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Das Ausgeh- und Freizeitmagazin der «Schaffhauser Nachrichten» 07.09.2010

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«Auf dem Seil ist alles möglich»

Die Seiltänzerin Nadine Tobler spricht über ihre ersten Schritte über dem Boden, Stürze, Auftritte im Ausland und Zukunftspläne

Aufgezeichnet Von Michelle Schwarzenbach


«Am Anfang, da bin ich dauernd runter­gefallen. Zwei, drei Schritte auf dem Seil – und schon hab ich das Gleichgewicht verloren. Eigentlich ist es mehr ein Runterhüpfen, das Seil befindet sich ja nur zwei Meter über dem Boden. Beim Gehen ist es wichtig, einen Punkt zu fixieren. Guckt man immer schön an das Seilende, ist es einfacher, die Balance zu halten. Aber auch mit diesem Trick ist es zuerst nicht leicht, oben zu bleiben. Es braucht sehr viel Disziplin, bis man Fortschritte macht. Und man muss richtig den Narren am Seiltanzen fressen, sonst ist es eher frustrierend.

Heute bewege ich mich auf dem Seil sehr ­sicher. Beim Training, da kann ich sogar den Kopf abschalten und die Gedanken kreisen lassen. Ich renne hin und her, und das Seil schwingt leicht mit. Rennen, drehen, rennen, drehen – das ist fast schon meditativ. Trotzdem, runterfallen tue ich ­natürlich immer noch. Eigentlich je länger, je mehr. Schliesslich trainiere ich immer schwierigere Kunststücke. Drehungen oder Sprünge zum Beispiel. Da kann es schon mal gefährlich werden. Verpasst man bei einem Sprung das Seil, stürzt man unkontrolliert zu Boden und stösst dabei meist an das Drahtseil. Das gibt Schürfungen und blaue Flecken. Nein, wehleidig darf man beim Seiltanzen nicht sein. Am Anfang, da tun nämlich nicht nur Stürze weh, sondern alle Berührungen mit dem schweren Drahtseil. Die Fusssohlen schmerzen beim Laufen, der Po beim Sitzen auf dem Seil und der Rücken beim Liegen. Alles, was man zum erstenmal macht, tut weh. Aber das gibt sich mit der Zeit.

Das Seil habe ich erst recht spät entdeckt. Mit 17 bin ich zum erstenmal darauf gestanden. In ­Baden, wo ich aufgewachsen bin, gab es einen Seiltänzer, Palino. Er hat damals das «Theater am Brennpunkt» geführt. Als ich einmal mit meinem Einrad in der Stadt unterwegs war, bin ich Palino begegnet. Wir kamen ins Gespräch, und er hat mir dann angeboten, auf sein Seil zu steigen.

Ab da hab ich Seiltanzen geübt. Jeden Tag bin ich nach der Schule ins Theater gefahren und habe trainiert. Immer für mich allein. Palino hat mich zwar immer unterstützt, aber er konnte mir nicht viel beibringen. Seine Spezialität war das Hochseil, nicht das Tanzseil. Ein Hochseiltänzer befindet sich mindestens sieben Meter über dem Boden, er bewegt sich Schritt für Schritt. Da ist die Sicherheit das Wichtigste. Beim Tanzseil hingegen geht es wirklich ums Tanzen. Schrittkombinationen, Sprünge und Drehungen einstudieren. Akrobatische Elemente aufnehmen. Da gibt es eigentlich keine Grenzen.

Meine ältere Schwester Carole hat ein Jahr nach mir auch mit dem Seiltanzen angefangen – und war ebenso angefressen wie ich. Oft haben wir gemeinsam trainiert und uns Kunststücke ausgedacht. Zu zweit auf dem Seil zu stehen, das ist eine wackelige Sache. Und eine Vertrauenssache. Wenn ich zum Beispiel mit dem Rücken gegen Carole stehe und sie plötzlich mit voller Kraft gegen das Seil knallt, bin ich nicht darauf gefasst und falle runter. Aber der Schwester vertraut man, das ist automatisch so.

Gemeinsam dachten wir uns ein kleines Programm aus und kamen auf die Idee, unsere Nummern aufzuführen. Mit einem VW-Bus fuhren wir in der Schweiz und in Italien an Feste, Einweihungen von Marktplätzen und Shoppingzentren und an Mittelalter- und Rockfestivals. Dort bauten wir das Seil auf und spielten unsere Geschichten. Mehrere Sommer lang. Die Italiener waren begeistert. Dort gibt’s halt nicht so viele Seiltänzer – und dann noch zwei Frauen. Bei einem Stück bin ich einmal mit einem langen weissen Kleid aufgetreten. Die Italiener waren entzückt und haben sofort gerufen: La sposa, la sposa!

Bei unseren Auftritten benutzten wir zuerst Palinos Seil. Mit dem Geld, das wir bei unseren Vorführungen verdienten, kauften wir immer wieder etwas dazu. Zuerst einen Habegger, dann eine Feder und schliesslich das Drahtseil. Bis wir eine komplette Ausrüstung beisammenhatten.

Heute trete ich nicht mehr mit meiner Schwester auf. Sie hat das Deltafliegen entdeckt und verbringt ihre Sommer nun in luftigen Höhen. Und ich habe angefangen, Solonummern einzu­stu­dieren.

Ich hab auch schon mal ein Jahr lang nur Zirkus gemacht. Das war nach der Kanti, als ich die «Ecole de Cirque de Lyon» besuchte. Ich lernte Jonglieren, Akrobatik und Kunststücke am Trapez. Und natürlich bin ich auf das Seil gestiegen. Aber auch dort übte ich nur für mich, weil es keinen Seiltrainer gab. Nach dem Zirkusjahr kam ich zurück in die Schweiz. Ich hatte plötzlich mehr Lust, mit dem Kopf zu arbeiten, und dachte, jetzt musst du wieder mal dein Hirn gebrauchen. Es ist schon lässig, sich zu bewegen, aber immer nur bewegen, das kann ich nicht. Ich habe dann mit dem Studium der Theaterwissenschaften in Bern angefangen. Und ja, ich hab’s manchmal bereut, mich für die Uni entschieden zu haben, gerade wenn ich auf einem Stuhl festsass und mich nicht bewegen konnte.

Das Seiltanzen habe ich aber nie aufgegeben. Ich habe nie eine Pause gemacht und immerzu trainiert. Auch während der Unizeit. Und dann hatte ich das grosse Glück, dass ich Stunden nehmen durfte bei Andreas Muntwyler und Ulla Tikka vom Zirkus Monti. Wenn das Paar nicht mit dem Zirkus unterwegs war, habe ich jeweils zwei Stunden pro Woche bei ihnen trainiert. Dort bin ich dann richtig professionell geworden.

Für mich ist der Seiltanz ein extrem starkes Bild. Das Seil ist ein Weg, der ganz gerade ist und nur in zwei Richtungen führt. Aber seine Grenzen lassen sich immer ein bisschen ausloten. Zum Beispiel, wenn man Sprünge macht oder sich plötzlich dem Publikum zuwendet, statt in die Wegrichtung zu schauen. Auf dem Seil ist eigentlich alles möglich. Das hat für mich eine Art Poesie.

Mir gefällt auch das Spiel mit dem Gegensatz zwischen Seil und Boden. In unserem Stück «Spirit-Bounds» ist genau dieser Gegensatz das Thema. Es geht um zwei unterschiedliche Frauen. Die eine ist oben auf dem Seil und tanzt auf einem einzigen schmalen Weg. Die andere am Boden tanzt auf vielen Wegen. Sie hat den ganzen Raum zur Verfügung. Beide sind davon überzeugt, sich in der besseren Lage zu befinden. Ein Donnerschlag wechselt die Rollen. Die oben fällt runter, und die unten steigt rauf. Das Ende der Geschichte zeigt, dass es den richtigen Weg eben nicht gibt. Der richtige Weg, das ist eine
Illusion.

«Spirit-Bounds» ist ein Stück mit Text. Am Anfang war es komisch für mich, auf dem Seil Theater zu spielen. Seiltanzen ist schon ohne zu sprechen schwierig genug. Beim Seiltanzen fixiert man normalerweise immer einen Punkt und läuft dann dorthin. Beim Schauspielern hingegen blickt man zum Publikum, nicht in die Gehrichtung. Deshalb war es am Anfang schwierig, auf die Seite statt geradeaus zu schauen. Aber das lernt man mit der Zeit, und es gelingt einem immer besser, den Kontakt zum Publikum aufzubauen.

Im Dezember bin ich fertig mit dem Studium. Dann will ich unbedingt wieder mehr Seiltanzen. Ich möchte mit anderen Leuten zusammenarbeiten und gemeinsam Programme einstudieren. Oder mit einer Live-Band auftreten. Das find ich extrem schön, das Zusammenspiel von Tanz und Musik. Jetzt beginnt es immer mehr zu laufen mit dem Seiltanzen. Ich habe das Gefühl, ich habe ein Können erreicht, mit dem ich Geld verdienen kann. Ich denke, das muss ich ausnützen, solange ich noch jung bin.

NADINE TOBLER - PERSÖNLICH

Name: Nadine Tobler

Alter: 28 Jahre

Wohnort: Baden

Aktuelle Lektüre: «Schattwand» von Urs Augstburger

Beruf: Studentin der Theaterwissenschaften, Seiltänzerin



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