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Das Ausgeh- und Freizeitmagazin der «Schaffhauser Nachrichten» 07.09.2010

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Studentenleben

Der "express" auf Besuch bei Schaffhauser Studierenden in Bern.


Nach der Kanti verschlägt es die Schaffhause­rinnen und Schaffhauser zwecks Studium in alle Himmelsrichtungen: Die Einfallslosen schaffen’s gerade mal bis Zürich, die Finanzstarken (in spe) bis St. Gallen und jene, die sich bis ins «Welschland» vorwagen, dürfen schon fast eine Prise kosmopolitischer Grandeur für sich beanspruchen. ­Irgendwo dazwischen liegt Bern, auserkoren für einen privaten Augenschein.

Die Besichtigung der örtlichen Lebensumstände hat etwas Voyeuristisches an sich: Mit ­meiner Neugier (und meiner Kamera) dringe ich
in intime Sphären ein. In Zimmer mit Einzel- oder Doppelbetten, in Küchen und Badezimmer von unterschiedlicher hygienischer Beschaffenheit. «Darf ich auch im Schlafzimmer fotografieren?», bleibt dabei ein verquerer Satz, erst recht, wenn man das Gegenüber 15 Minuten zuvor noch nicht kannte. Doch die Einblicke stellen die gängigen Klischees über Studentenbuden (als Mischung zwischen Zigeuner-Caravan und Orgientempel) in Frage.

Die Globalisierung in Bümpliz

Als ich eine dieser Schaffhauser Enklaven in­spiziere, fällt auf: Die Wohnung ist sehr sauber. Die Bewohner weisen den Verdacht, sie hätten vor dem Fototermin heimlich geputzt, weit von sich. Auch ein anderer Besucher, der gerade zugegen ist, stimmt ein: «Pascal, du hast anscheinend extra noch dein Zimmer aufgeräumt!» Darauf dieser: «Das nennst du aufgeräumt?» – Punkt für Pascal.

Die saubere, grosszügige und gediegene Wohnung von Leonor, Romy, Basil und Pascal liegt in Bümpliz, was in etwa dem zürcherischen Schwamendingen entspricht. Ein Aggloquartier mit ­hohem Anteil an Personen mit Migrationshintergrund. Der Eindruck, als Schweizer von gewissen Vermietern bevorzugt behandelt zu werden, bleibt den vieren als zwielichtige Erinnerung an die Zeit der Wohnungssuche.

Sie kannten sich schon zuvor, von Schaff­hausen her, und der Zufall wollte es, dass alle zur gleichen Zeit eine neue Behausung suchten. Die Hauseigentümerin, die Pensionskasse «Ascom», hatte gegen eine WG nichts einzuwenden. Als Hauptmieter (und Garant) ist dabei der Vater von einem der Wohngemeinschafter eingetragen. Auch das half wahrscheinlich, allfällige Bedenken auszuräumen. So entstand jene fast schon familiale Struktur, die bis heute anhält: Das Abend­essen wird zumeist gemeinsam eingenommen, wobei jeweils eine oder einer für die übrigen kocht. Auch die Auslagen für Essen, Putzmittel und ahnlichem werden zu gleichen Teilen geschultert. Eine Zeitlang bestand sogar eine gemeinschaftliche Lösung fürs Wäschewaschen, was in WGs sonst immer Privatsache ist. Die Damen waren für die Abarbeitung der Schmuddelwäsche zuständig, die Herren hingegen für Entsorgung und Recyclinggüter. Doch weil die Wascherei viel aufwendiger gewesen sei als die Müllschlepperei, hätten sich die vier wieder vom «sexistischen Modell» verabschiedet, erklären sie lachend.

Eine witzige Eigenheit der Wohnung ist der eine Raum mit direkt anschliessendem Bad. Er wurde offensichtlich vom damaligen Architekten als Elternschlafzimmer konzipiert, mit der tradi­tionellen Nukleusfamilie im Hinterkopf. Dieses Zimmer mit Bad wird nun auch von zwei Personen gemeinsam genutzt, was dem Gesamten – genauso wie der zentnerschwere Grossfernseher im Wohnzimmer – eine Note von bürgerlichem Komfort verleiht.

Junggesellen in perfekter Lage

Auch an der Zähringerstrasse lebt es sich ­augenscheinlich gut, in unmittelbarer Nähe zur Uni, innert Gehdistanz zum Bahnhof. Die Bleibe von Matthias und Jérôme ist geräumig und in gutem Zustand. Und mal ehrlich: Wer kann sich schon während des Studiums eine eigene Wohnung leisten? Nun gut, eigentlich können sich selbst diese beiden keine eigene Wohnung leisten. Sie gehört vielmehr nahen Verwandten von Matthias, welche nur einen symbolischen Mietbetrag für sich beanspruchen. Geplant war, sich darin lediglich befristet aufzuhalten, danach in eine andere WG zu wechseln. Doch es geschah wie so oft im Leben: Nichts dauert länger an als ein Provisorium. Und dieses Provisorium ist zudem ein sehr ansehnliches, platzmässig sei einzig schade, dass zur Wohnung keinerlei Estrich- oder Kellerplatz als Auslagerungungsmöglichkeit exisitiere.

Nicht ganz so teuer wie in Zürich
Auch der Einblick in andere WGs bestätigt meinen Eindruck: Im Vergleich zu Zürich kriegt man in Bern «mehr Wohnung fürs Geld». Zum ­selben Preis, für den man in Zürich nur ein subventioniertes Zimmer ergattert, kriegt man in Bern bereits ein stattliches, reguläres Gemach. Auch geräumige Altbauwohnungen oder ein Plätzchen an zentralster Lage winken einigen Glücklichen. Und was hier nicht erwähnt wurde: Bern verfügt über funktio­nierende Studentenwohnheime. Gerüchten zufolge bestehen für manche Zürcher Institutionen Wartezeiten von bis zu zwei Jahren. Oder ein ­Lokal wird dort als Wohnheim betitelt, obwohl ­darin kein Zimmer unter 800 Franken zu haben ist. Da leben die Schaffhauserinnen und Schaffhauser in Bern vergleichsweise zufrieden, und manche von ihnen gehen auch fast nur zwecks Ausgang (Samstagabend) zurück in die Munotstadt, und um die Eltern (Sonntagmorgen) wieder mal kurz zu besuchen. Andere müssen von Berufs ­wegen häufiger hin- und herpendeln. Auch freundschaft­liche Bande sind ein häufiger Grund, die insgesamt fast vier Zugstunden ab und an in Kauf zu nehmen. «Meine engsten Freunde treffe ich zumeist in Schaffhausen», das ist eine Aussage, mit der Leonor durchaus nicht allein dasteht.

Aber es haust sich nicht nur angenehm in Bern, es lässt sich auch munter feiern. Jede der befragten WGs konnte auf die eine oder andere erfolg­reiche Festivität zurückblicken. Die «Truppe Bümpliz» muss sich zwar zuerst noch einigen, ob die jüngste Feier sich wirklich als WG-Party qualifiziert hat. Die Erinnerungsfotos an der Wand zeigen dann aber doch zahlreiche Gäste und gutes Ambiente. Bei Jérôme und Matthias ist der Partystatus klar gegeben. (Eine inoffizielle Regelung besagt, dass ein Anlass, an welchem jemand aus dem Publikum sich übergeben muss, automatisch als Party klassifiziert werden darf.) «Aber auch wenn’s hier manchmal laut wurde, gab’s nie Rekla­matio­nen.» Ganz zu Jérômes Zufriedenheit bestehe «allgemein ein sehr problemloses Verhältnis zu unseren Nachbarn».

Als fulminantes Finale führen mir Jérôme und Matthias noch ihre Küche vor. Hell, sauber und mit einem legendären Toaster, der auf jede Brotscheibe ein lachendes Gesicht einbrennt. (Das dazugehörige Warnschild ist ehr- und redlich aus der Jugendherberge Liverpool entführt.) Nachdem Matthias eine gesunde Vollkornscheibe in die ­Maschine gestopft hat, springt jene in vollem Elan heraus und fällt hinter die schwer zugängliche ­Küchenkombination. Was nun? Zuerst planen
die beiden, die Sache totzuschweigen. Aus den Augen, aus dem Sinn. Doch dann fällt auf, wie leicht sich das grosse Möbel von der Wand wegschieben lässt. Nun wird der Blick auf Wand und Boden frei. Zu unserem Erstaunen zeigt sich aber nicht nur ein Toast, sondern gleich deren zwei. Wie lange der andere Toast schon dort unten weilte, weiss niemand, doch einsam war er nicht: «Nach dieser Schere habe ich ewig gesucht!», entfährt es Matthias – eine wahre Goldgrube.

Ein ähnliches Problem besteht mit dem einen Küchenfach. «Wir wissen nicht, warum es da drin so seltsam riecht. Riecht das nach Fisch oder nach Getreide?» Nach einigem Rätseln taucht des Übels Wurzel auf: eine vergessene Packung Tortillas, deren Inhalt sich in chromatischen Stufen zu einer fast homogenen, dunklen Masse entwickelt hat. Kommt in jeder besseren WG mal vor. «Die Frau im Laden behauptete, die Dinger hielten ewig!», verteidigt sich der Eigentümer des corpus delicti.


Von Simon Brühlmann
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