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Moderner Hofnarr
Der Schaffhauser Kabarettist Ralf Schlatter über Kunst und Komik.
Kellenberger Peter hält eine Ansprache. Die linke Hand im Hosensack, mit der Rechten das Revers des braunen Kittels straffziehend. Der Gemeindepräsident spricht zu seinen Grosshöchstettern. Seine Stirn kraust sich, Kellenberger hat, wie könnte es anders sein, Gewichtiges zu berichten. Die ersten Leute im Saal des Casinotheaters Winterthur prusten schon los, als der Kabarettist Ralf Schlatter sich mit gespreizten Beinen an den Bühnenrand stellt. Das Hochdeutsch mit breitem Berner Akzent kitzelt weitere Lacher hervor. Schlatter ist jetzt Emmentaler Dorfkönig und zugleich, auf einer anderen Ebene, ein übermütiger, gewitzter Junge, der die Erwachsenen imitiert, ihnen ihr eigenes Verhalten vorführt und sie so zum Lachen bringt.
Ist Ralf Schlatter der Pausenclown, der es auf die Bühne geschafft hat und nun statt seiner Klasse einen Saal voller Zuschauer erheitert? «Ich habe schon als Kind gerne die Haltung und die Sprechweise anderer imitiert – aber ein Pausenclown war ich nie», erzählt Schlatter vor dem Auftritt bei Kaffe und Kuchen in einer Konfiserie in der Nähe des Casinotheaters. «Lacher ernten hat in der Tat etwas Kindliches. Dass ich mir als 37-Jähriger eine Kappe verkehrt herum auf den Kopf stülpe und einen Chüngelizüchter spiele, kommt mir manchmal schon etwas seltsam vor.» Karikieren und Imitieren sei seine Methode, mit der Welt fertig zu werden. «Ich nehme intensiv wahr, was um mich herum passiert, habe einen Sinn für das Feinstoffliche, für das, was sich zwischen den Menschen abspielt.» Diese Eindrücke fordern eine Verarbeitung. Wenn er malen könnte, wäre er Maler geworden, führt Schlatter aus. Aber sein Medium ist die Sprache. Und dieses schöpft er auf doppelte Weise aus: auf der Bühne zusammen mit Anna-Katharina Rickert als «schön&gut» und schreibend als Autor von Hörspielen und Büchern, aktuell gerade «Verzettelt», wofür er Geschichten erfand zu auf der Strasse gefundenen Zetteln.
Moderner Hofnarr
Beim Interview schlägt Schlatter leise Töne an. Seine Antworten sind weder geschliffen, noch sprühen sie vor Witz. Er denkt nach, geht den Fragen auf den Grund. Zurückhaltend und eher introvertiert, ist er jetzt das Gegenteil des Schlatters, der am Abend auf der Bühne stehen wird. Damit hängt vielleicht zusammen, dass er auch nicht auf der Strasse erkannt wird. Zwar kann das auch daran liegen, dass Schlatter alias Georg Schön und Rickert alias Katharina Gut noch nicht zu den prominentesten Schweizer Kabarettisten gehören. Aber oft werde er nicht einmal nach einem Auftritt, wenn er in Alltagskleidung sich unter das Publikum mischt wiedererkannt: «Es ist nicht so, dass die Leute auf mich zukommen. Dafür werden meine Eltern in Schaffhausen auf der Strasse auf mich angesprochen. Man stellt ihnen dann die Frage, ob sie stolz auf ihren Sohn seien. Als ob sie mich zum Kabarettisten gemacht hätten.» Der Vater ist als langjähriger Stadtschreiber in Schaffhausen stadtbekannt. Die Mutter Primarlehrerin. Gutbürgerliche Berufe also. Und dann die beiden Söhne Künstler. Reto, der ältere, ist Fotograf. «Wir sind seelenverwandt», sagt Ralf auf die Frage nach dem Verhältnis zu seinem Bruder. Und meint damit, dass sie die Welt ähnlich betrachten. Beide seien sie Beobachter. Auch dass sie beide freischaffend sind, verbindet die Brüder. Sie teilen die Sorgen und Nöte der Selbständigkeit. Von Reto stammt das Foto auf dem Plakat des aktuellen Programms: Georg Schön und Katharina Gut sitzen auf einer Bank und haben Gepäck neben sich. Die Bank steht in einem runden Brunnenbecken. Um den Brunnen ein buchsumrahmter Kiesweg mit Ausfallwegen. «Das Kamel im Kreisel» heisst das Stück. Es ist das zweite Programm von «schön&gut» Mit dem ersten haben Rickert und Schlatter 2004 den Salzburger Stier gewonnen. Der Preis bildet für sie eine Zäsur. Seither können sie ganz als Freischaffende leben und sind nicht mehr auf den Verdienst durch Nebenjobs angewiesen. «Der Umstand, dass ich auf die Bühne gehen kann und ein Saal voller Leute mir zuhört, ist für mich eine Verpflichtung, politisch Stellung zu beziehen. Ich will die Leute nicht nur zum Lachen, sondern auch zum Nachdenken bringen.» Kabarett ist für Schlatter per se politisch, der Kabarettist ein Hofnarr, der den Leuten einen Spiegel vorhält. «Nur dass dem modernen Hofnarr nicht mehr der Kopf abgeschlagen wird.» Nicht einmal der Gemeindepräsident von Grosshöchstetten hat es den beiden übelgenommen, dass unter seinem Titel Spott getrieben wird. Und das, obwohl er einiges mit dem Peter Kellenberger auf der Bühne gemein hat: Beide sind in der SVP, beide sind bodenständig, haben einen festen Händedruck und immer einen kernigen Spruch parat. Die Satiren und Karikaturen von «schön&gut» provozieren nicht. Im Gegenteil, sie wecken Sympathie. Die Grosshöchstetter scheinen geschmeichelt, dass sich die ganze Deutschschweiz über sie amüsiert, und empfingen das Duo, als diese auf ihrer Tournee auch in Grosshöchstetten haltmachten, mit offenen Armen, richteten ein Fest für sie aus, an dem auch ein leibhaftiges Kamel teilgenommen hat.
Neues aus Grosshöchstetten
Wie das erste Programm dreht sich «Das Kamel im Kreisel» um eine zufällige Begegnung zwischen Katharina Gut und Georg Schön. Diesmal treffen sie sich an einem Fest in Grosshöchstetten. Ein Verkehrskreisel wird feierlich eingeweiht, und alles, was Rang und Namen im Dorf hat, ist versammelt. Liess sich an das erste Programm so einfach ein weiteres anfügen? Wie weitet man eine Geschichte aus, so dass man ein zweitesmal mit ihr auf Tournée gehen kann? «Aki, dazu könntest doch du etwas sagen», wendet sich Schlatter an seine Bühnenpartnerin. Anna-Katharina Rickert hat sich vor einigen Minuten an den Nebentisch gesetzt, eine Quarktorte bestellt und sich diskret hinter eine Zeitung zurückgezogen. Jetzt verschwindet die Zeitung, und Rickert rutscht auf der Bank heran, welche die ganze Längsseite des Cafés einnimmt. Sie beginnt zu erklären, wie ein Stück entsteht, wie die Geschichte von Katharina Gut – «mit der ich übrigens einen Teil meines Namens gemeinsam habe» – und Georg Schön nach dem ersten Programm weitergesponnen wurde. «Katharina und Georg haben eine Biographie, genauso wie reale Personen. Das ist ganz wichtig.» Die Biographie ist so angelegt, dass sie Stoff für Geschichten hergibt. «Was man auf der Bühne sieht, ist ein kleiner Ausschnitt davon.» Die Vorgeschichte der beiden Figuren schwingt mit, ohne dass sie explizit gespielt zu werden braucht. Beim Erzählen verschmilzt Rickert ein bisschen mit ihrer Bühnenfigur, der Seemannstochter aus Hamburg. Diese hat ihre Wurzeln im Emmental, genauer in Konolfingen, von wo ihr Vater, ein Pfarrerssohn, einst ausgewandert ist, um Matrose zu werden. «Er reiste nach Hamburg, wo er meine Mutter traf – Katharina Guts Mutter natürlich.» – «Am legendären Beatles-Konzert», wirft Schlatter ein. Katharina verbrachte ihre Ferien oft in Konolfingen, auf dem Bauernhof der Grosseltern. Dort machte sie die Bekanntschaft des Metzgersohns Georg Schön. «Georg wohnt im Nachbarsdorf von Konolfingen, in Grosshöchstetten.» – «Nie gross aus Grosshöchstetten herausgekommen», nimmt Schlatter den Faden auf. Die beiden beginnen, einander den Ball zuzuspielen, flechten Wendungen und Sätze aus dem Programm ins Gespräch ein. Ralf Schlatter ist nicht mehr länger nachdenklich. Es ist, als ob die Lebhaftigkeit Rickerts auf ihn übergesprungen sei. Jetzt spielt das Gespräch auf einer anderen Tonart. Das Adagio wurde durch ein Vivace con fuoco abgelöst.
Vielfältige Verwandlungen
Die Requisiten, welche «schön&gut» verwenden, lassen sich an einer Hand abzählen. Trotzdem versammeln sie die verschiedensten Figuren in ihrem Stück, schlüpfen von einer Rolle in die nächste. Der Griff ans Revers, die breitbeinige Pos, verwandeln Georg Schön in Peter Kellenberger. Die Schultern gestrafft, der Rücken gereckt, ein gestochenes Hochdeutsch: Katharina Gut – verzieht sich ihr Mund schief, krümmt sich ihr Rücken unter der Last des Klassenkampfes, wird aus ihr Vreni Schüpbach, unerschütterliche Sozialistin. Was auf der Bühne faszinierend und komisch wirkt, hat seinen Grund in den Verkehrsgewohnheiten der beiden Kabarettisten: Sie reisen im Zug. Da müssen Kostüme und Requisiten in zwei Koffern Platz haben. «schön&gut» kommen fast ohne Effekte aus, gezwungenermassen. Auf Lichtinszenierungen können die beiden, wenn es sein muss, ebenfalls verzichten. Sie treten auch in Turnhallen und Singsälen auf. Eine Bühne muss genügen. «Deshalb ist es wichtig, dass die Geschichte trägt, dass sie stimmig ist», erklärt Schlatter. «Wir können nichts überspielen, keine Brüche kaschieren.» Die Figuren verwandeln sich eine in die andere und wieder zurück. Doch zuerst müssen Rickert und Schlatter in ihre Figuren hineinfinden. Diese Verwandlung vollzieht sich allmählich und fängt schon mit dem Packen der beiden Koffer an. Die Handgriffe, die dabei jedesmal dieselben sind, stossen ein Türchen zur Welt von Katharina Gut und Georg Schön auf. Die Erinnerung an den Text sei ihm nicht so ohne weiteres zugänglich, sagt Schlatter. Sie erschliesse sich erst, wenn er auch die Haltung der entsprechenden Figur einnehme.
Vor dem Auftritt im Casinotheater nehmen die beiden Kabarettisten über ihren Körper Fühlung mit den Figuren auf. Es gilt, ihn auf den Auftritt vorzubereiten, ihm die «nötige Spannung» zu verleihen, wie Schlatter sich ausdrückt. Das geschieht mit einigen Yoga- und Thai-Chi-Aufwärmübungen. Die Arme kreisen rhythmisch, der Leib wird hüpfend geschüttelt. Dazu kommt ein lautes Gähnen, Töne werden produziert. Schliesslich ist auch die Stimme ein Muskel, der aufgewärmt werden will. Dann geht es ins Untergeschoss, zu den Garderoben. Rickert und Schlatter legen ihre Utensilien aus, drapieren einige Karten, die Kamele zeigen und ein Kamelfigürchen vor dem Spiegel, schlüpfen aus ihren Kleidern in ihre Kostüme. Schminken sich. Schlatter kämmt sich einen Scheitel und die Haare glatt an den Kopf. Rickert malt ihre Lippen rot an, betont ihre Augen. Zuletzt steckt Schlatter ihr die Haare im Nacken zu einem Knoten. Unterdessen hat der Saal sich gefüllt. Das Licht ist ausgegangen, allein die Bühne ist hell. Und steht bereit für den Metzgerssohn und die Seemannstochter, den Dorfpräsidenten und die stramme Genossin, die Chüngelizüchterin und den Chüngelizüchter.
Von Susanne Huber |
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