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On the Road Together
Motorradrahrten in der Gruppe sind ein Vergnügen mit eigenen Herausforderungen. Der "express" hat es ergründet.
Geschafft! Ich bin in Hemmental, im Herzen des Randen, und habe die Hauptstrasse 42 und damit die Poststelle gefunden. Das war sogar ziemlich einfach. Während ich meine eiskalten Finger aufzuwärmen versuche und in die Sonne blinzle, die etwa über Schaffhausen zu stehen scheint, dreht sich jeder Vorbeifahrende mit grossen Augen nach mir und meinem Motorrad um. Ja, die Suzuki mit der Zürcher Nummer steht zum erstenmal hier.
Innerhalb von zehn Minuten ist die Zürcher Suzuki von einer Handvoll Motorrädern umstellt. Zuerst eine Yamaha XJR 1200, ein «nackter» Strassentöff, also ohne Plastic drumrum, so dass man die verchromten Rohre aus dem mächtigen Motorblock kommen sieht, mit einem breitem Hinterreifen. Dann folgen ein paar grosse Strassenenduros, hochbeinige Töffs mit langen Federgabeln, die eigentlich fürs Gelände gebaut sind. Schliesslich rollt eine Honda CBR 600 an, eine vollverschalte Rennmaschine. Damit sind alle Haupttypen von Motorrädern vertreten – abgesehen von Choppern wie Harleys und Gespannen natürlich –, und zwar in grosszügig motorisierten Versionen. An den Lenkern sind ausschliesslich Männer. Drei Rücksitze sind mit Sozias besetzt, also mit Fahrgenossinnen.
Zügig Richtung Schwarzwald
André Baumgartner, der Vereinspräsident des Moto-Clubs Hemmental, hat die heutige Route vorbereitet und fährt der Gruppe während des ganzen Wegs voran. «Wir gehen in den Schwarzwald», kündigt er an. Viel mehr gibt es nicht zu reden. Ein paar Minuten nach zehn Uhr sind wir unterwegs. Zuerst geht es über den Randen, durch die Wälder nach Schleitheim. Ein Teil dieser Strecke ist eine staubige Naturstrasse, der wir langsam und vorsichtig entlangholpern. Einen Steinwurf vom Zoll entfernt stösst noch ein letzter Kollege zu uns. Sein Vehikel, eine angejahrte Strassenmaschine, bringt er nur mit Müh und Not zum Laufen, und es stösst Russ aus wie ein Lastwagen. Da niemand hinter ihm fahren will, macht er das Schlusslicht und verpasst unserer Kolonne während des ganzen Tags eine weitherum sichtbare Rauchfahne.
Als Oktett rollen wir also über die Grenze, schön langsam und brav. Wir fahren über Obermettlingen und folgen von dort der Steina abwärts bis nach Waldshut. Es ist ein klarer Oktobermorgen, nur einige Grad warm. Von Waldshut fahren wir zügig den Rhein entlang nach Bad Säckingen. Zügig ist das Wort. «Wir fahren zügig, aber wir rasen nicht», umschreibt Vereinspräsident André den Fahrstil. Ich bin jedenfalls immer wieder froh um jedes einzelne meiner 70 PS, während ich meinem Vordermann auf den Fersen zu bleiben versuche. Gerast wird indes in der Tat nicht. Der Präsident, der die Gruppe auf seiner Rennmaschine anführt, fährt ein ausgeglichenes Tempo, das von allen Fahrern mehr oder weniger eingehalten werden kann. Er ist Gründungsmitglied des Vereins, der dieses Jahr sein 20-Jahr-Jubiläum feierte, und damit sein halbes Leben lang dabei. Die Generation, die den Verein dominiert, ist heute noch dieselbe wie damals. Obwohl die Mitglieder offen für eine Verjüngung sind, würden sie es für keine Tragödie halten, wenn der Verein mit seiner Gründungsgeneration eines Tages aussterben würde. Sie sehen den Club aber als zweckmässige Struktur, die sie ihrer eigenen Leidenschaft gegeben haben, und diese muss auch nicht notwendig ewig bestehen. Immerhin hat er schon lange sämtliche Prognosen übertroffen, die ihm 1988 in Hemmental gemacht wurden.
Keine Schönwetterfahrer
Für das Fahren in der Gruppe gelten ein paar einleuchtende Regeln. Man fährt seitlich etwas versetzt zum Vordermann, denn so sieht man besser nach vorn. Zudem, so reime ich mir zusammen, flitzt man im Fall einer Vollbremsung des Vordermanns nicht gleich in diesen hinein. Weiter gilt, dass jeder Fahrer darauf zu schauen hat, dass sein Hintermann folgen kann. Das kommt besonders dann zum Tragen, wenn von einer Strasse abgebogen wird. Ausserdem wird innerhalb der Gruppe grundsätzlich nicht überholt. Das wäre auch lebensgefährlich, wenn die ganze Horde auf einmal zum Überholen eines Autos ansetzen würde.
Während wir das Wehratal in Richtung Todtmoos hochfahren, wird nun dieser Grundsatz allerdings gebrochen – was unter der gebotenen Vorsicht ausnahmsweise gestattet ist. Die besonders tempohungrigen Vereinsmitglieder überholen einen Kollegen, der ein paar Autos nicht überholen mag, die unsere zügige Fahrt behindern. Sie setzen sich ab und legen sich tief in die Kurven. Auch ich lasse mein Motörchen bis in den roten Drehzahlbereich hochheulen und jage hinterher. Mit Vollgas beschleunige ich aus einer Kurve heraus, um kurz vor der nächsten wieder hart in die Bremse zu greifen. Den Anschluss an die Gruppe habe ich trotzdem erst wieder, als sie am Strassenrand auf die Nachzügler wartet. Dass alle der sieben Fahrer einige Jahre ausgiebiger Motorraderfahrung auf dem Buckel haben, merkt man dem Fahrstil an. Bei allem Tempo und allen Überholmanövern haben die Männer ihre Maschinen im Griff.
Um die Mittagszeit lenken wir unsere Motorräder zu einem Restaurant. Jacken, Helme, Handschuhe, Nierengurte und Rückenpanzer türmen sich zu einem hohen Berg. Eine richtige Schutzbekleidung ist für den Moto-Club absolute Selbstverständlichkeit. Ein Teilnehmer in Jeans oder ohne Handschuhe würde gar nicht erst mitgenommen. Ebenso klar ist für alle, dass kein Alkohol getrunken wird. Überhaupt betrachtet die töffbegeisterte Truppe Essen und Trinken mehr als eine Notwendigkeit, der man nicht ausgiebig frönt.
Während des Verzehrs von Forellen, Wildschweinbraten und Spätzlepfannen wird offenbar, wie vertraut sich die Mitglieder sind. Man plaudert angeregt durcheinander, teilt die Auffassung über eine gelungene Tour, man spricht dieselbe Sprache. Es gibt einen harten Kern des Moto-Clubs, also die Handvoll Fahrer, die bei jeder Tour anzutreffen sind. Sie lassen sich an einer Hand abzählen. Das ist aber auch gar nicht schlecht, denn wenn eine Gruppe zu gross wird, werden die Touren schwerfällig, denn es muss mehr aufeinander gewartet werden. Diese Hartgesottenen brechen auch auf, wenn der Himmel voll Wolken ist oder wenn es regnet. Sie sind keine Schönwetterfahrer. Lediglich bei Schnee überlegen sie es sich zweimal. Die Fahrer sind ein eingespieltes Team, sie wissen, dass sie sich aufeinander verlassen können.
Das Fahren in der Gruppe ist laut Präsident André nicht jedermanns Sache. Damit das Ganze so richtig Freude macht, muss man untereinander auch vom Menschlichen her «irgendwie einfach zusammenpassen.» Wer dazupasst und sich wohl fühlt, der ist willkommen. Weder ist eine bestimmte Töffgattung oder eine Marke Pflicht. Mit dabei sind auch Auswärtige. Eine Weile lang war sogar ein Mitglied dabei, das in Griechenland wohnt. Der Mann flog eine Weile lang zu jeder einzelnen Töfftour extra in die Schweiz.
Die Landschaft wird zum Erlebnisstrom
Nach dem Essen, bei dem mir endlich die Kälte von der frühmorgendlichen Autobahnfahrt aus den Gliedern gewichen ist, geht es wieder auf die sonnige Strasse hinaus. Nachdem wir in Todtnauberg für kurze Zeit auf dem Holzweg waren, ging die Fahrt weiter mitten in den Südschwarzwald durch Kirchzarten und St. Peter. Den neubarocken Doppelkirchtürmen, die man hier in jedem Dörfchen antrifft, kann ich kaum mehr als einen flüchtigen Blick schenken. Auch die milden Hügellandschaften und die Herbstwälder darf ich nur als Hintergrund für die Fahrbahn auf mich wirken lassen, während ich der kurvenreichen Route folge. So geniesse ich die Landschaft in einem rasanten Erlebnisstrom. Blitzartig wechseln sich hellgrüne Wiesen mit schattigen Wäldchen ab. Einmal klafft nebenan eine verwunschene kleine Schlucht, einmal ragt eine Felswand vor mir in die Höhe. Die beschauliche Art von Naturbetrachtung ist dies freilich nicht. Immerhin, auf die kühle, würzige Bergluft, die mir durch das offene Visier ins Gesicht strömt, darf ich mich gefahrlos konzentrieren. Über St. Märgen lenken wir die Motorräder schliesslich wieder in Richtung Kanton Schaffhausen. In Neustadt, nach rund 200 Kilometern zurückgelegter Strecke, wird ein Tankstop fällig. In Bonndorf werden wir jäh verlangsamt, wir müssen einer Parade von Feuerwehrfahrzeugen in qualvollem Schritttempo folgen. Über Weizen gelangen wir wieder nach Stühlingen und Schleitheim und somit auf die Route der Abfahrt. Zum zweitenmal klettern wir über den Randen und rollen wieder bis auf die Hemmentaler Hauptstrasse hinunter. Der Tageszähler zeigt 250 Kilometer. Die Fahrt durch den Schwarzwald ist die Schlusstour, mit der der Moto-Club die diesjährige Motorrad-Saison abschliesst. Jedes Jahr werden einige Touren unternommen, von Halbtages- über Tages- bis hin zu Wochenendtouren. Geplant werden sie jeweils von einem Mitglied, das dann auch die Führung übernimmt. Das bedeutet, die Route genau zu planen, Restaurant- und Tankstops einzuplanen, mit der Karte voraus zu fahren und irgendwann einen kleinen Fahrbericht abzuliefern.
Während sich die Sonne, die uns so artig geleuchtet hat, hinter der waldigen Flanke des Hemmentaler Tälchens verzieht, lädt der Präsident alle noch zum Grillieren in seinen Garten ein. Im Gespräch zeigt sich, dass auch der aktive Kern des Moto-Clubs Hemmental nicht allein durch die Leidenschaft des Motorradfahrens zusammengehalten wird. Das Vereinsleben umfasst auch Aktivitäten ohne Motorrad, insbesondere natürlich im Winterhalbjahr. Nebst rund 20 aktiven Mitgliedern gibt es nochmals doppelt so viele passive. Das sind einerseits Sympathisanten, die den Verein unterstützen, andererseits ehemalige Töfffahrer, die etwa wegen der Familie das Fahren aufgegeben haben.
Was die bewährten Töffkameraden in den beiden Dekaden auf ihren teilweise auch längeren Touren und Aktivitäten zusammengeschweisst hat, ist lückenlos in Vereinsfotoalben dokumentiert: Andrés Sturz in einer Öllache, die Gruppe, als sie auf einem verschneiten Pass steckenblieb, ein Gruppennacktfoto am Meeresstrand, Familienausflüge und unzählige Feste. Regelmässig tauchen auch Brautpaare auf. Der Moto-Club feiert stets mit, wenn wieder mal ein Mitglied unter die Haube kommt, und steht mit den Töffs Spalier.
Zeitig verabschiedet sich einer nach dem anderen von der Runde. Bis jetzt ist kein Tropfen Alkohol geflossen. Der Heimweg will auch noch sicher bewältigt sein. Dieser führt in alle möglichen Richtungen, über die Grenze, nach Schaffhausen oder die Strasse runter. Zuletzt nehme auch ich den Weg durchs Dunkel in den Nachbarkanton unter die Räder.
Von Florian Bissig |
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