|
 |
 |
 |
 |
Über Kunst reden
Die Kuratorin Ines Goldbach führt den "express" durch die Hallen für Neue Kunst
Ines Goldbach, seit 2007 Kuratorin der Hallen für Neue Kunst, durchkreuzt Erwartungen. Sie hat sich bereit erklärt, dem «express» ihre Lieblingswerke vorzustellen. Auf einem Klappstuhl zwischen den Iglus im «villaggio» des Künstlers Mario Merz sitzend, verkündet sie dann, dass sie kein Lieblingskunstwerk habe. «Die Hallen sind ein Gesamtkunstwerk», fügt sie hinzu. Da kann man nicht einfach etwas herauspicken und über alles andere stellen. Aber sie persönlich, hat sie denn nicht zu einem der Werke eine besondere Beziehung? Das kann die Kuratorin in dieser Allgemeinheit nicht sagen. «Die Hallen sind für mich als Ganzes etwas Besonderes», beharrt sie auf ihrer Neutralität. Je nach Tag und Stimmung zieht es sie zwar mal eher hierhin oder dorthin, aber offenbar nicht mit solcher Heftigkeit, dass man von einer besonderen Liebe sprechen könnte. Liebe wählt aus, sondert ab, stellt ihren Gegenstand über alle anderen. Ines Goldbachs Liebe gehört den Hallen als Ganzes, dem Gesamtkunstwerk. Zusammenklang von Licht und Raum
Das Kunstwerk Hallen arbeitet mit zwei Grundqualitäten: Raum und Zeit. Das bedeutet zuerst einmal, dass den Werken Zeit gegeben wird. Zwölf Künstler sind seit bald 25 Jahren dauerhaft an der Baumgartenstrasse 23 vertreten. Davon profitiert nicht nur die Kunst, sondern auch die Besucherinnen und Besucher. Die Hallen für Neue Kunst bilden einen ruhenden Pol im hektischen Kulturbetrieb. Während andernorts spektakuläre Ausstellungen für vier bis sechs Monate um das Publikum werben, ist Schaffhausen ein sicherer Wert. Die Hallen sind da, die Werke erwarten einen, man kann sie einmal aufsuchen und später vielleicht wieder und wieder besuchen. Und die Hallen geben den Werken Raum. Die vier Stockwerke sind ganz der Neuen Kunst gewidmet. Aber Raum geben heisst mehr als weitläufig sein. Der Künstler und Hallengründer Urs Raussmüller hat die Räumlichkeiten der ehemaligen Schöller Textilfabrik umgestaltet und zusammen mit seiner Frau zu den renommierten Hallen für Neue Kunst gemacht. Die architektonischen Eingriffe sind im Hinblick auf das spezielle Werk vorgenommen worden. Dieses soll «sein Potential grösstmöglich enfalten können», so Goldbach. «Für manche Werke ist es entscheidend, in welcher Nachbarschaft oder räumlichen Struktur sie sich befinden, damit sie ihre Wirkung in besonderem Masse ausstrahlen können.» Dieses Zusammenspiel von Architektonik und Werk soll es der Besucherin ermöglichen, Raum und Zeit selber zu erfahren, sagt sie weiter. Aber was heisst es, dass Raum und Zeit erfahrbar werden? Sie sind doch einfach da. Wir befinden uns immer an einem bestimmten Ort, in einer bestimmten Umgebung. Leben in die Zeit hinein. Warum soll man um so einer Banalität willen ins Museum gehen? Und was kriegt man denn da zu sehen, wenn man Raum und Zeit erfährt? «Raum und Zeit sind zwar immer da, aber im Alltag, wenn ich meine Aufgaben erfülle und ‹funktioniere›, bin ich mir ihrer nicht bewusst, dann läuft die Zeit einfach ab», entgegnet die Kuratorin. «In den Hallen kann es zu einem Erlebnis werden, Zeit wahrzunehmen.» Worin dieses Erlebnis genau besteht, ist nicht ganz leicht zu sagen. Es setzt sich, erklärt Goldbach, aus vielen Momenten zusammen. Ein wichtiger Faktor dabei ist das Licht. In den Hallen für Neue Kunst gibt es fast nur natürliches Licht, das durch die grossen, die gesamten Aussenwände entlanglaufenden Fensterbänder einfällt – im obersten Geschoss auch durch Oberlichter. Je nach Jahreszeit hat es eine andere Qualität. Es gibt das fahle Winterlicht, wenn die Stadt in Nebel eingepackt ist, das warme, rotgelbe Herbstlicht und das kräftige Sommerlicht von der Sonne, die am Mittag hoch am Himmel steht. Das Licht erst lässt die Kunstwerke erscheinen, und jedes setzt sie etwas anders in Szene. Kommt dazu, dass die Sonne während des Tages über den Himmel wandert. Die Beleuchtung wechselt im Laufe der Zeit, und dadurch kann man sich bewusst werden, dass eben diese Zeit vergangen ist. Ein Ort zum Innehalten
Licht ist auch ein Element, das Mario Merz in seinem Werk verwendet hat. Bläuliche und weisse Neonröhren leuchten auf und verblassen wieder im Rhythmus der vorbeiziehenden Wolken draussen, die es in den Hallen heller und dunkler werden lassen. Das «villaggio» ist eine Einladung, zwischen den halbkugelförmigen Gebilden, die an Hütten oder Iglus erinnern, umherzuspazieren. «Dieser Raum bringt mir Offenheit entgegen, lässt mir Raum und Zeit zum Wahrnehmen und zum Denken», sagt Goldbach und meint damit, dass sie als Betrachterin nicht auf etwas Bestimmtes hingeführt wird, dass ihr keine bestimmte Sichtweise, kein Standpunkt aufgedrängt wird. «Ich habe die Freiheit zu entscheiden, worauf ich mich einlasse. Ich kann auch einfach zum Fenster hinausschauen und auf den fliessenden Rhein blicken. Ich kann das Werk sehr genau betrachten. Den Duft wahrnehmen, den die Reisigbündel verströmen. Oder ich kann meinen Blick gegen innen richten, Gedanken nachhängen, und neue entwickeln.» Dieser Aspekt, der für die Hallen insgesamt gilt, ist ihr besonders wichtig. Natürlich gibt es hier auch Schlüsselwerke weltberühmter Künstler zu sehen. Im Gespräch mit Goldbach wird aber deutlich, dass es um viel mehr geht als darum, etwas Sensationelles auszustellen. Für sie sind denn die Hallen auch kein Museum im klassischen Sinn: «Die Hallen sind eben auch und vielleicht zuallererst ein Ort, um sich selbst wahrzunehmen. In konventionellen Museen stehen oft andere Dinge im Vordergrund: Sammeln, Ausstellen, Bewahren.» Die Hallen sind selber ein Kunstwerk.
Auseinandersetzung übers Gespräch
Der zeitgenössischen Kunst gegenüber gibt es bei manchen eine Hemmschwelle. Goldbach erzählt, dass vereinzelt Besucher zunächst zögernd in die Hallen kommen, vielleicht weil sie das Gefühl haben, zu wenig zu wissen und deswegen die Werke nicht zu verstehen. Oder sie klassifizieren sich selber als «Kunstbanausen» und haben zunächst keine Lust, sich auf die Werke einzulassen. Dass es eine intellektuelle Ebene gibt, auf der man sich mit einem Werk auseinandersetzen kann, einen Kunstdiskurs, der mit Theorien arbeitet und Bezüge zwischen Künstlern und Epochen zur Sprache bringt, verschweigt die promovierte Kunsthistorikerin natürlich nicht. Doch ihr ist es ein Anliegen, aufzuzeigen, dass es einen unmittelbaren Zugang zu den Werken gibt. «Wenn die Leute erst einmal hier sind, dann bemerken sie, dass es hier Themen gibt, die mit dem Leben und damit mit ihnen selbst zu tun haben. Und jemanden, der von sich behauptet, er sei ein Lebensbanause, habe ich noch nie getroffen.» Besucherinnen und Besucher auf ein Hallen-Erlebnis hinzuführen, das versteht Goldbach als eine ihrer Aufgaben. Nicht belehrend will sie dabei auftreten. Es geht ihr nicht darum, die Theorie zur Kunst nachzuliefern. Sie sucht das Gespräch, ist bestrebt, einen Dialog in Gang zu setzen, der sich dann gar nicht explizit um die Kunst drehen muss. Dieser Dialog kann auch im Rahmen eines Workshops stattfinden. Einen musikalischen Dialog führten etwa während des letzen Jazz-Festivals Schüler der Kantonsschule. Unter Anleitung professioneller Musiker improvisierten sie über ein Werk von Mario Merz. «Die Schüler wurden in eine für sie ganz neue Situation ‹hineingeworfen›. Manche waren zum erstenmal in den Hallen. Sie sollten Selbstgesehenes und -erfahrenes in Musik umsetzen. Und vor ihren Mitschülerinnen und Mitschülern auch gleich noch auftreten, vor den anderen die Rhythmen und Formen, die etwa Mario Merz auf das aufgespannte Tuch gemalt hat, in Musik übersetzen.» Goldbach war beeindruckt davon, wie aufgeschlossen die Schüler gegenüber dem Neuen waren. «Es ist doch sehr erstaunlich, dass jemand sich auf die ungewöhnliche Aufgabe einlässt, ein Bild nachzuspielen.» Die Atmosphäre der Hallen regt zu Kreativität an. Diese muss nicht unbedingt wiederum in künstlerische Tätigkeit münden. Auch Angestellte der Stadt Zürich gastierten schon anlässlich einer Klausurtagung im «villaggio» und liessen sich in den Hallen zu kreativem Arbeiten stimulieren. «Das sind echte Glücksmomente, wenn ich beobachte, dass das Erleben der Hallen bei jemandem etwas auslöst», sagt Ines Goldbach.
Wenn Kunst zum Ereignis wird
Dass Ines Goldbach als Ort für den Dialog mit dem «express» neben der neuen Ryman-Einrichtung im vierten Obergeschoss gerade Mario Merz ausgesucht hat, hat einen Grund, der aber nicht in einer besonderen, aussondernden Liebe besteht. Ab 14. September wird für rund 20 Tage ein Ereignis im zweiten Obergeschoss der Hallen zu erleben sein. Die «Isola della frutta aspetta settembre», wie Mario Merz eines seiner gläsernen Iglus genannt hat, um das sich ein ausladender, weit geschwungener Glastisch windet, wird dem Besucher eine weitere Erfahrung ermöglichen. «Diesen September wollen wir die ‹Früchteinsel› nicht länger warten lassen. Das Werk wird sich in ein Fest für die Sinne wandeln», kündigt Goldbach an. Die nüchterne, kühle Glasinsel soll dann überhäuft werden mit den Gaben des Herbstes. Formen, Farben und Düfte von rund 500 kg Früchten und Gemüse werden den Besucher erwarten. «So etwas kann einen gar nicht kaltlassen! Das wird ein Anblick, bei dem man sich nicht mehr überlegen muss, was das für die Kunst bedeutet.»
Von Susanne Huber |
|

|
| |
|