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Das Ausgeh- und Freizeitmagazin der «Schaffhauser Nachrichten» 07.09.2010

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Wie es euch gefällt

Was zeichnet einen guten Weihnachtsfilm aus? Der «express» hat recherchiert.


Von Lukas Linder

An Weihnachten schauen Familien Filme, in denen Familien Weihnachten feiern. Meines Wissens gibt es kein anderes Filmgenre, das eine ähnliche Gleichzeitigkeit kennt. Führen wir uns den neuen «James Bond» zu Gemüte, so beschleicht uns nicht das Gefühl, dieser könne genauso gut in unserer Einbauküche spielen. Die wenigsten von uns sind Agenten, und wer Agent ist, verplempert seine Zeit bestimmt nicht mit Agentenfilme­schauen. Weihnachtsfilme hingegen halten unserem Leben den Spiegel vor. Ein Zerrspiegel allerdings, der alles Mickrige, Banale unserer Existenz ins Wunderbare verzieht. Und gerade darum mag ich Weihnachtsfilme so gerne. Wie der Weihnachtsmann im Supermarkt die kleinen Kinder, so nehmen sie uns auf den Arm und versprechen uns die tollsten Dinge. Natürlich ist das alles eine grosse Lüge. Aber das macht nichts. So schwer eine Lüge im richtigen Leben wiegen mag, so federleicht fällt sie in Filmen ins Gewicht. Schliesslich erwartet man das ja gerade vom Kino, und vor allem vom Weihnachtskino: falsche Hoffnungen.

Geschlechterkampf
So ist der klassische Weihnachtsfilm also romantisch, süss, unschuldig, verklärend. «Also langweilig», sagt der Mann. Und freut sich, denn in den vergangenen Jahren hat sich neben der romantischen Komödie mit Herz auch der Actionfilm mit Herzdurchschuss ins Weihnachtsprogramm gemogelt. Statt geliebt wird hier geschossen. Weihnachten wird als Aufhänger benutzt, um ein paar Weihnachtsmänner über den Haufen zu schiessen. «Gemein», sagen die Frauen. «Genial», sagen die Männer. Und schon ist dafür gesorgt, dass auch am Fest der Liebe gestritten wird. Dabei würde das Fernsehprogramm ja tatsächlich eine salomonische Lösung für diesen Geschlechterstreit anbieten. Aber leider sind die Bibelverfilmungen, die Jahr für Jahr mit messianischem Eifer gezeigt werden, zu staubig, um es mit dem hochpolierten Glanz heutiger Produktionen aufnehmen zu können. Das Bild wirkt körnig, die Schauspieler kennt man nicht, und die Synchronstimmen haben diesen mechanischen Beigeschmack, der nicht weihnachtliche Wärme verbreitet, sondern Angst und Schrecken.

Neben dem Weihnachtsbaum
Die von mir favorisierte Gattung ist ganz klar die erstere: die romantische Komödie mit Herz. Als solche wurde der Film «Anywhere but Home» angekündigt, der vor ein paar Wochen in den Kinos anlief. Eine Weihnachtskomödie mit romantischen Sperenzchen. Tatsächlich könnte der Streifen zu jeder Jahreszeit spielen. Dass es sich um einen Weihnachtsfilm handelt, ist nur der raffinierten Hand eines Dekorateurs zu verdanken, der das Setting von Zeit zu Zeit mit ein paar Weihnachtsbäumen aufgepeppt hat, neben denen die Figuren dann ihre Dialoge führen. Dies ist übrigens ein wichtiges Merkmal für all diejenigen, die einmal selber einen Weihnachtsfilm drehen wollen: Versucht so oft und so penetrant wie möglich, eure Schauspieler die Texte neben, vor – aber ja nicht hinter! – einem Weihnachtsbaum sprechen zu lassen. Der rote Christbaumschmuck macht sich prächtig neben den bleichen Wangen der Hauptdarstellerin. Ausserdem geht es darum, das symbolisch aufgeladene Bild der familiären Symbiose unter dem Weihnachtsbaum zu wiederholen, und zwar wieder und immer wieder und so lange, bis noch die gröbste Seele im Publikum wie ein feuchter Lappen über dem Stuhl hängt.
Der Film aber, «Anywhere but Home», ist eine Frechheit, die sich gewaschen hat. Statt den Film zu schauen, würde man die Zeit besser neben seiner Espressomaschine verbringen und einen Espresso nach dem anderen herauslassen. Es macht keine Freude, während neunzig Minuten einem aufgedunsenen Vince Vaugh dabei zuzusehen, wie er neben der angestrengt grimassierenden Reese Witherspoon (ist es das Make-up, ist es ein Nervenleiden?) im vollgefurzten Auto sitzt und die Mitglieder ihrer Familie besucht. Die Geschichte läuft darauf hinaus, dass das trendy Actionpärchen, das sich anfangs noch geschworen hatte, nie eigene Kinder haben zu wollen, mit einem Male vom Segen der Familie überzeugt ist, was in eine grotesk-perverse Szene im Krankenhaus mündet, wo Vince Vaughn neben seiner Frau und dem gerade geborenen Schreihals gleichsam wahnsinnig und komplett desinteressiert brüllt: »Ich liebe dieses Kind. Ich liebe es!» Diese Geschmacklosigkeit verstärkte noch mein schleichendes Unwohlsein. Ein Unwohlsein, das ich seit Beginn des Films verspürte, genauer gesagt, seit dem Moment, als ich zusammen mit einer Familienpackung Nachochips den Kinosaal betrat und feststellte, dass hier ausser mir nur noch ein romantisches Liebespärchen sass. Die merken doch gar nicht, dass ich da bin», sagte ich mir. Die hasserfüllten Blicke des Mädchens belehrten mich aber eines Besseren.

Erfolg nach Rezept
Aber ist es denn so schwer? Wie in kaum einem anderen Filmgenre will im Weihnachtsfilm nach Rezept vorgegangene werden. Man muss nur alle Zutaten zusammensuchen und sie in geschickter Manier zusammenrühren. Und schon ist ein Weihnachtsfilm nach unserem Geschmack entstanden. Und noch einmal: Wir wollen keine Glaubwürdigkeit, keine Parablen und schon gar keine Einsichten. Keine Politik. Wir wollen Hugh Grant, und wir wollen ihn als Prime Minister, der statt zu regieren, sich lieber auf die Suche nach der versteckten Keksbüchse macht.
Dies führt mich zu einem der besten, wenn nicht dem allerbesten Weihnachtsfilm der vergangenen Jahre. «Love Actually» des britischen Regisseurs Richard Curtis ist ein Lebkuchenherz von einem Weihnachtsfilm. Alles wird hier richtig gemacht. Man halte sich nur mal den Anfang vor Augen: eine Flughafenszene. Man sieht Menschen, die sich in die Arme fallen. Das Bild ist unscharf, verklärt. Die Musik hallt leise dazwischen. Und dann kommt eine warme Stimme aus dem Off: «Es wird allgemein behauptet, wir lebten in einer Welt voller Hass und Habgier. ABER DAS STIMMT NICHT: Wir sind überall von Liebe umgeben.»
Da haben wir’s. So muss es sein. Das ist ein Weihnachtsfilmanfang nach meinem Geschmack. Und so gut, wie es anfängt, geht es auch weiter. Gar löblich oft werden Dialoge in Anwesenheit eines Weihnachtsbaumes geführt. Und die Menschen, die da stehen und reden, sind schön. Und wenn sie nicht schön sind, sind sie rührend. Und wenn sie nicht rührend sind, sind sie weise. Und wenn sie nicht weise sind, sind sie Kinder, und die sind rein.
Die Erfolgsgarantie des Films besteht darin, dass er Klischees produziert, und zwar mit der Emsigkeit einer Grossmutter, die Plätzchen backt, dass die Funken sprühen. Da gibt es den frischgebackenen Witwer, der, als es darum geht, dem neunjährigen Sohnemann in Liebessachen zu helfen, seine Trauer über den Haufen wirft und aufblüht wie ein junges Rennpferd. Es gibt den besten Freund des Bräutigams, der sich nicht traut, der Braut seine Liebe zu gestehen. Es gibt den fetten Manager, der all die Zeit seines tristen Daseins darauf verwendet, einem abgehalfterten Rockstar Kondome zu kaufen. Es gibt das Klingeln an der Tür am Weihnachtsabend, und dann wird geküsst oder sich versöhnt. Es gibt viel soziale Kompetenz.
Zwischen die Szenen werden immer wieder Bilder von spiegelglatten Eisfeldern oder analog dazu von funkelnden Kaufhäusern geschnitten. Überhaupt wirkt der Film wie ein einziges spiegelndes, glitzerndes Einkaufsparadies, und in der Mitte sitzt der Weihnachtsmann und nimmt die Wünsche auf. Manchmal aber hat man es mit einer derartigen Emotionsdichte zu tun, dass man sich fühlt, als hätte man sich in die Parfümabteilung verirrt. Fast schon zu viel des Guten ist der Schluss des Filmes, eine Schulaufführung in einem Arbeiterviertel der Stadt, wo unglaubwürdigerweise nicht nur sämtliche der im Film vorkommenden Figuren zugegen sind, sondern nach dem Motto: «Wenn schon buttern, dann richtig», auch der Prime Minister, gespielt von Hugh Grant, der mit einer verschupften
(aber anmutigen) Sekretärin rumknutscht. Tosender Applaus. Aber ein richtiger Weihnachtsfilm muss eben ein bisschen zu viel des Guten sein.
Letzte Woche sass ich eines schönen Nachmittags zu Hause und schaute mir »Love Actually» für diese Reportage an. Das Telefon klingelte. Meine Freundin wollte wissen, was ich gerade so mache. »Oh, du schaust ‹Love Actually› ...» An diesem Punkt würde man normalerweise ja noch weitersprechen. Ich wartete eine Weile, bis ich realisierte, dass dies wohl mein Einsatz war: «Wenn du willst, kannst du ja mitschauen.» – «Oh!»
Als sie reinkam, sah ich es sofort, sie hatte diese glücklichen «Love Actually»-Augen. Ich aber hatte wenig Zeit und überspulte darum zu ihrem Entsetzen mancher Szene. «Aber das ist so eine schöne Szene!» Ich bin ein Monster.

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