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Portugal, Presse, Eskapaden
Auf Pressereise durch Portugal begeht unser Reporter Raubbau an seinem Körper.
In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch hatte er, verdienter Journalist der «Schaffhauser Nachrichten», einen Traum. Er flog. In einem Flugzeug. Und stürzte ab. Mehrmals. So war sein Traum und nicht anders. Und das, einen Tag bevor er für die Zeitung nach Portugal fliegen sollte. Es handelte sich um eine Pressereise. Flug und Erstklasshotels waren bezahlt. Aber für diese Annehmlichkeiten das Leben zu riskieren war unsinnig, sagte sich Richard R. (Name der Redaktion bekannt). Nein, er würde nicht nach Portugal reisen, und das teilte er auch der Redaktion mit. Die Sache verlief erstaunlich glatt. Man bat ihn nur, einen Ersatz-journalisten zu finden.
Hier komme ich ins Spiel. Ich sass in einem Café, als Richard anrief. Die Sache war sofort klar. Zwar konnte ich mir unter einer Pressereise nichts vorstellen, doch hatte ich bereits einen ganz anderen Plan. Vor einiger Zeit war nämlich eine Bekannte von mir dorthin ausgewandert, und ich wartete seit langem auf eine Möglichkeit, sie zu besuchen. Sie, die sagenhafte Alberta C. (Name der Redaktion unbekannt). Aber das musste geheim bleiben. Vor allem gegenüber dem Reiseveranstalter. Denn die wollten sicher einen schönen Artikel, nicht Eskapaden.
So kam es, dass ich mich am späten Mittwochabend unter Vorspiegelung falscher Tatsachen nach Zürich aufmachte, wo ich nächtigen und am nächsten Morgen um vier Uhr einchecken sollte. Ein Zimmer am Zürcher Flughafen war bezahlt, extra kosteten aber Supplements. Wie konnte ich, der ich meine ganze Jugend wenn nicht zu Hause, so in Jugendherbergen verbracht hatte, unterscheiden, was hier als inbegriffen galt und wofür man zweifellos viel Geld dazubezahlen musste? Mit dem Vorsatz, mich von Minibars und Fernbedienungen fernzuhalten, betrat ich mein Zimmer und war erschlagen. Riesig war es. Alles Erdenkliche war verchromt, und wo es nicht glänzte oder schimmerte, war ein Spiegel, der das Glänzende und Schimmernde reflektierte. In diesem Funkeln und Spiegeln schlief ich ein. Nach nur zwei Stunden Schlaf musste ich aber schon los, packte rasch alles, was lose war, in meine Reisetasche und hastete zum Check-in, wo bereits die Vertreter anderer Zeitungen warteten. Manche kannten sich von früheren Reisen, vor allem erinnerte man aber an abenteuerliche Geschichten, die sich bei den Pressereisen von Kollegen genau so zugetragen hatten.
Die TAP-Portugal fliegt problemlos, das Gepäck kommt dann auch einmal an, und so sitze ich bald schon mit den anderen Journalisten in einem Lissabonner Reisebus. In Richtung Hotel? Fehlanzeige. Eine Stadtführung steht an, die man immerhin nach einiger Zeit in Richtung eines Kaffees lenken kann. Der wird mit Rahmtörtchen serviert, die man mit noch ungebrochenem Enthusiasmus nachbestellt. Kirchen und Kloster werden besichtigt, Brücken und Häfen, Museen und Markthallen. Man hört von den Territorialverschiebungen der Kolonialzeit und unterscheidet Architekturstile, von denen man eben erst gehört hat, bereits mit fachkundiger Miene. Und so drehen sich auch die Gespräche unter den Journalisten nach kürzester Zeit nicht mehr um berufliche Anekdoten, sondern um die glorreichen Eroberungen Heinrichs des Seefahrers. Der hatte im 15. Jahrhundert die halbe Welt erobert und Portugal so zu einer der grossen Weltmächte gemacht. Dass seither dieses Weltreich beständig abbröckelte und schliesslich heute nur wieder das ursprüngliche, kleine Land übriggeblieben ist, hat sich in die Mentalität der Portugiesen tief eingegraben. Zwar offen und herzlich, aber grundsätzlich auch ein bisschen bekümmert ist hier das Volk. Zu schnell hat man in seinem Glück alles verschleudert. Aufgeführt wie die Berserker hat man sich im Taumel, und übriggeblieben ist wenig.
Müde versuche ich über Mittag ein Steak zu bezwingen, wobei ich meiner Sitznachbarin Gemüse auf den Rock spicke. Der Wein zum Essen fährt bereits einigermassen ein. Danach bringt man seine Sachen ins Hotel. Mein Zimmer besticht vor allem durch einen Turm sorgfältig trapierter Kissen auf dem Bett, der mich zuerst etwas verwundert, dann aber entzückt. Es bleibt aber keine Zeit, sich darin einzuwühlen, denn es steht bereits die Besichtigung einer Bierhalle an. Den Wein vom Mittagessen noch auf den Lippen, befindet man das Bier einmundig für etwas überflüssig, trinkt aber doch. Als man wenig später frohgemut durch die Passagen von Lissabon spaziert, ist auch Zeit, sich diese Stadt etwas genauer anzusehen. Was als erstes auffällt: Es gibt hier Kacheln ohne Ende. Manchmal nüchtern, oft farbig, mit orientalischen Mustern verziert und manchmal auch mit Dutzenden kachelübergreifenden Bildern. Nun kachelt man hier aber nicht nur Innenräume und U-Bahn-Stationen, nein, die Fassaden ganzer Strassenzüge bestehen aus Kacheln. Die Kacheln, so versichert mir die Reiseleiterin, seien der ganze Stolz der Portugiesen. Denn sie sind nicht nur billig und hübsch, sondern vor allem auch leicht zu reinigen. «Holz will geschrubbt sein, die Kacheln wäscht der Regen», so angeblich ein altes Sprichwort.
Zurück im Zimmer, stelle ich erstaunt fest, dass der Berg von Kissen verschwunden ist. Dafür entdecke ich auf einem Tischchen eine Ansammlung von kleinen Kuchen. Da ich noch immer sehr satt bin, will ich sie erst später verspeisen. Doch wie leicht könnte es sich mit diesen Törtlein ähnlich verhalten wie mit den Kissen, die in meiner Abwesenheit von stiller Hand und sozusagen hinter meinem Rücken abtransportiert wurden. Im Einschlafen schaufle ich die Süssigkeiten pflichtbewusst in mich hinein, bis zum Nachtessen bleiben noch zwei Stunden Ruhezeit. Doch was mich weckt, ist nicht mein Wecker, sondern eine SMS von Alberta. Da sie morgen wegfahre, müsse man sich heute abend sehen. Kaum ausgeruht, leite ich mein Abseilmanöver in die Wege. So spazieren wir wenig später durch die nächtlichen Gässchen. Erleichtert, den versnobten Hotelfoyers fürs erste entflohen zu sein, löffle ich mit ihr einen köstlichen Fischeintopf. Wie bei den Kacheln, die quasi zur Identitätsfrage erhoben wurden, sind die Portugiesen auch beim Essen ganz gross darin, aus dem Unscheinbaren etwas Wunderbares zu machen. Für den vermeintlich eher unspektakulären Stockfisch haben sich in der Geschichte dieses Volkes unzählige Rezepte angesammelt.
Vom Eintopf gestärkt, aber doch auch komplett erschlagen, wäre ich gerne bettwärts gezogen, hatte ich doch seit fast 48 Stunden nicht mehr richtig geschlafen. Aber Alberta hält mich auf Trab, zeigt mir Arbeiterbeizen, Jazzlokale und Tanzhallen. Diskussionen zu Ausgangsfragen sind bei ihr seit jeher unnütz. Gegen fünf Uhr morgens bringt sie mich schliesslich ins Hotel zurück, wo wir das Luxusbett in eine Räuberhöhle umbauen.
Losgefahren wird am nächsten Morgen sehr früh. Alberta ist den Blicken der Reiseleitung raffiniert entgangen, die Journalisten werfen mir aber vielsagende Blicke zu. Die Touristenführerin erzählt dabei Weiteres aus der Geschichte Portugals. Wie der grössenwahnsinnige König Sebastian im 16. Jahrhundert nach der erfolgreichen Vertreibung der Araber aus Portugal auf die glorreiche Idee kam, diese jetzt auch noch aus Arabien zu vertreiben. Er zog also in Richtung Marokko aus und verschwand sogleich spurlos, worauf Portugal seine Souveränität verlor und Kolonien einbüsste. Ein anderer König hat fast seine ganze Amtszeit verschlafen. Standen wichtige Entscheidungen an, so ging er «go ligge». Auch er hat zum Ruin Portugals viel beigetragen, von ihm spricht man aber noch immer mit viel Sympathie.
Mir gefallen diese Könige, ich lobe mir aber auch meine Sonnenbrille. So kann ich im Bus, wo ich ja unmöglich schlafen kann, immerhin ab und zu kurz meine Augen schliessen, während die Erzählung ins 17. Jahrhundert hinübergleitet. Es gibt blaue Tücher, die alles umflattern, während die Bäume am Meer vorbeifahren. Könige tanzen auf schwebenden Schiffchen, Alberta tanzt mit ihnen. Als wir zwei Stunden später zur Besichtigung eines Palastes in Sintra anhalten, wache ich auf. In dem Palast bin ich primär bemüht, eine Steckdose für den Akku meines Fotoapparates zu finden. Die Wände sind aber ganz und gar mit den prächtigsten aller Kacheln beklebt. Komplett dehydriert taumle ich später durch die alte Universität von Coimbra und kuriere mich in den Badehallen von Porto. Wie man auf Reisen immer die ersten Eindrücke am intensivsten erlebt, so verschwimmen auch hier die zwei Tage in einem Strudel aus Pittoreskem und Hochprozentigem. Mit unzähligen Bildern im Kopf und Gratisshampoo für Monate kehrte ich schliesslich beglückt in die winterliche Schweiz zurück. Und doch habe ich das Gefühl, es sei mir in Lissabon etwas verlorengegangen. Vermisse ich die Sonne? Das Bier? Alberta? Die Kacheln?
Eine Woche später kam ein Päckchen aus Portugal. Ich öffnete es mit zittrigen Händen. Es war, noch halbnass, meine Badehose, nachgeschickt vom Sheraton Hotel.
Der Veranstalter «sierra mar» ist ein Ableger von M-Travels und organisiert Individualreisen nach Südeuropa und Nordafrika. www.sierramar.ch
Von Nicolas Passavant |
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