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Das Buch zum Sommer
Für alle, die lieber lesen als baden, empfiehlt der "express" seine Sommerlektüre
Auslöschungen
Buenos Aires im Jahr 1976. Die Zeit, in der die Junta den sogenannten «Schmutzigen Krieg» gegen die eigene Bevölkerung beginnt. Unzählige Menschen verschwinden spurlos. Über Nacht werden ganze Menschenleben ausgelöscht. Da ist Kaddisch Poznan. Sohn einer jüdischen Hure. Von Beruf Grabschänder. Nachts klettert er auf den alten jüdischen Friedhof, da, wo die Huren und Zuhälter begraben liegen, und meisselt deren Namen aus. Eines Tages wird sein Sohn Pato von der Regierung verhaftet, weil bei ihm verbotene Literatur gefunden wurde. Für Kaddisch und seine Frau Lillian beginnt nun ein sinnloses Anlaufen gegen die Regierung, das sie immer wieder in die langen Gänge des Ministeriums für besondere Fälle führt. Ob Pato noch lebt oder längst gestorben ist, wissen sie nicht. Aber immer mehr verliert sich seine Spur in dem bürokratischen Wahnsinn, der in dem Ministerium herrscht. «Die Juden bestatten sich so, wie sie leben: Noch im Tod hocken sie aufeinander und nehmen sich gegenseitig den Platz weg.» Mit diesem Bonmot beginnt der Roman, und man spürt bereits, dass man auf eine tragische Geschichte eingestimmt wird. Es ist eine Geschichte über Auslöschungen. Auslöschungen von Identitäten. Von Namen und Körpern. Von Vergangenheiten und Gegenwarten. Dies alles wird in einem lakonisch-leichten Ton erzählt, der irritiert, weil das Grauen so beiläufig, so alltäglich beschrieben wird. Dies manifestiert sich besonders in den schneidend-kalten Dialogen, die absurd scheinen, bevor man merkt, dass das Absurde hier das Reale ist. Nathan Englander hat zehn Jahre an diesem Roman geschrieben. Und das merkt man auch. Es ist ein handwerklich perfekter Roman in der Verdichtung moralischer Konflikte.
Knochen zählen
Was ist ein leichter Schwindel? Kein wirkliches Gefühl, sondern vielmehr ein Gefühl, das sich ankündigt. Die Ahnung von einem Gefühl. Und so sind auch die Momentaufnahmen im letzten Gedichtband der in Luzern geborenen Lyrikerin Sabina Naef zu verstehen. Es sind ungefähre Landschaften, die sie da entwirft. Stets im Weiterziehen, bereits wieder im Zusammenfallen begriffen. Bewegung ist ihr Leitmotiv. Sie erzählt von Menschen auf Reisen, unterwegs, gerade aufgewacht, aber noch nicht im Tag, noch nicht im Leben. «Der Tag riecht/wie ein neuer Bleistift/noch nicht angespitzt.» Die Gefühle, von denen sie erzählt, sind die Altbekannten – also Liebe, Einsamkeit, Euphorie usw. ... Doch für diese altbekannten Gefühle findet sie dann sehr eigentümliche Bilder, die den Reiz und die Kunst ihrer Poesie ausmachen: «Nicht wahr/Glück kommt von ungefähr/aufregend wie herabfallendes Gepäck/kommt nie wieder». In solchen Bildern, die scheinbar aus dem Himmel herabgeregnet kommen, werden Gefühle wie Liebe, Einsamkeit und Euphorie, auf denen die üblichen Metaphern hocken, gewillt sie nicht mehr loszulassen, wieder dynamisiert: Sie erhalten eine Geschichte. Dabei besteht Naefs lakonische Brillanz darin, dass sie uns nur wenige Informationen an die Hand gibt. Die Situationen werden jeweils nur kurz angetippt. Der Leser wird zurückgelassen mit nichts als einer Ahnung, einem leichten Schwindel. So entstehen Fragmente mit fast epigrammatischem Charakter, die durch die Prägnanz ihrer Aussage und die Unfassbarkeit ihrer Geschichte jedem sofort unmittelbar ans Herz gehen: «Du verlierst dich an jeder Strassenecke/an den Wind, an eine Wolke, ans Leben/Achtung: frisch gestrichen/ dein Herz steht sperrangelweit offen/keine Zeit, deine Knochen zu zählen».
Die goldene Zeit
«Madame Bovary bin ich.» Für seine Erzählung «Die Schur» hat sich der grosse tschechische Autor Bohumil Hrabal des flaubertschen Tricks bedient und einer Frau seine Stimme geliehen. Die Erzählerin ist die Gattin des Brauereibesitzers Francin und ein rechter Wildfang. Sie hat wunderbar langes Haar, auf das sie ganz besonders stolz ist, und wenn sie Rad fährt, muss ihr Gatte ein Stück weit mit dem Haar in der Hand nebenher laufen, damit es nicht in die Speichen gerät. Leider bereitet sie Francin nur Sorgen, weil sie sich so gar nicht fraulich verhalten will. Am liebsten trinkt sie Bier und verspeist Unmengen von Schweinefleisch. Immer wieder muss sie Francin, der morgens gerne seine Muskeln mit einem sogenannten Expander stählt, zur Vernunft mahnen. Doch es hilft nichts. Am nächsten Tag klettert sie schon wieder auf das Dach der Brauerei und verursacht grosse Aufruhr im ganzen Dorf, zusammen mit Onkel Peppin, dem Bruder von Francin, der eines Tages auf ein Gläschen vorbeikam und seither bei ihnen wohnt. Wie alle von Hrabals Geschichten ist auch diese in einer beschwingt-kindlichen Sprache erzählt, die nahe am Mündlichen liegt. Dabei schwingt in den zum Teil grotesken Geschichten ein melancholischer Unterton mit. Die archaische Natur der Erzählerin steht für eine längst vergangene Zeit, die vom Autor mit der Taschenlampe der Imagination beleuchtet wird. Hrabal denkt an die goldenen Zeiten vor der technischen Revolution, dem schönen Weilchen, als noch mit Petroleumlampen ausgeleuchtet wurde. Eine Zeit, in der alles vielleicht umständlicher war, dafür auch farbenprächtiger, intensiver. «Die Schur» ist so gesehen eine konservative Erzählung. Na und? Es ist eine der schönsten Erzählungen der Weltliteratur.
Zurückhaltung
Siegfried Lenz ist einer für die Deutschstunde. Das mag ein Vorurteil sein. Doch beschleicht einen beim Lesen von Lenztexten gerne das Gefühl, man habe es hier mal wieder mit einem Vorzeigetext für den Schulunterricht zu tun. Ein Vorurteil, das kein qualitatives Urteil sein muss, zumindest nicht im negativen Sinn. Bei seiner soeben erschienenen Novelle «Schweigeminute» empfiehlt es sich aber, dieses Vorurteil abzulegen und den Text in seinem vielleicht etwas knöchernen Stil hinzunehmen. Denn darunter verbirgt sich eine wunderbar sensible Liebesgeschichte. Im Zentrum steht der Erzähler, Christian, ein achtzehnjähriger Schüler. Ein Schiffsjunge. Sein Vater ist Steinfischer. Eines Tages fängt Christian ein Verhältnis mit seiner Englischlehrerin an. Mit grosser Zurückhaltung beschreibt Lenz das Heranpirschen der beiden. Für die scheue Zurückhaltung genauso wie für die erlösende Erfüllung findet er wenige, dafür umso präzisere poetische Bilder: Ein Schlafzimmer. Ein Bett. Ein Kissen. Und ein Abdruck. Grossartig an dieser letzten Endes natürlich tragischen Geschichte sind vor allem auch die Momente, in denen sich das Lehrer-Schüler-, Erwachsener-Kind-Verhältnis verschiebt. Wenn die Lehrerin mit Christian am Strand liegt und über ihre Lieblingsbücher spricht und sich dabei eine Unsicherheit in ihre Stimme mischt, scheint sie so gar nicht mehr Lehrerin zu sein. Sondern Kind. Jugendlicher. Erwachsener – einfach jemand, egal welchen Alters, der Bücher liebt. Einmal essen sie gemeinsam Fisch. Und Christian muss ihr dabei helfen, den Fisch zu zerschneiden. In dieser väterlichen Geste erhält die Beziehung eine ganz neue Facette. «Schweigeminute» ist ein stilles, unaufgeregtes Buch. In der Zurückhaltung liegt seine poetische Kraft.
Dichterleben
Der Glaube daran, dass ein Buch genug Sprengkraft entwickeln kann, um die Welt zu verändern, ist eine Utopie, und von allen literarischen Utopien ist «Die wilden Detektive» vielleicht die schönste. Das Hauptwerk des jung verstorbenen Roberto Bolaño erzählt auf über siebenhundert Seiten von der Suche nach einem Raum jenseits der Wirklichkeit. Der Roman beginnt mit einer Initiationsgeschichte. Der junge Juan Garcia Madero wird in den Zirkel der viszeralen Realisten aufgenommen. Bei diesen handelt es sich um junge, zumeist ziemlich verlebte Bohemiens, die mit ihren Gedichten die Literatur revolutionieren wollen. Für Madero beginnt nun ein Leben in Bars und Cafés, wo er Gedichte schreibt und mit der Kellnerin schläft. Er stiehlt Bücher, übernachtet bei einem seltsam entrückten Geschwisterpaar und führt alsbald ein romantisches Dichterleben. Beim Lesen wird man schnell süchtig nach dem flapsigen Tonfall, in dem Madero seine literarischen und erotischen Abenteuer berichtet. Doch dann bricht seine Erzählung mit einem Mal ab, und in der Folge entwickelt der Roman ein literarisches Suchspiel über mehrere Jahrzehnte. In den Protokollen der viszeralen Realisten wird eine Fülle von Leben und Lebensgeschichte ausgebreitet. Dichter und Denker, Ganoven und Huren, Geistliche und zwielichtige Politiker werden hier über die ganze Welt verteilt, in einem literarischen Mikrokosmos der Welt an sich in Szene gesetzt. Nach dem Matroschkaprinzip öffnet sich dabei ein zweiter Raum neben der Wirklichkeit. Die wilden Detektive, das sind die Gestalten in den Protokollen, die durch die Welt gehen und in diesen Räumen verschwinden, und die Leser, die ihnen auf dem abenteuerlichen Weg durch diese Räume folgen.
Heimischsein
Ein Sommerhaus an einem märkischen See ist Handlungsort des neuen Romans von Jenny Erpenbeck. Es ist Zentrum für zwölf Lebensläufe während der vergangenen hundert Jahre, Schauplatz für all die politischen Umwälzungen und Metapher für die Zeit, die vergeht. Am Anfang beschreibt Erpenbeck die Lebensweisen der ersten Bewohner des Hauses. Die Bräuche und Aberglauben, an denen die vier Töchter des Schulzen gemessen werden. Da ist Klara, seine jüngste Tochter, die vor Liebeskummer wahnsinnig und vom Schulzen darauf entmündigt wird. Später verkauft der Schulze das Haus an einen Berliner Architekten. «Wer baut, klebt nun einmal sein Leben an die Erde», ist dessen Grundsatz. Es ist das Jahr 1939, und die Grundstücksnachbarn, Juden, müssen fliehen. Da sie Geld brauchen, verkaufen sie ihr Landstück an den Architekten. Und der Gärtner reisst den Zaun nieder. Erpenbeck schreibt Zeitgeschichte anhand von Lebensgeschichten. Sie macht Zeit lesbar an den Dingen, wie sie bleiben und gehen. Wer wir sind, sagt sie, machen wir an unserem Besitz fest. «Heimsuchung» ist ein Buch über Haben und Nichthaben. Über den Verlust von Besitz und Identität. Über das Heimischsein und Beisichsein im Haus: «die dritte Haut nach der Haut aus Fleisch und der Kleidung». Einzige Konstante ist der Gärtner und die durch ihn symbolisierte Natur. Er ist an die berechenbaren Wiederholungen der Jahreszeiten gebunden und nicht an das unberechenbare Tun der Menschen. Nach dem schwierigen «Wörterbuch» ist Jenny Erpenbeck nun ein ebenso poetischer wie absolut zugänglicher Roman gelungen. Eine stringent konzipierte Geschichte, klug erzählt und in einer schnörkellosen Sprache geschrieben.
Von Lukas Linder |
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