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Hoch hinaus
Arthur Woods brachte seine Kunst ins Weltall. Auch seine Gedanken kreisen auf schwerelosen Bahnen.
«Und dass es ein Cosmic Dancer ist, worauf die englische Aufschrift hindeutete, daran haben wir nie gezweifelt. Es war besonders interessant, mit ihm zur Musik zu tanzen.» Alexander Polischuk, Kosmonaut.
Wir schreiben das Jahr 1993. Die russische Weltraumstation Mir, Vor-posten der Menschheit im Weltall, dreht im All einsam ihre Bahnen. Alexander Polischuk und sein Kosmonautenkollege Gennadi Mannakov, zu diesem Zeitpunkt ständige Besatzung der Mir, erwarten wieder einmal ein Fracht-raumschiff vom Typ Progress. Es bringt ihnen Dinge, die Mensch und Technik auch in der Schwerelosigkeit benötigen: Lebensmittel, Wasser, Treibstoff und Material. Und doch ist bei diesem Frachttransport im Mai 1993 etwas anders als sonst: Die Kosmonauten nehmen etwas in Empfang, das an einem Ort fernab der Erde die wenigsten erwarten würden: eine Skulptur mit Namen Cosmic Dancer. Grün und eckig ist sie und gut verpackt, Kunst in einer Sphäre, wo sonst nur Wissenschaft und Technik angesiedelt scheinen. Was hier unten auf der Erde in Arthur Woods vorging, damals, im Moment, als der Cosmic Dancer tatsächlich im Kosmos ankam, lässt sich nicht nachfühlen. Allerhöchstens er-ahnen lässt es sich, wenn man den Erschaffer der Skulptur an diesem kalten Novembertag beim Erzählen beobachtet. Woods sitzt in seiner Galerie in Stein am Rhein. Draussen vor der Tür, auf dem Rathausplatz, fallen erste, verfrühte Schneeflocken. Es ist Markt. Hochbetrieb. Mütter mit ihren Kindern und japanische Touristen laufen umher. Der Eingang zur Galerie wird von einem Marronistand verdeckt. Drinnen aber kümmert dies Arthur Woods nicht. Seine Augenbrauen heben sich, geben mehr Raum für die glitzernden Augen. Die Stimme ist bestimmt, die Worte fallen schnell. Er erzählt von seiner Kunst, dem Weltall und wie beides zusammenhängt.
Ein erster Anlauf Als Kind hat Woods Hunderte Raketenstarts live miterlebt, von 1959 bis 1970. Sein Vater arbeitete in Cape Canaveral für eine Firma, die Flüssigsauerstoff für die NASA herstellte. Dieser dient als Treibstoff für die Mercury-, Gemini- und Apolloraketen. Klein-Arthur wächst quasi mit der Raumfahrt auf. Er sieht, wie aus Orangenplantagen und einem Sumpf in Florida das Kennedy Space Center entsteht. Als Psychologie- und Kunststudent arbeitet Woods zwei Jahre selber für die Apollomission. Sein Job ist nicht besonders aufregend – er spielt den Kurier – , aber die Stimmung der daran beteiligten Leute sei einzigartig gewesen. Alle waren sie optimistisch, hatten sie diese Vision, dieses Ziel, auf das sie hinarbeiteten. «Wir wollten auf den Mond. Und wir schafften es», beschreibt Woods das Gefühl. Man merkt, dass er das «Wir» nicht zufällig in den Mund nimmt. 1985. Arthur Woods, inzwischen in die Schweiz ausgewandert und in Embrach bei Bülach heimisch geworden, will mit seiner Kunst zum erstenmal hoch hinaus – in den ihn so sehr beschäftigenden Weltraum. Es herrscht Kalter Krieg. West und Ost sind verfeindet, in Bunkern lagern Atomraketen, auf Knopfdruck bereit, für den Untergang der Welt zu sorgen. Woods hat eine Vision, will ein Zeichen setzen für den Frieden und die interkulturelle Verständigung. Das Weltall ist für ihn dazu der perfekte Ort. Ein Raum «ohne festgelegte Grenzen, in dem sich die Menschheit vereint, den sie gemeinsam erobern kann». Bislang war das All nicht Ort, sondern höchstens Inhalt seiner Kunst – wenn Woods zum Beispiel Erdbilder gemalt hat, aus Sicht der Astronauten in der Umlaufbahn. Woods neue Idee ist es nun, einen aufblasbaren Satelliten in Ringform ins All zu schicken, um so das neue Millennium mit einem Symbol für Frieden und Einheit zu begrüssen. Name: O. U. R. S. – Orbiting Unification Ring Satellite. Durchmesser: 1 km. Die dafür notwendige Technik stammt von der europäischen Raumfahrtorganisation ESA. Woods wendet sich für die Verwirklichung seiner Vision an die Schweizer Firma Contraves. Es zeigt sich aber, dass das Projekt in seiner Dimension wohl unbezahlbar würde. Woods redimensioniert das Projekt. Contraves verfügt in ihrem Entwicklungsprogramm nämlich bereits über einen perfekt geeigneten Prototypen mit einem Durchmesser von 6 Metern. Die Firma ist aber nicht bereit, diesen für das OURS-Projekt zu verwenden. Der Satellit, vom Amerikaner in Europa entwickelt, soll stattdessen mit Hilfe der Sowjets gebaut und in den Weltraum gebracht werden – und somit auch auf Projektebene die verschiedenen Kontinente zusammen- bringen. Die Verhandlungen sind weit fortgeschritten, da stirbt die Sowjetunion. Und damit zwar Woods Projekt, nicht aber sein Traum.
Der Kosmos im Gemälde Arthur Woods ist – Erdbilder, OURS und Cosmic Dancer hin oder her – Kunstmaler mit durchaus irdischem Blickwinkel. In seiner Steiner Galerie hängen verschiedene Werke. Sie zeigen alle Szenen aus der näheren Umgebung. Rheinfall, Waldwege, Wiesen – die Farben Grün, Blau und Gelb dominieren. Menschen sind in Woods Bildern keine zu sehen, von der Weite des Weltraums fehlt zunächst auch jede Spur. Kunst ja, aber keine Weltraumkunst. Und doch sind die Bilder sehr lebendig, riechen nach Weite, nach Unendlichkeit. Täuscht sich hier der Betrachter, oder haben diese Bilder tatsächlich etwas mit Woods Leidenschaft für das All zu tun? Der Künstler löst die Verwirrung mit einigen Hinweisen rasch auf. Die Bilder sollen in der Tat lebendig wirken, sollen nach Weite aussehen. «Ich möchte mit meiner Kunst ausdrücken, dass im Universum alles miteinander in Verbindung steht, alles voneinander abhängig ist. Nichts bleibt gleich, alles wandelt sich – auch wir selbst, ja sogar unsere Gedanken», meint Woods. Der Kosmos als harmonisches Ganzes, für Arther Woods nicht nur ein Gedanke. Die kosmische Dimension sei in seiner gesamten Kunst präsent, «sie reicht vom Mikro- zum Makrokosmos», so beschreibt er seinen intellektuellen Standpunkt, den er Anfang der 70er Jahre gewählt hat. Eines ist dem Betrachter spätestens jetzt klar: Woods Szenen aus der Region stehen für ihn in keinem Gegensatz zu seinen Projekten im Weltall. Dies wirkt zunächst verwirrend auf jemanden, der sich bislang wenig Gedanken zum Kosmos oder zum Zusammenhang der Dinge untereinander gemacht hat. Ein genaueres Betrachten der Bilder respektive seiner Maltechnik hilft aber, Woods Philosophie konkreter zu verstehen. Die Oberflächen seiner Bilder bestehen aus Tausenden von kleinen Farbpunkten, ähnlich Pixeln. Sie sind es, was Woods mit mikrokosmischer Dimension beschreiben würde. Aus ihrem Zusammenspiel wird das grosse Ganze. Ein Bild als Universum, sozusagen. Kultur im Weltall Anfang der 90er Jahre zieht Woods seine Lehren aus dem OURS-Projekt. Er gründet eine eigene Stiftung, die OURS-Foundation. Eine Institution hat mehr Chancen, an die wichtigen Entscheidungsträger heranzukommen, als eine Einzelperson. Parallel dazu beginnt er mit Networking – ein Kaffee da, ein Kongress dort und ja immer freundlich lächeln. Die Welt hat sich verändert. Die Dichotomie des Kalten Krieges ist vorbei. Amerikaner, Europäer und Russen beginnen zusammenzuarbeiten, auch in der Raumfahrt. Woods passt den Schwerpunkt seines nächsten Projekts dieser Tat-sache an. Der Cosmic Dancer, die Skulptur, die er auf die Mir schicken will, soll nicht primär die Menschheit einen, sondern die kulturelle Dimension der Raumfahrt beleben. «Denn ohne die fehlt der Eroberung des Weltalls der Boden», so Woods. Finanzieren kann er das Projekt, indem er 99 Versionen des Cosmic Dancer herstellt und verkauft. Die Russen machen mit, der Cosmic Dancer erobert das All. Das Medienecho zum Raumflug der grünen Aluminiumskulptur bleibt nicht aus. Besonders die Filmaufnahmen, auf denen die Kosmonauten Purzelbäume schlagen und so zur Musik tanzend die rotierende Skulptur imitieren, gehen um die Welt. Auf einer DVD hat Woods zahlreiche TV-Beiträge zusammengeschnitten. Diese läuft ununterbrochen auf einem Flachbildschirm in seiner Galerie in Stein am Rhein. Und erinnert die Besucher so an die erste Skulptur im All. Auf zwei Podesten stehen zudem Modelle des Cosmic Dancer – in Originalgrösse. Woods zeigt sie mit sichtlichem Stolz: «Der Cosmic Dancer sieht je nach Perspektive völlig anders aus. Und dies kommt erst in der Schwerelosigkeit so richtig zum Tragen, wo die Skulptur keinen festen Aufsetzpunkt hat.» Der Cosmic Dancer war nicht Woods letztes Projekt auf der Mir. Zwei Jahre später, 1995, veranstaltet seine OURS-Foundation mit Unterstüzung der ESA die erste Kunstausstellung im Orbit – die «Ars ad Astra». 20 A4-Bilder zum Thema «All und Menschlichkeit» werden gemeinsam mit dem deutschen Astronauten Thomas Reiter auf die Mir geflogen. Vier davon stammen aus der Schweiz. Reiter und die Mir-Crew wählen ein Siegerbild aus. Dieses bleibt auf der Raumstation, die anderen 19 kehren im Februar 1996 zurück zur Erde. November 2008. Die Mir gibt es nicht mehr. Ihre Überreste ruhen seit März 2001 im Pazifik. Gemeinsam mit dem Cosmic Dancer. Arthur Woods und der Weltraum sind aber immer noch ein Team. Aktuell ist Woods sehr engagiert in Diskussionen um die Umwelt- und Energieproblematik. Er vertritt den Lösungsansatz der Space Option. Ziel: Energie ausserhalb der Erde gewinnen – beispielsweise Sonnenenergie in der Umlaufbahn – und für die Menschen nutzbar machen. Ausserirdische Lösungen für irdische Probleme quasi. Nicht alle, ESA und NASA inklusive, sind seiner Meinung. «Dafür sind die Japaner dieser These gegenüber sehr offen eingestellt», fügt Woods an. So oder so, die Space Option wird diskutiert, unter anderem von den Mitgliedern der renommierten Akademie der Astronautik, kurz IAA. In den erlesenen Zirkel der IAA, sie umfasst nur knapp 1000 Mitglieder, ist Woods 1995 aufgenommen worden. Seit diesem Jahr ist auch Claude Nicollier, berühmter Schweizer Astronaut, mit dabei. «Erst vor zwei Wochen habe ich mit ihm über die Space Option debattiert», erläutert Woods. Seine Augen glitzern wieder.
Von Elio Stamm |
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