express - Das Ausgehmagazin  
Das Ausgeh- und Freizeitmagazin der «Schaffhauser Nachrichten» 07.09.2010

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Kurz gesagt

Jederzeit und überall schreibt jung und alt SMS. Doch was steht drin? Der «express» hat mehrere Handys durchstöbert.


Acht Millionen achthundertfünfundsechzig­tausend. So viele Mobilfunkanschlüsse gibt es laut der Kommunikationskommission Schweiz (ComCom) in unserem Land. Witzig, denn Schweizerinnen und Schweizer gibt es viel weniger (fast 7 750 00). Handys sind beliebt, und mit ihnen das Versenden von Kurznachrichten. Als das SMS («short message service», dt: Kurznachrichtendienst) vor gut zwei Jahrzehnten entwickelt wurde, glaubte keiner der Erfinder daran, dass ein Kunde diesen Dienst nutzen würde. Das Ver­senden der SMS war gratis, grosse Hoffnungen hegten die Betreiber nicht. Sie alle haben sich ­getäuscht. Wer heutzutage ein Mobiltelefon hat, schreibt ­damit meist auch SMS, manchmal, häufig, andauernd. Im Jahr 2003 wurden in Europa über 16 Milliarden Kurzmitteilungen pro Monat versendet. Das sind fast 23 SMS pro Kopf und Monat. SMS gehören für uns dazu. Lange gibt es sie noch nicht – genutzt werden sie allerdings von allen Altersklassen. Das zeigt sich auch in Form und Funktion der Kurzmitteilungen. Der express hat bei vier SMS-Textern nachgefragt.

Die Pragmatischen: Sarah Funke, 11, und Remo Fässler, 12
SMS pro Monat: Sarah (flüsternd): «Tausend!» Remo: «Zwischen 100 und 110.»
Für Kinder wie Sarah und Remo gibt es einen speziellen Ausdruck. Sie sind Digital Natives, zu deutsch: digital Einheimische. Mit ihren elf bzw. zwölf Jahren wuchsen sie mit all der Technologie auf, die die Generationen vor ihnen erst kennenlernen mussten; für Sarah wie auch Remo gehörte sie schon immer dazu. Wenn sie in den Ferien sind, schreiben sie kaum mehr Postkarten. Beim Nachschlagen für die Schule beschränken sie sich nicht nur auf Bücher. Und sie schreiben
SMS. Remo hat sein Mobiltelefon bereits seit der 2. Klasse, Sarah bekam ihres vor zwei Jahren. Beide begannen etwa zu der Zeit, also im Alter von neun und zehn Jahren, Kurzmitteilungen zu versenden. «SMS nutze ich vor allem für Organisatorisches», erklärt Remo, Sarah nickt und fügt hinzu: «Wenn ich die Hausaufgaben vergessen habe, frage ich so nach.» In die Schule darf das Natel nicht mit. Manchmal, erzählt Remo, hat er es aber trotzdem dabei, um nach dem Unterricht noch draussen spielen zu können. Dann kriegt er irgendwann eine SMS:
Das klappt wunderbar, und es muss nicht im voraus eine Zeit ausgemacht werden. «Natürlich könnte ich ohne Handy auskommen», stellt Remo klar, «aber so ist es einfach viel besser. Man ist ­immer erreichbar.»
Sarah hat schon unschönere Erfahrungen mit Kurzmitteilungen gemacht: Ein Unbekannter ­belästigte sie mit SMS, vier hintereinander. Die Primarschülerin hat nicht zurückgeschrieben. Sonst wisse der ja, dass die Nummer jemandem gehöre, erklärt sie in aller Selbstverständlichkeit. Der tägliche Umgang mit den modernen Technologien hat die Digital Natives gelehrt, mit schwie­rigen Situationen umzugehen,
Nur rein organisatorischer Natur sind die SMS der beiden aber nicht. Zwischendurch wird munter hin- und hergetextet, manchmal bis tief in die Nacht hinein. Dann, so erzählt Sarah, ziehen ihre Eltern manchmal das Natel ein. In der Nacht bleibt das Ding ausgestellt. Wegen der Strahlen. Und kann abends doch noch gesimst werden, gibt’s durchaus auch mal Geheimes zu besprechen: «Wenn man gerade verliebt ist, schreibt man das nur in SMS.»

Die Verliebte: Carolin Krapfl, 14
SMS pro Monat: Um die 400
Eigentlich nerven Carolin die SMS. Eigentlich schreibt sie gar nicht gerne zurück, und eigentlich ist Chatten sowieso besser. Trotzdem gibt der Teenager monatlich einen grossen Teil ihres ­Taschengeldes fürs Simsen aus; auf ihrem Handy sind unzählige SMS-Töne abgespeichert, die beim Erhalten einer Kurzmitteilung lustig tönen. Caro schreibt oft. Gelegentlich SMS an ihre Mutter, meist aber mit ihrem festen Freund. «Ich versuche, Schweizerdeutsch zu schreiben», so die Deutsche, «aber es klappt noch nicht immer.» Nicht so schlimm, denn unter den Gleichaltrigen hat sich ohnehin eine Art SMS-Sprache entwickelt:
Ein Jahr nun nutzt Carolin Kurzmitteilungen, um mit ihren Freunden in Kontakt zu bleiben – auch mit denen, die sie täglich in der Schule sieht. SMS dienen ihr zur Unterhaltung, erst wenn’s richtig ernst wird, bevorzugt die 14-Jährige ein Telefonat. Ein Streit etwa könne nicht per SMS ausgetragen werden, ist sie überzeugt.

Der wahre Profi: Arthur Bächler, 79
SMS pro Monat: 6 bis 10
Wenn Herr Bächler seine Handykontakte ­runterliest, dauert das eine ganze Weile. Mehrere Dutzend Mobilnummern hat er abgespeichert, mit den verschiedensten Mitmenschen tauscht er sich per SMS aus. Vor sechs Jahren erlernte Herr Bächler das Schreiben von Kurzmitteilungen. ­Damals war er stark schwerhörig, «telefonieren ging nicht, reden ging nicht, schreiben ging». Herr Bächler besuchte einen Computerkurs für Schwerhörige, erlernte das Schreiben von E-Mails und SMS. «Das war meine Rettung.» Nun konnte er sich wieder austauschen: mit der Autogarage, mit dem Doktor, den Enkelkindern, ja der ganzen Familie. «Ein patente Sache, diese SMS», findet Herr Bächler. Mittlerweile kann er wieder hören, dank eines ausgeklügelten Implantates. Das Texten per Handy ist deswegen aber noch lange nicht überflüssig geworden. Noch immer kommuniziert Herr Bächler gern per SMS:
Wenn er technische Fragen hat, kann er jederzeit seine Kinder und Grosskinder fragen, weiss Herr Bächler. Letztere schreiben ihm vorwiegend Kurzmitteilungen auf Schweizerdeutsch; dem bald 80-Jährigen macht das nichts aus. Er schreibt dann einfach auf Schriftdeutsch zurück.

Organisieren, flirten, nachfragen. Für die beschränkten 160 Zeichen sind SMS erstaunlich vielfältig. Wie kaum ein anderes Kommunikationsmittel prägen sie die Sprache von heute, verändern Schreibverhalten wie auch Schreibweise. Hierzulande simst die Jugend vorwiegend auf Schweizerdeutsch. Während Carolin hierfür eigens einen SMS-Wortschatz aufgebaut hat, achtet die elfjährige Sarah noch darauf, Wörter möglichst schriftdeutschnah zu schreiben. Sie befürchtet sonst auch im Deutschunterrcht abzusacken. Tatsächlich sind Abkürzungen im Stile von «mfG» und «HDG» schon so geläufig, dass es dafür bald keinen Erklärungskasten mehr braucht. Emotionen allerdings übertragen SMS nur schwer. Noch immer lastet ihnen der Vorwurf an, eine besonders unpersönliche Art der Kommunikation zu sein. Die Handschrift geht per Handy verloren. Trotzdem möchte keiner der portraitierten SMS-er den Kurzmitteilungsdienst missen. Denn was Carolin nun merkt und Sarah andeutet, weiss Arthur schon lange: SMS sind eine gäbige Sache. Und in 160 Zeichen passt doch ganz schön viel rein.

Von Anna Rosenwasser
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