|
 |
 |
 |
 |
Verschuldet, verpfändet, verarmt.
Wenn einem der Pfändungsbeamte den Fernseher aus der Wohnung trägt, steckt man schon tief im Schuldensumpf. Ein Besuch auf dem Betreibungsamt.
Es gibt angenehmere Orte, um zu warten. Das wird offensichtlich an diesem regnerischen Freitag auf dem Münsterplatz, aller Nähe zum Münster und zum Museum zu Allerheiligen zum Trotz. Jeden Moment ist es 14 Uhr, wird das Betreibungs- und Konkursamt Schaffhausen nach der Mittagspause wieder öffnen. Zwei Männer Mitte dreissig und eine junge Frau stehen sich die Beine in den Bauch, tappeln vom einen Bein aufs andere. Gesprochen wird nicht, dafür regelmässig auf die Uhr geschaut. Endlich nimmt das Amt die Wartenden auf. Keine zwei Sekunden später herrscht wieder Ruhe auf dem Vorplatz. Betritt man das Gebäude, empfängt eine Säule den Besucher. Zwei darauf angebrachte Lichter weisen auf den Status der Schalter hin. Grün frei, rot besetzt. Die Schalter selbst befinden sich gleich rechts vom Eingangsbereich in einem engen Gang. Sie sind nicht mit denen einer Post zu vergleichen. Es sind zwei eigene, abgeschlossene Räume. Wenn man sie betritt, wähnt man sich auf einer Bank. Hinter einer Panzerglasscheibe grüsst ein freundlicher Beamter hervor. Die Kunden werden diskret behandelt. Sie scheinen froh darüber zu sein. Wer möchte schon beobachtet werden, wenn er einem Zahlungsbefehl Folge leistet, weil er betrieben worden ist? In einem Büro im zweiten Stock skizzieren Amtsvorsteher Thomas Winkler und der Pfändungsbeamte Martin Kaiser dem «Express» die Betreibungssituation in Schaffhausen. «Insgesamt zählen mehrere hundert Menschen im Bezirk Schaffhausen zu unseren Stammkunden, das muss man so direkt sagen», spricht Kaiser die Grössenordnung des Schuldenproblems an. Regelmässig aufs Betreibungsamt muss nur, wer in der Schuldenfalle gefangen ist, wer laufend sämtliche Einnahmen über dem Existenzminimum abgibt, um den Schuldenberg abzutragen. «Sitzt man einmal so tief im Schlamassel», zieht Amtsvorsteher Winkler ein ernüchterndes Fazit, «wird es schwierig, wieder rauszukommen». Dann kommt es meist zu einer Kettenreaktion. Die Steuern oder die hohen Zinsen für den Kleinkredit können nicht mehr bezahlt werden, weil alles in die Tilgung der alten Schulden fliesst. Für jedes abgetragene Steinchen kriegt der Schuldenberg so wieder ein oder zwei neue drauf.
Versuchungen der Konsumgesellschaft Martin Kaiser ist seit fast zwei Jahrzehnten im Business. Bereits als 20-Jähriger übernahm er in seiner Heimat, dem Rheintal, ein kleines Betreibungsamt. «Über all die Jahre hinweg haben die Betreibungsfälle klar zugenommen», stellt er mit freundlicher, fast fröhlicher Stimme fest. Schuld ist seiner Meinung nach nicht die Wirtschaftskrise (2009 sind die Betreibungen bis jetzt leicht rückläufig), sondern die Konsumgesellschaft: «Wir vergleichen uns immer mehr mit den anderen, streben nach noch mehr Luxus und Status – wenn nötig auch auf Pump.» Es sei schwierig, sich dem zu entziehen. Als Beispiel fügt er seinen 14-jährigen Sohn an, der auch bereits teure Markenjeans fordere. «Dass hier die Versuchungen gross sind, mehr Geld auszugeben, als man einnimmt, besonders bei Jungen, liegt auf der Hand», erklärt Kaiser mit wieder auffällig positivem Stimmklang. Der eher kleingewachsene Pfändungsbeamte ist eine Frohnatur, auch das Erzählen über die schwierigen persönlichen Umstände seiner Kunden vermag sein positives Wesen nicht zu trüben. Gleichgültig wirkt er dabei nicht. Er freut sich nicht über, sondern trotz. Strahlt eine innere Ruhe aus. Eine Charaktereigenschaft, die einen guten Pfändungsbeamten wohl ausmacht. Und die er mit Amtsinhaber Thomas Winkler teilt. Der 38-jährige Zürcher führt das Amt seit 2005. Dass Winkler Jura studiert hat, merkt man an der Art und Weise, wie er mit Hingabe die nicht ganz unkomplizierten Abläufe einer Betreibung erklärt. Denn nicht jeder, der eine Rechnung nicht bezahlt, verfängt sich gleich in der Schuldenfalle. Damit die Betreibungsmaschinerie in Gang kommt, muss immer ein Gläubiger ein Betreibungsbegehren stellen. Von Amts wegen stellen Winkler, Kaiser und Co. keine Zahlungsbefehle aus. Bei den Gläubigern handelt es sich in der Regel um grössere Institutionen wie Krankenkassen, welche die Betreibungsbegehren stapelweise abliefern. Private Personen, die Bekannte wegen nicht zurückbezahlter Darlehen oder ähnlichem betreiben, sind seltener.
Wort gegen Wut tut gut Problematisch für den Schuldner wird es erst, wenn er dem Zahlungsbefehl nicht Folge leisten kann. «Dann muss er sich nämlich, wenn der Gläubiger auf der Forderung beharrt und die Fortsetzung verlangt, rasch bei uns melden», erklärt Winkler. Ankündigung zur Pfändung heisst das im Fachjargon. Und steht unter Strafandrohung. «Viele folgen dieser Anordnung nicht», weiss Kaiser aus Erfahrung, «denen telefonieren wir dann nach und gehen gegebenenfalls vorbei.» Es folgen Szenen, wie man sie aus schlecht gemachten deutschen Realitysoaps im Nachmittagsprogramm kennt: Pfändungsbeamter klingelt, Schuldner kooperiert oder kooperiert nicht. Im Gegensatz zu den haarsträubenden TV-Fällen geschieht es aber selten, dass die Pfändungsbeamten die Polizei rufen müssen. «Dies geschieht wirklich nur, wenn der Schuldner sich partout weigert, aufs Amt zu kommen, oder uns keinen Zugang zur Wohnung gewährt», erklärt Kaiser. So sind Kaiser und Winkler denn auch keine Kleiderschränke von Männern. Und auch nicht speziell trainiert auf Nahkampftechniken. Ihre Waffen sind das Gesetz, das Wort und eine grosse Portion Einfühlungsvermögen. Wenn der Schuldner sich ernstgenommen fühlt, dann deeskaliere dies die Situation meistens von selbst. «Natürlich gibt es oft verbale Entgleisungen, teilweise auch Drohungen, aber einen gewaltätigen Übergriff haben wir in Schaffhausen noch nie erlebt», kann Thomas Winkler entwarnen. «Normalerweise folgen die Schuldner der Aufforderung und kommen bei uns aufs Amt, bevor wir sie abholen lassen müssen», fügt Kaiser an. Das Amt strahlt von sich aus eine gewisse Autorität aus, hemmt die Gemüter. Die Sicherheitsmassnahmen sind dennoch zeitgemäss, die Büros der Pfändungsbeamten gesichert.
Das Existenzminimum als Grenze Ist der Schuldner erst einmal im Büro des Pfändungsbeamten, prüft dieser, wie denn nun die Forderungen der Gläubiger erfüllt werden könnten. Liegt ein regelmässiges Einkommen vor, das über dem Existenzminimum liegt, wird der Lohn gepfändet. Das heisst, jeder Rappen, der nicht Wohn- oder Lebenskosten deckt, fliesst an den oder die Gläubiger. Die Schuld tilgt sich so im Idealfall nach ein paar Monaten. «Dies kann aber nur gelingen, wenn keine Kettenreaktion von neuen Betreibungsbegehren erfolgt, weil der Schuldner neu anfallende Verbindlichkeiten wie die Steuern oder Zinsen für Kredite nicht mehr bezahlen kann», erklärt Thomas Winkler nochmals die Gefahren der Lohnpfändung. Liegt kein regelmässiges Einkommen vor, bleibt nur noch die Sachpfändung. Alle nicht zum Leben benötigten Sachen, vom Ferrari bis zum Flatscreen-TV, werden eingezogen und versteigert. Mit dem Erlös wird die Schuld so weit wie möglich beglichen. Winkler und Kaiser zeigen den Gantraum, in dem Betreibungs-, Konkurs- und Polizeiwaren gemeinsam versteigert werden. Er liegt im dritten Stock des Amtes, ist mehr ein Saal denn nur ein Raum. Auf einer Tischfront, sie erinnert an ein All- inclusvie-Lunchbuffet, liegen fein säuberlich aufgereiht und numeriert die zu versteigernden Sachen. Gegen hundert Interessenten bieten hier jeweils mit. Skrupel haben die wenigsten, auch wenn sie wissen, woher die Ware stammt. Immer öfter muss Martin Kaiser den Gläubigern aber einen Verlustschein ausstellen. Dies immer dann, wenn nichts mehr zu holen, die Schuld auch nach Ablauf eines Jahres, Pfändungsjahr genannt, nicht beglichen ist, weder mit Einkommen noch mit Geld aus versteigerten Sachen. Mit einem Verlustschein sind die Zinsen für den Schuldner ausgesetzt. Immerhin. Die Schuld aber bleibt bestehen, der Gläubiger kann jederzeit die nächste Betreibung einleiten. Das Schuldenkarussel dreht sich weiter.
Joblust trotz Betrugsfrust Die Aussicht, sämtliches Einkommen direkt wieder abgeben zu müssen, macht erfinderisch. Winkler und Kaiser haben schon die phantasiereichsten Betrugsversuche erlebt. Thomas Winkler berichtet von einem Schuldner, der angeblich im Ausland war, um seine im Sterben liegende Grossmutter zu pflegen. «Dumm nur, dass derselbe Herr urplötzlich auf dem Matchblatt eines örtlichen Fussballvereins auftauchte», muss Winkler selber schmunzeln. Viele nähmen auch Nebenjobs an, die sie nicht angäben. «Bei denen steigt man dann urplötzlich ins Taxi oder trifft sie in einer Securitas-Uniform», so Kaiser. Besonders schlau seien auch jene, die im teuren Auto beim Betreibungsamt vorführen, um zu erklären, dass sie eine kleine Forderung nicht begleichen könnten. Irgendwann gehen die meisten ins Netz. Die Welt ist einfach zu klein. Es ist kein einfacher Job, täglich mit dem Schicksal anderer konfrontiert zu sein. Belogen zu werden. Den Menschen ihr letztes Hab und Gut wegzunehmen. Winkler und Kaiser geben beide zu, dass dies nicht immer einfach sei, man mit einer gewissen Distanz an die Sache herangehen müsse. Ihren Beruf lieben sie dennoch. «Ich habe mit verschiedensten Menschen zu tun, komme oft aus dem Büro», so Martin Kaiser, «und oft kommt es auch vor, dass die Schuldner am Schluss des Verfahrens dankbar sind, sehen, dass wir ihnen auch helfen konnten.» Thomas Winkler sieht vor allem eine Schattenseite, und die betrifft das Privatleben: «Wenn ich in die Beiz komme und dort ein Schuldner sitzt, ist es weder für ihn noch für mich angenehm», so der Amtsvorsteher. «Grüsse ich ihn, ist es ihm peinlich, und wenn nicht, dann fühlt er sich nicht respektiert.» Und so ist Wochenaufenthalter Winkler nicht unfroh, Wochenende für Wochenende in seiner Innerschweizer Wahlheimat Küssnacht am Rigi verbringen zu können. Fernab der Schaffhauser Schuldner.
Von Elio Stamm |
|

|
| |
|