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Badischau
Wer hat die schönste Badi? Der «express» hat schweizweit vier Freibäder getestet und bewertet.
Von Hermann-Luc Hardmeier
Flurlinger Badi Ortseinfahrt Flurlingen
Das Flaggschiff der Schwimmliebhaber in der Munotstadt ist natürlich klar: die Flurlinger Badi. Eigentlich liegt die Badi ja auf der Zürcher Seite, doch wir wollen mal nicht so kleinlich sein. In unserem Herzen gilt die «Fluba» als Schaffhauser Territorium. Und: Wir teilen ja gerne mit den Zürchern. Die Fluba ist zwar langgezogen, aber relativ schmal. Wer frisch ankommt, läuft erstmal den Laufsteg entlang, um zu sehen, wer schon alles am Sonnenbaden ist. So ein Marsch kann gut eine halbe Stunde dauern, denn immer wieder trifft man auf jemanden, der brisante Neuigkeiten zu erzählen hat. Diesen Gang quer durch die Badi bezeichnen einige Besucher scherzhaft als Catwalk, da man wie auf einem Modelaufsteg von den anderen Gästen gemustert wird. Doch auf dem Fluba-Catwalk werden nicht etwa Armani-Badehosen und Louis-Vuitton-Flipflops getragen. Ganz im Gegenteil: Den meisten ist es ziemlich egal, wie sie hier herumlaufen. Da sind etwa ältere Herren, welche die schlimmsten Oldschool-Badehosen der Welt tragen. In der Form einer alten Sport-Herren-Unterhose. Viel zu eng, ausgebleicht und hergestellt wahrscheinlich noch in der Bronzezeit. Eine Dame frönt trotz Sonnentouristen regelmässig in voller Montur dem Golfspiel, und in der Shisha-Lounge im oberen Bereich der Badi wird von einigen Leutchen ohne erkennbare Bekleidung deftig Apfeltabak gequalmt. Ab und zu gibt es auch ein paar Wagemutige, die in die Flurlinger Badi Bücher zum Lernen mitnehmen. Doch weil hier jeder jeden kennt und immer etwas zu erzählen hat, ist die Chance gleich null, dass man zum Lernen kommt.
In der Flurlinger Badi gibt es auch jede Menge Action. Einigen Besuchern fällt es schwer, der Versuchung zu widerstehen, auf die Rheinbrücke oder die N4-Brücke zu klettern – und von dort aus ins kühle Nass zu springen. Das Brückenspringen ist zwar verboten, macht aber vielleicht genau darum den Schwimmern Spass. Legal hingegen ist in der Flurlinger Badi ein anderes Vergnügen: Bei der Rheinbrücke trifft man seit kurzer Zeit auf fünf Wagemutige mit ihren Surfbrettern. Sie haben am Geländer lange Seile befestigt und können dank der Strömung des Brückenpfeilers und des Kraftwerks die Zuschauer mit Kunstwerken begeistern. Wer freundlich fragt, darf oft auch einen Versuch wagen.
Rentenwiese Unterhalb des Seebads Enge, Zürich
Am Ufer des Zürichsees hat es Badewiesen wie Sand am Meer. Eine der bekanntesten ist die Rentenwiese. Eigentlich handelt es sich dabei um einen riesigen Wiesenkomplex mit einem kleinen Hügel und jeder Menge schattiger Bäume. Das Areal ist quasi zweigeteilt. Im vorderen Bereich herrscht eine ausgeprägte Spielkultur. Die Gäste spielen Fussball, knallen die Badmintonshuttles einander entgegen oder haben Pingpongschläger dabei. Im hinteren Teil befindet sich dann der Bereich, den die Gäste gerne als «Fleischshow» bezeichnen. Gestählte Körper mit Tattoos und neckische Bikinischönheiten wechseln sich ab. Das Motto schein zu sein: Jung und schön, oder besser: Wir zeigen, was wir haben. Zürich wäre nicht Zürich, wenn nicht beim Badesport an einigen Orten mit der grossen Kelle angerührt würde. Da ist beispielsweise ein Besucher auf dem Hügel, der zum Grillieren gleich seinen Heimgrill auf Rädern mitsamt Gasflasche mitgenommen hat. Ein anderer tauscht mit seinen Freunden gerade Klingeltöne aus. Natürlich besitzt niemand alte Nokias, sondern alle haben brandneue iPhones. Selbst bei den Badekleidern ist man durchgestylt. Bermudashorts von Quicksilver bis RipCurl mit Hawaiiblumen und freakigen Mustern sowie übergrosse gefälschte Gucci-Sonnenbrillen werden nicht selten gesehen. Die Rentenwiese ist ohne Frage gemütlich, die totale Entspannung kehrt jedoch nicht ein. Man befindet sich quasi im Ausgang und muss immer auf seinen Stil achten. Doch die Anstrengung ist wenigstens nicht umsonst: Im Gegenzug dafür sieht man viele schöne Menschen und kriegt Lust zum Flirten.
Einige Muskelprotze kommen gerade aus dem Wasser und behaupten, sie hätten den See überquert. Sie erzählen abenteuerliche Geschichten von Fast-Kollisionen mit den Kursschiffen. Falls es denn wahr ist, so wäre die Seeüberquerung eine der speziellen Herausforderungen auf der Rentenwiese. Es scheint jedoch, dass viele Gäste noch ein viel höher gestecktes Ziel erreichen wollen: Die meisten gehen zwar schwimmen, doch soll dabei keinesfalls das Haar nass werden. Die Frisur soll nach dem Plantschen immer noch schöner gekämmt sein als jene des Tuchnachbarn. Eine echte Anstrengung.
Ufschötti Hinter dem Konferenzzentrum, Luzern
Die Ufschötti ist ein beliebtes Ziel für alle Luzerner. Mit kleinen Hügelchen, einer Liegewiese und vielen schattigen Bäumen. Der Ort stellt keine besonderen Dresscode-Vorschriften an die Besucher. Wer Lifestyle sucht, der geht ins Lido oder ans Citybeach. Die Ufschötti-Gäste hingegen stehen auf Gemütlichkeit. Der Rhein wäre den Luzernern wahrscheinlich zu stressig. Hier im See ist es warm wie im Kinderbad der Badi Neunkirch und man kann im Wasser relaxen, ohne dauernd irgendwelchen nervigen Wiffen oder Strömungen ausweichen zu müssen. Ein kleiner Sandstrand lässt beinahe schon Mittelmeer-Ferienstimmung aufkommen. Die Ufschötti-Gäste lassen sich auch nicht aus der Ruhe bringen, wenn eine gesamte Schwanenfamilie vor ihrer Nase über den Platz watschelt. In Schaffhausen hätte wahrscheinlich schon längst jemand mit dem Weidlingstachel die Tiere in die Flucht geschlagen. Die Gäste bringen Netze zum Volleyballspielen mit oder geniessen den Tag benebelt mit einer Shisha-Wasserpfeife. Es gilt zudem als Geheimtip, am Sonntagmittag mit den Freunden oder in trauter Zweisamkeit an der Ufschötti zu picknicken und den ganzen Tag relaxt zu verbringen. Zudem geniesst der Besucher eine einmalige Aussicht aufs Innerschweizer Bergpanorama. Man könnte fast meinen, dieser Platz sei ein Badeort für jedermann, doch das sehen einige anders. Wer den Namen des Areals im Google eintippt, gelangt sehr schnell auf die Homepage der Nudisten, die sich negativ über den Platz äussern. Offenbar konnte man früher nackt wie Adam und Eva am Luzerner Sandstrand flanieren. Doch die Stadt schob dem bunten Treiben einen Riegel vor. Wer also in Luzern an diesem Badeort eine Herausforderung sucht, der muss nur die Hüllen fallen lassen. Die regelmässig patrouillierenden Securitas-Wächter werden unverzüglich die Verfolgung aufnehmen.
Marzili Hinter dem Bundeshaus, Bern
Das Marzili befindet sich gleich hinter dem Bundeshaus und ist wie alle andern Freibäder kostenlos betretbar. Ähm, das heisst, es machen es zumindest alle Berner so. Eigentlich müsste man ja schon Eintritt zahlen, doch es existiert keine Eintrittskontrolle. Eines muss gleich vorweg gesagt werden: Die Vorurteile gegenüber den Bernern scheinen sich im Marzili nicht zu bestätigen. Am Imbissstand dauert das Anstehen nicht länger als anderswo: also nichts da mit Berner Langsamkeit. Die Bratwurst brutzelt in Bern gleich schnell wie in Schaffhausen. Auch der Bürokratieapparat der Landesregierung ist hier nirgends zu sehen. Man erhält sein Glace oder die Pommes, ohne ein Formular ausfüllen zu müssen. Hie und da wird Bier getrunken, ab und zu weht ein Marihuana-Wölklein über die rappelvolle Liegewiese. Doch alles in allem ist in Bern die Badi nicht anders als in Schaffhausen, Luzern oder Zürich … Wenn da die Aare nicht wäre. Und das geht so: Zuerst einmal muss der Badegast 300 bis 400 Meter die Aare entlang hochstapfen, bis man zu einer Fussgängerbrücke gelangt. Jetzt heisst es reinspringen, runterschwimmen und beim Marzili wieder hinausklettern. Soweit die Theorie. Das klingt ganz einfach, ist aber besonders für Rheinschwimmer eine echte Überraschung. Denn die Aare ist grob geschätzt etwa tausendmal kälter als der Rhein und hat einen deftigen Zug. Nach dem Sprung von der Brücke bleibt kaum Zeit, um den Kälteschock zu verdauen. Nein, man muss gegen die Strömung kämpfen. Im Nu saust der Schwimmer Richtung Marzili und benötigt am besten einen Schleudersitz, um der Aare zu entkommen. Irgendwie muss man das Treppengeländer des Marzilibades zu fassen bekommen und sich daran festhalten, während die Aare die Füsse schon wieder weiterziehen will. Wie im Windkanal hängt der tapfere Schwimmer sodann einen Moment im Wasser, ehe er sich hinausziehen kann. Der Adrenalinschub entlöhnt für die Strapazen. Wer einmal in der Aare war, will das Ereignis gleich nochmals erleben. Die Aare hat Suchtpotential, auch wenn sie nicht ganz ungefährlich ist.
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Flurlinger Badi Ambiente: Angenehm Dresscode: Egal Herausforderung: Surfen Note: 5
Rentenwiese Ambiente: Gemütlich bis anstrengend Dresscode: Bermudashorts, knapper Bikini Herausforderung: Seeüberquerung Note: 4,5
Ufschötti Ambiente: Gemütlich Dresscode: Badehose und Picknickkorb Herausforderung: FKK und Flitzen Note: 5
Marzili Ambiente: Weder langsam noch bürokratisch Dresscode: Wärmeisolierte Badehose Herausforderung: Der Aare entkommen Note: 5,5 ______________________________________________
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