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Novemberschreiben
Nicole Peter hat sich dressig Tage Zeit gegeben, um einen Roman zu schreiben. Der express hat sie durch den letzten Monat begleitet.
«Es ist so weit, der November ist da. Meine Entscheidung ist gefällt, ich versuche ein Buch zu schreiben. Wie anfangen? Erstmal setze ich mich an unseren PC, öffne das Word und schreibe munter drauflos. Oh, mein Gott, was ich da so vor mich hinschreibe, finde ich persönlich zwar witzig, aber wenn das jemand Fremdes liest, begreift der dann auch meine Gedankengänge?» (Nicole Peter am 2. November 2008)
Nicole Peter, bald 30-jährig, Sekretärin aus Schleitheim, hat im Radio einen Aufruf gehört. Wer träumt schon lange davon, einmal einen Roman zu schreiben? Und hat sich noch nie dazu durchgerungen? Sich hinzusetzen und draufloszuschreiben? Das «Novemberschreiben» bietet die Gelegenheit, in einem Monat ein Buch zu schreiben. Also: sich einschreiben und ausprobieren, ob man es fertigbringt, 50 000 Wörter zu schreiben. Das «Novemberschreiben» ist ein Schreibwettbewerb für Erwachsene, Kinder und Jugendliche. Wer mitmacht, trägt die Anzahl geschriebener Wörter regelmässig in die «Wörterzählmaschine» ein und führt so Statistik über das Gedeihen seines Projektes. Und er kann sich mit den anderen Teilnehmern vergleichen. Nach einem Monat soll ein Roman in Rohfassung entstanden sein. Nicole ist vom Wettbewerb fasziniert. Ein Buch schreiben, das gehört zu den Dingen, die sie in ihrem Leben verwirklichen möchte. Geschichten geschrieben hat sie nicht mehr, seit sie ein Kind war. Nicht einmal Tagebuch führt sie. Aber mit der Realisierung ihres Traumes ist es ihr ernst. Voriges Jahr hat sie sich über die Möglichkeit informiert, an einer Abendschule einen Kurs in kreativem Schreiben zu besuchen. Aber entsprechende Angebote gibt es kaum. Einzig in Zürich bietet die Schule für angewandte Linguistik einen zweijährigen Lehrgang in kreativem Schreiben an, Kostenpunkt: zehn- bis fünfzehntausend Franken. Einige Zeit hat sie mit dem Gedanken gespielt, sich diese Ausbildung zu leisten. Schliesslich hat sie ihn doch fallengelassen. Zweifel packten sie, ob tatsächlich schriftstellerisches Talent in ihr schlummere. Doch jetzt will sie es wissen. Ein Monat ist nicht viel Zeit. Viel planen kann man da nicht. Nicole muss sich reinstürzen in ihre Geschichte. Ein Frauenroman schwebt ihr vor. Lustig soll er sein und romantisch. Frau, Single, 35 Jahre alt, wohnt zusammen mit ihrer besten Freundin. Nach zwei Seiten fällt ihr nichts mehr ein.
«Auf der Heimfahrt von der Arbeit kommen mir 1000 Ideen über ein mögliches Buch in den Sinn. Ich müsste einen Stift haben, um alles notieren zu können. Mir kam die einstündige Fahrt vor wie nur 10 Minuten. Schon war ich zu Hause, sauste die Treppe rauf an unseren PC und fing ein neues Buch an. Diesmal wird es anders. Es wird ein Buch über einen Mann. Ich muss denken wie ein Mann … ich mache mir lieber erst morgen Sorgen darüber. Heute lief es super!» (Nicole Peter am 3. November) «Er musste die Stadt schnellstmöglich verlassen.» Mit diesem Satz macht Nicole einen zweiten Anlauf. Diesmal plant sie etwas Spannendes, einen Psychothriller. Sie will einen Mörder beschreiben. Doch er soll nicht abstossend, sondern sympathisch sein. Danny, Auftragskiller und Familienvater. Beim Schreiben entwickelt sie Charaktere, Schauplätze und den Plot. Was für eine Waffe hat Danny? Nicole fragt ihren Mann um Rat. Die SIG fällt ihr ein. Sie beginnt zu recherchieren. Welche Modelle wären für einen Auftragsmörder geeignet? Da gibt es die Sig Sauer. Nicole erinnert sich, dass sie die auch schon in Filmen gesehen hat. Ihr Mann ist skeptisch. Zu der Zeit, als die Sig Sauer produziert wurde, habe es noch keine Schalldämpfer gegeben, meint er. Doch einen solchen braucht Danny für seine Arbeit. Nicole geht der Sache nach. Und kommt zum Resultat, dass sich ein Schalldämpfer auf die Waffe schrauben lässt. Sie rüstet ihren Killer mit einer Sig Sauer aus.
«Die ersten grossen Selbstzweifel haben mich gepackt. Ich habe bis jetzt jedesmal meine ganzen Texte nochmals durchgelesen und verbessert, bevor ich angefangen habe weiterzuschreiben. Das ganze Prozedere kostet mich jeweils eine Stunde, und zufriedener hat es mich nicht gemacht.» (Nicole Peter am 7. November)
Nicole steht vor einer Wand. Sie fragt sich, ob ihre Geschichte anderen gefallen könnte. Freunde und Kollegen sind neugierig darauf, was sie schreibt. Wünschen, den Roman, wenn er fertig ist, zu lesen. Das setzt sie unter Druck. Anstatt flüssig weiterzuschreiben, hat sie begonnen, das Geschriebene zu überarbeiten. Sie kommt nicht mehr weiter. Auf dem Forum von «Novemberschreiben» schildert sie ihre Situation und fragt, ob es den anderen auch so gehe. Was sie jetzt machen solle? Ihr Eintrag wird eifrig kommentiert. Nicole erhält Zuspruch und Aufmunterung. «Schick die Selbstkritik in die Wüste! Geniess diesen Monat», lautet ein Ratschlag. Er wirkt für Nicole wie eine Befreiung. Nun schert sie sich nicht mehr darum, was die anderen von ihrem Roman halten könnten. Sie lässt ihrer Phantasie freie Bahn. Die Ideen fliegen ihr nur so zu, am Morgen, wenn sie mit ihrem Auto nach Glattbrug zur Arbeit fährt. Oder bei langen Spaziergängen rund um Schleitheim.
«Das Schreiben macht mir wirklich grosse Freude, aber ich möchte mir selber keinen Druck machen. Daher schreibe ich auch bloss, wenn ich die Stimmung dazu habe. Wenn ich lieber ins Kino gehe oder Lust habe, mein Pferd zu besuchen, dann sehe ich das als ‹Ideen-Sammeln› und versuche, mir keine Schuldgefühle einzureden.» (Nicole Peter am 16. November)
Anfang November hatte Nicole sich noch unter Druck gesetzt. Sich dazu gezwungen, jeden Tag zu schreiben. Nun schreibt sie noch mindestens zweimal pro Woche. Der Donnerstagabend wird zu ihrem fixen Schreibtermin. Ihr Mann trainiert mit dem FC Schleitheim, sie ist allein und ungestört. Sonst nimmt sie es, wie es kommt. Mal ist ihr ein Treffen mit Kolleginnen wichtiger. Und die Weihnachtszeit beginnt, Guetsli müssen gebacken werden. Den Roman in Rohfassung bis Ende Monat aufs Papier zu bringen, dieses Ziel hat sie aufgegeben. Sie hat sich nun als Neuschreiberin beim «Novemberschreiben» registriert. Als solche versucht sie 25 00 Wörter zu schreiben.
«Halbzeit ist vorbei. Ich bin noch nicht an meinem eigenen Ziel angekommen, geschweige denn an dem vom ‹Novemberschreiben›. Aber ich lasse es auf mich zukommen. Nur nicht hetzen!» (Nicole Peter am 20. November)
In der Phantasie nimmt ihr Roman immer deutlichere Formen an. Auf dem Papier ist sie im Rückstand. Schreiben ist ein hartes Geschäft, erfordert Konzentration und Disziplin. Nach zwei Stunden am Abend vor dem PC beginnen die Augen zu schmerzen. Danny plant den zweiten Mord. Das Opfer befindet sich in Whistler, einem Ferienresort bei Vancouver. Ist es heiss oder kalt? Sucht das Opfer die Sommerfrische, oder geniesst es den ersten Schnee? Wenn es Winter ist, dann hat Danny beim ersten Mord in Montreal Spuren im Schnee hinterlassen. Das könnte bedeuten, dass die Polizei mehr Anhaltspunkte hat, ihn also schneller ausfindig machen kann. Andererseits ist Danny ein Profi und weiss, wie er bei Schnee arbeiten muss. Jede Entscheidung, die Nicole für den weiteren Verlauf ihrer Geschichte trifft, kann Konsequenzen für das schon Geschriebene haben. Charaktere, Handlungen, Jahreszeiten und Schauplätze, alles steht in Verbindung miteinander, beeinflusst sich gegenseitig.
«Heute ist der letzte Tag! Das ‹Novemberschreiben›-Ziel habe ich gründlich verfehlt. Aber bei meinem persönlichen Ziel, meinen Roman zu Ende zu schreiben, bin ich immer noch voll im Plan. Obwohl ich viel Spass in diesem November hatte, war es nicht immer einfach, mich aufzuraffen und zu schreiben. Disziplin war nötig, was mir bei weitem nicht immer leichtfiel. Aber trotzdem war es superschön, wenn es draussen schneite und ich mit einer grossen Tasse voll Tee auf unsere Galerie ging, um am Buch weiterzuschreiben. Sicher, wenn ich lieber einen TV-Abend gemacht hatte, rief mich der Computer förmlich, und das schlechte Gewissen war gross. Ich beende den Monat November mit einem lachenden, aber auch einem weinenden Auge. Es war anstrengend, nicht einfach, aber ich habe so viel gelernt. Vor allem auch über mich selber. Ich kann tatsächlich meine Phantasie aufs Papier bringen. Ich kann Geschichten schreiben.» (Nicole Peter am 30. November)
Nicoles Geschichte hat zu keimen begonnen, wächst weiter wie etwas Organisches. Die vom «Novemberschreiben» veranschlagten 25 000 Wörter hat sie zwar nicht geschrieben. Sie wird keine Auszeichnung in Form einer elektronischen Medaille bekommen. Aber das macht nichts. Sie hat jetzt einen Stoff, den sie ausarbeiten kann.
Von Susanne Huber |
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