecken würde, hätte ich sogar noch mehr Probleme», meint Patty. Sie wählt stattdessen im Umgang mit Hörenden eine offensive Strategie, geht auf sie zu und sagt: «Ich höre nichts.» – «Dann muss mein Gegenüber reagieren und auch eine Entscheidung treffen. Gehen wir auseinander, oder gehen wir gemeinsam weiter?»
Wer mehr über die Situation der Gehörlosen erfahren möchte, dem sei der Dokumentarfilm «Verbotene Sprache» über den Gebärdensprachpoet Rolf Lanicca empfohlen.
Am Freitag, 30. Oktober, um 21 Uhr ist Filmpremière im Kunstraum Walchenturm, Zürich. Reservation: katrin@framix.ch |
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