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In Nischen zu Hause
Der Schaffhauser Regisseur Rolando Colla über seinen neuen Film, Aussenseiterrollen und Armani-Anzüge.
Kinnlange Locken umrahmen sein schmales Gesicht. Die Hände sind gefaltet, die Beine unter dem Stuhl angezogen. Rolando Colla spricht leise, aber deutlich. Beim Erzählen schweift sein Blick oft vom Gegenüber ab. Er starrt in die Luft und wirkt abwesend. Aber wer ihm zuhört, der merkt, dass er ganz bei der Sache ist. Seine Gedanken sind klar formuliert. Er will richtig verstanden werden, führt oft noch erklärende Sätze an. Und er hört genau zu, überlegt, bevor er antwortet. «Ich bin eine Randfigur. Am Rand bewege ich mich, und dort bleibe ich. Und es gefällt mir am Rand», sagt er und streicht sich eine Locke aus dem Gesicht.
Rolando Colla ist Drehbuchautor und Regisseur. Vor 25 Jahren ist der Schweizer mit italienischen Wurzeln erstmals mit der Kamera in Berührung gekommen, seit fast zehn Jahren schreibt er eigene Geschichten und verfilmt sie. Mit Erfolg. Bereits zahlreiche Preise durfte er für seine Arbeiten entgegennehmen. Sein neustes Werk, «L’autre moitié», läuft diese Woche im Schaffhauser Kino Kiwi-Scala an.
In Nischen Zu Hause
Die Filme des 51-Jährigen handeln allesamt von den «Rändern der Gesellschaft». Es sind die Aussenseiter, die ihn interessieren. Menschen, die mit ihrem Leben nicht klarkommen, zum Beispiel Flüchtlinge, Migranten oder Einzelgänger. Rolando Colla schreibt Geschichten «von denen, die kein Sprachrohr haben». Mode und Trends, das interessiert ihn nicht. Er bewegt sich viel lieber in Nischen. Da fühlt er sich zu Hause. Nicht nur was die Themenwahl seiner Filme anbelangt, sondern auch was seinen eigenen Lebensstil betrifft. «Es widerstrebt mir, ein bequemes und guteingerichtetes Leben mit viel Komfort zu haben. Ich lebe lieber bescheiden und mit einem gewissen finanziellen Druck, dafür bleibe ich wach», meint er.
Das war nicht immer so. Am Anfang seiner Karriere, als er sich mit Auftragsfilmen von Firmen finanzierte, da habe das Geld schon gelockt, erzählt er. Einmal habe er sich einen teuren Armani-Anzug geleistet, aus weissem, ganz leichtem Stoff. Doch dann kam der Moment, in dem er dachte «den kann ich nicht mehr tragen, zu arrogant und eingebildet». Er gab ihn in die Kleidersammlung. Nie wieder würde er sich heute so was kaufen. Ein Armani-Anzug passt nicht zu seinem Lebensstil. Und er läge auch gar nicht mehr im Budget drin. «Regisseure und Drehbuchautoren in der Schweiz, die nicht in erster Linie Werbung, sondern Dokumentar- und Spielfilme machen, die sind nicht gut betucht, die müssen sich irgendwie durchkämpfen und leben immer ein bisschen am Existenzminimum»: Das sagt er nicht resigniert, sondern nüchtern. Filmemachen hat bei Rolando Colla jedoch nicht immer an erster Stelle gestanden. Seine Eltern, beide italienischer Herkunft, waren Gastarbeiter in der Schweiz. Arbeiten wurde in der Familie gross geschrieben. «Du musst zuerst einen Beruf erlernen und Geld verdienen, dann kannst du so etwas Verrücktes wie Filme machen», sagte die Mutter immer. Das hat ihn geprägt. Um seine Mutter zufriedenzustellen, machte er zuerst die Ausbildung als Sekundarlehrer und absolvierte anschliessend das Studium der Germanistik. In seiner Freizeit hat er sich jedoch stets seiner Leidenschaft gewidmet, schon im Gymnasium.
Realistisch und sachlich
Zuerst stand Rolando Colla allerdings nicht hinter, sondern vor der Kamera. Sein Zwillingsbruder drehte im Freifach am Gymnasium einen Film und bat ihn, als Schauspieler mitzuwirken. Er sagte zu und half auch gleich mit, am Drehbuch zu feilen. Die Zusammenarbeit bewährte sich, gemeinsam drehten die Zwillingsbrüder weitere Filme. Rolando vor und sein Bruder hinter der Kamera. Dann, nach dem dritten Film, trennten sich ihre Wege. Der Bruder beschloss, Medizin zu studieren, und kehrte der Filmerei den Rücken.
Er selbst blieb dran, war aber fortan hinter der Kamera tätig. «Ich war als Schauspieler irgendwie befangen. Als ich mich auf der Leinwand gesehen habe, ist mir klargeworden, es gibt andere, die das einfach besser können. Erfahrungen zu machen ist wichtig, aber man muss dann auch sagen können, das ist doch nicht meins.» Diese Aussage ist typisch für den Regisseur. Realistisch und sachlich. Er erzwingt nichts, nimmt die Dinge, wie sie sind. Konkret und sachlich klingt es auch, wenn Rolando Colla erzählt, weshalb er hinter die Kamera getreten ist: «Es hat mir gefallen, etwas durch die Kamera einzufangen, zu schneiden und zu vertonen; etwas über Bild und Ton sehr dicht auszudrücken.» Nie habe er von Hollywood geträumt oder davon, ein Star zu sein. Überhaupt, verträumt, das sei er nie gewesen.
Am Anfang seiner Karriere hielt sich der Regisseur mit Auftragsfilmen über Wasser. Filme, die im Dienst eines Produktes oder einer Firma standen, deren Inhalt banal war und die meist zu Schulungszwecken dienten. 1983 gründete er mit Peter Indergand die Film AG «Peacock», die ebenfalls ganz im Zeichen des Auftragsfilms stand. Davon konnten die beiden knapp leben. Und wenn das Geld mal doch nicht reichte, besserte Colla sein Gehalt mit Nebenjobs auf, als Milchmann oder als Nachtportier zum Beispiel. Erst mit 36 Jahren realisierte er sein erstes eigenes Werk: «Jagdzeit», einen 50-minütigen Spielfilm. Weitere Spielfilme folgten.
Film mit autobiographischen Zügen
Und nun also «L’autre moitié». Der Film handelt von zwei Brüdern, die sich mit 40 zum erstenmal an der Beerdigung der Mutter treffen. Sie sind getrennt aufgewachsen, der eine in Algerien, der andere in der Schweiz. Weil der eine radikal-islamistischen Kreisen nahesteht und kurz nach der Beerdigung verhaftet wird, hält er den anderen für einen Polizisten. Erzählt wird die schwierige Annäherung der beiden Brüder in einem Klima von Misstrauen und Paranoia.
Mit «L’autre moitié» hat Rolando Colla ein Werk geschaffen, das viel mit seiner eigenen Biographie zu tun hat. Der Film transportiert Gefühle, die er selbst empfunden hat. Zum Beispiel die Zersplitterung der Familie. Rolando Colla und sein Bruder sind in Schaffhausen geboren, wuchsen aber bei Pflegeeltern in Zürich auf. Mit den leiblichen Eltern standen sie stets in Kontakt. Die Wochenenden verbrachte die Familie gemeinsam in Schaffhausen. Als sich die Eltern trennten, nahmen die regelmässigen Treffen ab. Und irgendwann kehrte der Vater zurück nach Italien. Die Familie zerbrach. Das hat Rolando Colla geprägt. «Ein Teil meiner Arbeit besteht heute darin, Erlebtes zu verarbeiten und Antworten auf Fragen zu finden, die ich meinen Eltern gar nie gestellt habe.» Manche Dinge beschäftigten einen noch bis über die Kindheit hinaus – und das sei vielleicht auch ein Grund, weshalb man künstlerisch tätig sei, meint er. Auch das Hauptthema des Films, die Beziehung zweier Brüder, ist mit eigenen Erfahrungen und Gefühlen des Regisseurs verbunden. Früher pflegte er zu seinem Zwillingsbruder ein symbiotisches Verhältnis. Alles machten sie gemeinsam, über Jahre hinweg. Doch die Nähe und die Harmonie hatten auch ihren Preis. Später, als die Brüder getrennte Wege gingen, nicht mehr in derselben Stadt lebten und unterschiedliche Berufe ausübten, war es für Rolando Colla schwer, allein zu sein. Immer wieder suchte er symbiotische Beziehungen und wurde letztlich jedesmal enttäuscht, denn eine solche Nähe, die blieb einfach unerreichbar. Wenn er von seinen Beziehungserfahrungen erzählt, dann spürt man eine Distanz. Analytisch spricht er von seinen Gefühlen. Das Verlangen nach engen Beziehungen begleitet ihn auch heute noch. Mit Schauspielern, die in seinen Filmen mitwirken, pflegt er oftmals engen Kontakt, über die Länge des Films hinweg und darüber hinaus. Schon beim Casting versucht er herauszufinden, ob jemand bereit ist, sich vollkommen auf eine Rolle einzulassen. «Ich betrachte die Schauspieler sehr kritisch, aber auch mit der Hoffnung, dass sie das Maximum aus einer Rolle herausholen», erklärt er.
Mit Herzblut zu arbeiten, dass ist ihm nicht nur bei seinen Schauspielern wichtig, auch er selbst ist ein Mensch, der sich ganz dem verschreibt, was er tut. Und da kann der Regisseur, der meist leise und besonnen spricht, auch mal laut werden, wenn es darum geht, sein Ziel zu erreichen. «Der Dreh ist mit viel Druck verbunden, das stresst mich und macht mich verletzlich. Da habe ich dann kein Interesse daran, für gute Stimmung auf dem Set zu sorgen, sondern will nur eine gute Szene machen», erklärt er.
Manchmal überträgt sich das Klima einer geplanten Szene sogar auf seine eigene Stimmung. Wenn er weiss, dass auf dem Drehplan eine Szene steht, bei der sich zwei anbrüllen, dann geht er bereits angespannt in den Tag hinein und verbreitet ein hitziges Klima. Dafür ist das Ergebnis dann ganz genau so, wie er es sich vorgestellt hat. Eine Szene, die gelebt und nicht gespielt ist. Echt und ehrlich.
Von Michelle Schwarzenbach |
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