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Das Ausgeh- und Freizeitmagazin der «Schaffhauser Nachrichten» 07.09.2010

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Nostalgiefahrt

Mit der Sauschwänzlebahn durchs Wutachtal.

von Vanessa Buff


Die Sonne scheint vom blauen Augusthimmel, die Menschen strömen nach draussen, es ist das perfekte Wetter für einen Ausflug. Ich stehe mitten in einer riesigen Menschenmenge, überall Familien mit kleinen Kindern, Senioren, ausländische Reisegruppen und Opas, die ihre Enkel gerade mit Sätzen wie «als ich so alt war wie du ...» in die Geheimnisse ihrer eigenen Jugend einweihen. Es herrscht eine Stimmung zwischen Nostalgie und Aufregung. Und der Grund dafür? Die Sauschwänzlebahn, eine Museumsbahn gleich hinter der Grenze zu Deutschland, in den achtziger Jahren des vorletzten Jahrhunderts gebaut und heute die Touristenattraktion schlechthin. Auch ich werde heute zum erstenmal mit dieser Bahn fahren. Und das nicht einfach im Zug, sondern vorne in der noch immer mit Dampf betriebenen Lok. Eine Ausnahme, wie man mir vorher mitteilte.

Als die Wutachtalbahn, so der offizielle Name, endlich im Bahnhof Blumberg einfährt, beschleicht mich das Gefühl, die Zeit wäre um 100 Jahre zurückgesprungen. Überall Dampf, Russ und alle möglichen Ventile und Anzeigen. Und eine Hitze herrscht in dieser Lok! Da ist man direkt froh, dass draussen nicht auch noch 35 Grad herrschen, denn dann könne es in der Lok schon einmal an die 60 Grad warm werden, informiert mich der Heizer Dieter Halter. Jetzt weiss ich, wie sich Jim Knopf in seiner Emma gefühlt haben muss. Schon beim blossen Gedanken daran bricht mir der Schweiss aus, und ich freue mich auf den Fahrtwind, der mir in absehbarer Zeit um die Nase streichen wird. Die Lok hat nämlich keine Fenster und ist auf den Seiten offen, damit Heizer und Lokführer hinaussehen können. Eine Frontscheibe gibt es nicht.

Lange kann es nun nicht mehr dauern, bis wir endlich den Bahnhof verlassen, die meisten Fahrgäste sind bereits eingestiegen, einige stehen noch um die Lok herum und suchen nach dem besten Winkel für einen gelungenen Schnappschuss. Auffällig ist, dass die Lok im Moment verkehrt herum steht. «Die kann eben in beide Richtungen ziehen», meint Lokführer Valentin Stöckle auf eine entsprechende Frage hin. «Wir können sie nicht drehen, da wir keine Drehscheibe haben», fügt er hinzu. Kurz nach dieser Erklärung geht es endlich los. Ein letzter Kontrollblick, dann quillt Dampf aus dem Schornstein über unseren Köpfen, und der Zug setzt sich schwerfällig in Bewegung – mit einem richtigen «Tschipfu»-Geräusch, das ich sonst nur aus Filmen kenne. Wieder fühle ich mich wie nach einer Zeitreise.

Der erste Teil der Strecke führt von Blumberg nach Fützen, über mehrere Viadukte und vorbei an Epfenhofen und Wutachblick. Dem aufmerksamen Eisenbahnfan entgeht nicht, dass die Bahn dabei einen riesigen Umweg macht; denn um die 231 Meter Höhenunterschied zwischen Blumberg und Weizen, der Endstation, zu überwinden, musste die Strecke von 9,6 Kilometern Luftlinie auf ganze 25,8 Kilometer Streckenlinie verlängert werden – mit Brücken, Kehrtunnels, Schläufchen und einer Unmenge an Kurven; an einer Stelle gibt es sogar einen Kehrtunnel, in dem der Zug eine volle 360-Grad-Wende vollführt und dem die Sauschwänzlebahn ihren drolligen Übernamen verdankt. Der Tourist jedoch geniesst, unbehelligt von solchen technischen Finessen, einfach die schöne Aussicht und das gemächliche Dahinrattern durch die Natur. Ich eingeschlossen. Doch gerade als ich so richtig schön in Gedanken schwelge, ertönt ein ohrenbetäubender Pfiff. Tinnitus ahoi. «Brücke sauber», kommentiert Dieter Halter. «Sauber», bestätigt Valentin Stöckle. Und schon sind wir auf der anderen Seite. Kurze Zeit später wiederholt sich das Spiel: Ein lauter Pfiff, ein «Übergang sauber» von Halter und die Bestätigung «Sauber» von Stöckle. Nach dem drittenmal getraue ich mich dann zu fragen, was denn eigentlich die ganze Pfeiferei soll. «Das ist eine Warnung für Leute, die sich vielleicht aus Versehen auf der Strecke befinden. Dank dem Pfiff wissen sie, das wir jetzt kommen», erklärt der Lokführer. Und ich dachte, das Ganze diene rein nostalgischen Zwecken.

Von Fützen geht es anschliessend durch den Kreiskehrtunnel Stockhalde, weiter nach Grimmelshofen und schliesslich nach Weizen. Dort erwarten uns bereits ganze Heerscharen von Ausflüglern, manche stehen sogar auf den Gleisen, fotografieren den herannahenden Zug, und Emma muss einmal ein kurzes erbostes Pfeifen ausstossen, damit die Leute auf die Seite springen. Als nächstes wird die Lok vom Rest des Zuges abgekoppelt, darum herum bugsiert und vorne wieder angehängt (ich erinnere an die nicht vorhandene Drehscheibe). Schliesslich muss der Kessel noch mit neuem Wasser gefüllt werden, damit Emma für den Rückweg auch wieder genug Pfuus hat. Die so entstandene Pause nutze ich für einen kleinen Schwatz mit dem Lokführer, denn während der Fahrt war es dann doch ein bisschen zu laut dazu. Wie alt die Lok denn sei, frage ich. «Die hat Baujahr ’39», antwortet Stöckle. «Sie feiert also nächstes Jahr ihren 70. Geburtstag», fügt er nach kurzer Pause an und tätschelt fast schon zärtlich eine Vorrichtung, von der ich zuerst dachte, es wäre das Lenkrad, bevor mich Dieter Halder eines Besseren belehrte. In einer Lok gibt es nämlich kein Lenkrad, Dummerchen. Auf dem Rückweg nach Blumberg darf ich dann leider nicht mehr mit Emma mitfahren, da es bergauf geht und der arme Heizer ständig für neue Kohle sorgen muss. So nehme ich dann in einem der Waggons Platz. Doch auch das hat seine Vorteile, wird man doch ständig über Sehens- und Wissenswertes rund um die Bahn auf dem laufenden gehalten. Inklusive der Durchsage «Gewisse farbliche Veränderungen an Ihnen und Ihrer Kleidung sind nicht ausgeschlossen». Doch für diese Warnung ist es bei mir sowieso schon längst zu spät.


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