express - Das Ausgehmagazin  
Das Ausgeh- und Freizeitmagazin der «Schaffhauser Nachrichten» 07.09.2010

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Stillgestanden

Drei Wochen als Botschaftsschützer. Ein WK-Erfahrungsbericht.


Mein Blick geht aufwärts. Ungeduldig blicke ich auf den grossen Zeiger der Kirchenuhr, die ich zwischen den im Wind wehenden Ästen einer Tanne hoch über mir noch knapp erblicken kann. 10 Minuten noch, dann ist es 14 Uhr, ist die erste Schicht für heute vorbei, kommt die Ablösung. Kann ich endlich weg, durchatmen, Pause machen. Für einen Moment verharre ich so, gedankenver­loren, lass der Leere im Kopf freien Lauf. Ein Motorengeräusch weckt mich aber abrupt und lässt meinen Blick wieder auf den Boden zurückschnellen. Auf dem schmalen Quartierweg zwischen den alten, ehrwürdigen Villen nähert sich ein grosser, schwarzer Mercedes. Auf dem Nummernschild stehen die Buchstaben CD für Corpsdiploma­tique geschrieben. Rasch öffne ich das Gittertor, das den Zugang zu den Villen versperrt. Der Mercedes rauscht durch – ohne verlangsamen zu müssen. Ich winke, schliesse langsam das Tor und gebe mich, äusserlich Haltung bewahrend, innerlich wieder der Leere hin.

Polizei spielen mit 30-Jährigen
Bald zwei Wochen sind wir nun schon hier. Die anderen Jungs und ich. Es ist Herbst, WK-Zeit. Wir haben den Joker gezogen, den niemand will: Botschaftsbewachung in Bern. Zwei Tage Ausbildung und 120 Schüsse im Wallis zum Start, dann sind wir hierher gekommen, in die Bundeshauptstadt. In der Zivilschutzanlage unter dem Hockeystadion des SC Bern schlafen wir und warten auf unsere Schichten. Tag oder Nacht, 12 Stunden dauern sie jeweils. Auf zwei Stunden vor der Botschaft folgen zwei Stunden Pause in der Einsatzzentrale. Fast die Hälfte der Pausen geht allerdings für Vorbereitungen und Transfers flöten.
Eigentlich sollte ich ja gar nicht hier sein. Botschafts- und Konsulatschutz ist Polizeiaufgabe. Das hat der Nationalrat Ende 2007 nochmals so bestätigt und beschlossen, die Einsätze der Armee zugunsten ziviler Behörden stark zu reduzieren. Doch die Personalressourcen der Polizei sind knapp. Erst Zürich hat es geschafft, genügend Polizisten zu rekrutieren. So bleibt es in Bern und Genf, wie es nun seit 1993 ununterbrochen ist: Angehörige der Armee werden zum Botschaftsschutz abberufen. Ernsteinsatz, wenig Ruhezeiten, scharfe Munition. Die Armee ist für einmal nicht schuld daran – kein Nef, kein Unglückskadi, ja nicht mal Sämi Schmid als VBS-Chef verantwortet es. Es ist ein Entscheid der Politik.
Ich komme mir vor wie in einer Alibiübung. Zwei Tage Ausbildung und ab vor die Botschaft. Wenigstens wird nicht erwartet, dass wir im Ernstfall einschreiten wie ein Polizeigrenadier. Die Waffe ist nur zum Selbstschutz gedacht. Wir sollen beobachten, melden und gut aussehen. Für den Rest sind die Polizei und die Sicherheitsdienste der Botschaften zuständig. Immerhin bin ich in guter Gesellschaft. Das macht den Alltag um einiges erträglicher. Etwas ist dieses Jahr aber anders als sonst: Mehr als zwei Drittel aller Soldaten meines Zuges sind Reservisten. Männer um die dreissig, die gerade das erstemal Vater geworden sind oder kurz davor stehen. Männer, deren militärische Laufbahn nach der Auflösung ihrer Einheit vorzeitig beendet schien. Die meisten wurden mehrere Jahre nicht mehr aufgeboten und haben sich an die Annehmlichkeiten des Zivillebens gewöhnt. Ehebett statt Massenschlag, Krawatte statt Tarnanzug. In den Reservepool bedeutet aber nicht aus der Armee. Ein Reservist ist immer noch Angehöriger der Armee (AdA) und kann in Notfällen eingezogen werden. Botschaftsbewachung ist offenbar ein solcher.
Die Kirche schlägt zwei. Die erste Schicht und damit die Leere sind fürs erste vorbei. Ein blauer Transporter fährt uns von der Botschaft zurück zur Einsatzzentrale. «Hoffentlich gibt es bald wieder was zu essen», sagt Daniel Keller, 31, aus Gelterkinden/Baselland, vom Vordersitz her zu mir. Es ist kaum drei Stunden her, dass wir einen klassischen Militäreintopf verschlungen haben. Aber Militär macht Hunger, und für Essen ist immer gesorgt. «Du bekämpfst doch mit Essen nur die Langeweile», meint neben mir und dicht an mich gedrängt Christoph Walther, ebenfalls 31, aus Solothurn. Wir lachen, unsere Ausrüstung klimpert. Keller und Walther sind heute mit mir auf dem­selben Posten. Sie sind beide Artikel-3-Soldaten. So werden die Reservisten im Fachjargon genannt. 1997 waren sie gemeinsam in der Rekrutenschule. Seither haben sie sich nicht mehr gesehen. Bis vor zwei Wochen auf dem Sammelplatz beide in unseren Zug eingeteilt wurden.

Unterladen ist besser als durchgeladen
Als wir draussen vor der Einsatzzentrale ankommen, ist es Viertel nach zwei. Es herrscht Hochbetrieb. Minibus nach Minibus fährt vor und lädt die mit der Schicht fertigen Kameraden aus. Bevor wir uns aber der Ausrüstung entledigen dürfen, steht zuerst die Entladekontrolle an: volles Magazin einem Unteroffizier abgeben und zeigen, dass kein Schuss im Lauf ist, Unterschrift in eine Liste setzen. Ich muss gähnen. Wir kennen das Prozedere, es erwartet uns nach jeder Schicht.
Die Einsatzzentrale, eine Art umfunktioniertes Zeughaus in der Nähe der richtigen Unterkunft, ist unsere Ausgangsbasis während der Schichten. Äusserlich schlicht gehalten, bietet sie innerlich die Annehmlichkeiten einer Jugendherberge: Esssaal, Betten, Aufenthaltsraum. Keller, Walther und ich betreten den Esssaal, dessen Herz die Fassstrasse ist. Vereinzelt sitzen Soldaten herum und lesen Tageszeitungen, vom «Walliser Boten» bis zum «Solothurner Anzeiger». Die wenigsten essen, und auch wir beschliessen, erst mal eine Runde
zu «töggelen». Beim Stande von fünf zu vier für
Keller/Walther gegen Stamm/Zimmermann ertönt von den Esstischen herüber ein lautes «Krass!». Einer der Zeitungleser hat so seiner Verblüffung Luft gemacht, dass es dieses Jahr auf der Wache bereits zu acht unbeabsichtigten Schussabgaben kam. «Ein Wunder, das dabei niemandem etwas passiert ist.» Wir vier am Tischfussballtisch werfen uns einen Blick zu, dann spielen wir weiter. Ich bin froh, dass wir beim Bewachen der Botschaften die Waffe nur untergeladen tragen. Das heisst, zwar mit vollem, eingesetztem Magazin, aber ohne eine Ladebewegung ausgeführt zu haben – es ist kein Schuss im Lauf. Sechs von acht Schiess­unfällen dagegen sind mit durchgeladener Waffe geschehen. Das wundert mich nicht: Irgendwo hängengeblieben, und schon ist das Ding ent­sichert. Eine Woche nach dem WK werden wir in der Zeitung lesen können, dass das Militär die Wache mit durchgeladener Waffe, die sie erst auf Anfang 2008 eingeführt hat, per sofort wieder einstellt. Die Soldaten werden neu mit Pfeffersprays ausgerüstet.

Der längste Tag
Im DVD-Raum läuft «Der längste Tag», die Alliierten landen in der Normandie. Plötzlich herrscht Aufbruchstimmung. Die Fahrer müssen wieder raus, Shuttle spielen, die nächste Schicht ab­laden. Während vorne auf dem Flachbildschirm Soldaten die Küste stürmen, kämpfen sich hinten in den Zuschauerreihen Soldaten aus den bequemen Sofas. Wer bleiben kann, lässt sich davon nicht beirren, geniesst den neugewonnenen Platz und schaut träge wieder nach vorne. Es gibt Aufmunternderes als Kriegsfilme im Militärdienst. Der Titel ist Programm: Der Film will nicht enden, der WK auch nicht. Bevor wir uns aber wieder für den Einsatz bereitmachen, über unseren TAZ (Tarnanzug) die Käschu (Kälteschutzjacke) montieren und über die Käschu die Splischu (Spliterschutzweste), stärken wir uns mit Cordon bleu, Pommes, Salat und einer Sachertorte. Es schmeckt. Wir schlagen kräftig zu.
Seit einer Stunde sind wir nun schon wieder draussen, die letzte Schicht für heute. Unser Posten hat den Nachteil, dass wir nicht miteinander reden können. Wir stehen je 20 Meter ausein­ander. Zwei an den Zufahrtstoren zur Quartier­­-strasse und einer dazwischen in der Mitte. Um die Langeweile zu bekämpfen, rotieren wir alle 15 Minuten. Kurze Gelegenheit, sich auszutauschen. Christoph Walther, als Entwicklungsingenieur sonst voll im Job engagiert, geniesst es, dass er einmal ohne Verantwortung sein kann. «Dafür fehlt mir hier die Möglichkeit, frei über mich zu entscheiden», lautet sein Kommentar. Hauptthema bei den Reservisten Walther und Keller ist aber, dass während des WK zu Hause bereits das nächste Aufgebot ankam. «Im Januar muss ich schon wieder vor der Botschaft stehen», klagt
Keller und stapft davon. «Sie wollen halt nur die Besten», antworte ich und bin froh, nicht in der Reserve zu sein.
Ein kurzer Blick zur Kirchenuhr. Wieder nur noch 10 Minuten. Die Splischu drückt auf die Schultern, die Funkantenne verfängt sich im Tor. Ich versuche ruhig zu bleiben. Der Gedanke an die Durchdiener, die uns gleich ablösen, hilft. Wir sind bald wieder zu Hause. Sie aber müssen insgesamt 22 Wochen hier sein. Und stehen erst in der Mitte. Dagegen bin ich ein König, denke ich und bin beruhigt.


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