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Arbeit hinter Gittern
Seit zehn Jahren arbeitet Martin Metzger als Gefängnisaufseher. Das sei auch eine Lebensschule, sagt er.
«Um ganz ehrlich zu sein: Vor meiner Bewerbung hier habe ich noch nie ein Gefängnis von innen gesehen.» Martin Metzger hinter seinem Mineralwasser denkt kurz nach und fügt dann hinzu: «Das ist mein bisher spannendster Job. Es ist eine Herausforderung, jeder Tag ist anders.»
Metzger ist 45 und Leiter des Arbeitsbetriebs im Schaffhauser Gefängnis. Wer diese Arbeit als Wächter bezeichnet, hat schlicht keine Ahnung. Bewachen ist nämlich bloss ein Bestandteil der ganzen Sache; was noch alles dazugehört, erklärt Metzger gerne selbst. «Das Wichtigste ist auf jeden Fall die Kommunikation», nimmt er vorweg. Anders als mancher sich das vorstellen mag, begegnen Aufseher den Gefangenen nämlich nicht nur durch eine schmale Luke. Sie stellen Ansprechpartner dar. Das beginnt bei der Polizeihaft: Besteht Verdacht auf ein Delikt, kommt der Verhaftete erstmal in eine spärlich eingerichtete Zelle. Hier erwarten ihn Bett, Toilette und Bibel; wer weitere Bedürfnisse hat, wendet sich an einen Aufseher. Zum Beispiel an Martin Metzger. Durch eine Gegensprechanlage können Anliegen und Fragen an ihn gerichtet werden. Zur Unterhaltung – abgesehen von der erwähnten Bibel – stehen fünf Radiosender zur Verfügung. Falls diese nicht durch eine Anordnung verboten werden. Wer in Untersuchungshaft sitzt, kann vom zuständigen Richter so einige Einschränkungen erhalten.
Die Polizeihaft dauert maximal 48 Stunden. Daneben sitzen im Schaffhauser Gefängnis auch Klienten aller anderen Haftarten. Von der Untersuchungshaft bis hin zum verurteilten Vollzug findet sich hier alles, denn weitere Gefängnisse gibt es in unserem Kanton nicht. Wer allerdings jahrelang inhaftiert werden muss, wird in eine andere, geeignetere Institution innerhalb der Ostschweiz versetzt. Für solche Aufenthalte ist das Gefängnis Schaffhausen einfach zu klein – in 41 Zellen haben maximal 46 Insassen Platz. Insassinnen sind übrigens weitaus seltener; so kann es durchaus vorkommen, dass frau alleine inhaftiert ist, alleine arbeitet, alleine ihre Hofrunden dreht. Sozialer Kontakt ist im Justizvollzug sehr eingeschränkt. Gerade aus diesem Grund braucht es das offene Ohr eines Aufsehers. «Ich führe auch lange und gute Gespräche hier und nehme alle Anliegen ernst. Die Anliegen, nicht den Fall. Wir sind ja nicht die, die bestrafen. Das ist die Aufgabe des Justizvollzuges.»
Alltag hinter Gittern.
Innerhalb dieses Justizvollzuges ist Martin Metzger für den Arbeitsbetrieb zuständig. Dieser bildet einen wichtigen Teil des Gefängnisalltags: Durch Arbeit erhalten Inhaftierte eine Struktur, eine Aufgabe und nicht zuletzt das Arbeitsentgelt, den Lohn. Mit diesem Lohn, er beträgt zwischen 15 und 25 Franken, leistet man sich dann externe Einkäufe, Telefonate, Zigaretten oder ein TV-Gerät. In den drei Werkstätten verteilt Metzger die Arbeiten und berücksichtigt dabei die Fähigkeiten und die Ausbildung seiner Arbeiter. Es ist für ihn bereits eine grosse Herausforderung, genügend Aufträge zu erhalten. An Gewerbemessen wirbt Metzger darum für das Können seiner Arbeiter, nebenbei hofft er auch auf Mund-zu-Mund-Propaganda. Wer beim kantonalen Gefängnis seine Arbeit aufgibt, ist nämlich keineswegs in schlechten Händen. Hier wird gefaltet, geklebt, montiert und recycelt. Dinge wie Fahrrad-Pack- träger, Cheminée-Anzünder und Durchflussmesser werden hier von Hand zusammengestellt; die Arbeiter sind «Fachleute für Manuelles». Wer motiviert und exakt arbeitet, hat ein gutes Entgelt verdient, findet Metzger. Der gelernte Elektromonteur schätzt gute Arbeiter sehr. Konsequent muss er trotzdem bleiben: Morgens um viertel nach sieben, nach dem Frühstück, müssen die Inhaftierten bereitstehen. Wer mehrmals trödelt, darf gar nicht erst mit. In den Werkstätten dann händigt Metzger das Material aus und erklärt die anstehenden Arbeiten. Während die Insassen loslegen, nimmt Metzger eventuelle Lieferungen entgegen, zeigt gelegentlich wieder Präsenz und gibt Feedback; Lob und konstruktive Kritik sind sehr wichtig. Um halb elf dann steht der Spaziergang an. Im Hof drehen Inhaftierte grüppchenweise ihre Runden, bis zum Mittagessen. Und wer jetzt an Gefängnisfrass – Wasser und Brot! – denkt, hat sich geschnitten. Das Essen, so Metzger, müsse unbedingt gut sein. Das sei von zentraler Bedeutung. Die Mahlzeiten werden direkt aus dem Kantonsspital geliefert. Wenn ein Gefangener Vegetarier oder Moslem ist oder ihm eine ärztliche Diät verschrieben wurde, wird das registriert und berücksichtigt. Ein beliebtes Utensil bei den Inhaftierten ist übrigens auch der Wasserkocher; Teebeutel und Kaffeepulver gibt es im internen Kiosk zu kaufen.
Nachdem am Nachmittag drei weitere Stunden gearbeitet wurde, bringt Metzger die Insassen zurück in ihre Zelle. Ab fünf Uhr abends, also nach dem Nachtessen, haben die Aufseher keinen Kontakt mehr zu den Gefangenen. Auch das ist eine Nebenwirkung des kleinen Gefängnisses: Nachts sind keine Betreuer im Hause. Das direkt benachbarte Polizeirevier ist die Anlaufstelle für Zwischenfälle und Anliegen. Ausnahme von dieser frühen Trennung ist einzig der Spielabend, der dauert nämlich bis viertel nach acht. Einmal die Woche treffen sich da die Inhaftierten zu Dartkämpfen, Kartenspielen oder Hometrainer-Sessionen. Abgesehen davon sind sie in ihrer Zelle, allein oder zu zweit. Die gefängnisinterne Mediothek steht, falls der Untersuchungsrichter nicht anderes anordnet, zur Verfügung. Hier gibt’s Unterhaltung zum Ausleihen: Bücher, Magazine, Schachcomputer oder die begehrten Spielkonsolen bringen einen über die Stunden hinweg. Einmal die Woche stehen Seelsorger zur Verfügung, reformiert und katholisch. Auf Anfrage, so die offizielle Verordnung, werden auch «eingewiesene Personen anderer Religionsgemeinschaften» betreut. Und Besuch ist, eine Stunde wöchentlich und hinter der Trennscheibe, grundsätzlich erlaubt. Überwacht wird er nur, falls dies vom zuständigen Untersuchungsrichter angeordnet ist. Telefonieren kann man dagegen bloss alle vierzehn Tage. Für zwölf Minuten. Und nicht länger.
Balance zwischen Nähe und Distanz
Wenn es um die Insassen geht, ist Martin Metzger um keine Antwort verlegen. Ist der Gefängnisaufseher der landläufigen Meinung nach doch meist ein eher grobes Wesen, wirkt Metzger durchaus gutmütig, aber auch durchdacht. Er spricht meistens in der Wir-Form, nennt als grundlegenden Unterschied zu den Gefangenen den Freiheitsentzug. «Ich arbeite nun mal mit Menschen, die in einer schwierigen Situation sind. Damit will ich niemanden in Schutz nehmen … Aber ich begegne jedem gleich. Draussen oder drinnen. Das professionelle Verhältnis von Nähe und Distanz ist das A und O im Strafvollzug. Man darf sich das Schicksal unserer Insassen nicht zum eigenen machen.» Auf seine Schweigepflicht gegenüber Freunden und Familie angesprochen, nickt Metzger etwas ernster. Es komme nicht von ungefähr, dass neben dem einwandfreien Leumund auch Lebenserfahrung und ein stabiles soziales Netz Grundanforderungen seien, um diesen Beruf auszuführen. Auch Psychologie wird in den zweieinhalb Jahren Ausbildung gelehrt. «Man muss abschalten können. Und mit vielem alleine fertig werden.» Und Gefahr? Spürt er da keine, hat er sich an alles gewöhnt? «Es braucht Vertrauen zu den anderen Aufsehern», antwortet Metzger. Er sieht seine Arbeitskolleginnen und -kollegen als Lebensversicherung, verlässt sich zu hundert Prozent auf sie. Zudem ist das Schaffhauser Gefängnis zwar klein und alt, aber es bietet genügend Schutz. Mit dem Schleusensystem kann sich nur fortbewegen, wer dies auch darf. Und mit den mobilen Kommunikationsmitteln bleiben Aufseher durchgehend miteinander in Verbindung.
Respekt gegenüber dem Menschen
Trotzdem: Wenn mal etwas vorfallen sollte – sei das eine verbale oder gar körperliche Auseinandersetzung mit einem Insassen –, muss man später wieder bei Null anfangen können. Jeder wird gleich behandelt, und das mit dem nötigen Grundrespekt. Die Inhaftierten werden darum grundsätzlich gesiezt. Metzger gibt aber zu: Gleichmässige Gerechtigkeit, das ist manchmal schwierig. Zumal er es von Taschendieben bis hin zu Kinderschändern mit jeder Art von Häftlingen zu tun haben kann. Aber, und Metzger wiederholt sich bewusst, er ist es ja nicht, der bestraft. Also arbeitet er mit den Menschen und nimmt sich nicht etwa ihrer Delikte an. Im Grunde genommen sei das Gefängnis eine Institution mit Regeln – einer Familie also gar nicht so unähnlich. Der Unterschied liege vor allem im Freiheitsentzug.
«Es ist nicht jedermanns Sache, so eingeschlossen zu arbeiten», sagt Martin Metzger. «Aber es ist eine Art Lebensschule.» Viele Gefangene, vorwiegend diejenigen in «Ausschaffungshaft», sprechen nicht seine Sprache. Kommunizieren könne man trotzdem, beteuert Metzger und führt lachend eine Geste fürs Zähneputzen vor. Er lerne hier einiges über fremde Kulturen, fügt er an. «Auch von Inhaftierten kann man etwas lernen. Es ist ein Nehmen und Geben.» Metzger nimmt noch einen Schluck Mineral, dann summiert er: «Man soll das Beste daraus machen. Die Zeit vergeht enorm schnell. Und», er lächelt zufrieden, «ich weiss, ich bin am richtigen Platz hier.»
Von Anna Rosenwasser |
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