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King Marduk
Der «express» hat den selbsternannten König von Büsingen getroffen. Falls er es denn war.
Von Hermann-Luc Hardmeier
«Ich bin der rechtmässige König von Büsingen» steht in grossen Lettern auf der Internetseite von King Marduk. Der selbsternannte König schreibt seit 15 Jahren eine Flut von Briefen und E-Mails an die Schaffhauser Behörden und an den Gemeinderat von Büsingen. In diesen Schreiben teilt er mit, dass der Büsinger Bürgermeister abgesetzt ist, fordert die Staatsrechte für die kleine Gemeinde, beschwert sich, dass er die Steuern der Bürger nicht erhält oder fordert Mietzinsen für Immobilien, die seiner Meinung nach ihm gehören. Auf seiner Homepage begründet er seinen Anspruch mit dem Völkerrecht. Zu seinem Königreich gehört übrigens nicht nur Büsingen, sondern auch die Insel Helgoland und ähnliche Gebiete. Um herauszufinden, ob Marduk tatsächlich Recht behält, haben wir uns entschlossen, eine Audienz mit Seiner Majestät zu vereinbaren.
Telefonat mit dem Staatssekretär
«Hallo, hier spricht Thomas Vogel», meldet sich am anderen Ende der Leitung eine Männerstimme. Via Registrationsnummer der Internetseite haben wir die Telefonnummer des Besitzers der Webseite des Möchtegern-Monarchen ausfindig gemacht. Ein wenig enttäuschend ist es schon, dass nicht königliche Fanfaren am Telefon erklingen und ein Diener einen mit King Marduk verbindet. Doch Thomas Vogel hat eine Erklärung dafür: «Ich bin nur der Staatssekretär des Königs.» Ob ein Treffen mit Seiner Majestät möglich sei? Am besten in Büsingen? «Ich werde das abklären und mich wieder melden», verspricht Vogel. Wenige Tage später das nächste Telefonat. Der Staatssekretär ist begeistert: «Der König hat zugestimmt. Das wird eine ganz grosse Sache. Er schickt eine Limousine und einen Bodyguard.»
Audienz in Büsingen
Es ist Freitagmittag, und wir warten gespannt vor dem Rathaus in Büsingen auf die Ankunft von King Marduk. Plötzlich fährt eine edel polierte Mercedes-Limousine vor. Das muss er sein. Der Fahrer steigt aus, mit dicken, in der Sonne blitzenden Goldketten und Goldringen beschmückt, als wäre er selber der König. Er öffnet die Tür, und ein elegant gekleideter Herr mit Schnauz entsteigt der Limousine. Der Anzug scheint ein wenig zu gross zu sein, doch der vermeintliche König ist fröhlich, mustert kurz das Rathaus und schreitet auf uns zu. «Ich grüsse Sie im Namen des Königs Marduk. Ich bin der Staatssekretär Thomas Vogel.» Eine Frage brennt auf den Lippen, doch zuerst gibt’s einen kurzen Rundgang in Büsingen. Schliesslich begeben wir uns zum Interview in das edle Restaurant alte Rheinmühle. «Sind Sie König Marduk?» platzt es plötzlich aus dem Reporter heraus. «Nein, nein», wiegelt Vogel ab. «Ich bin bloss der Staatssekretär, die Ernennungsurkunde habe ich zu Hause in einem goldenen Rahmen.» Aber wenn er nicht König Marduk ist, wo ist Seine Exzellenz dann? «Er scheut die Öffentlichkeit und will nicht erkannt werden», erklärt Vogel. «Deshalb hat er mich geschickt.»
Es scheint offensichtlich zu sein, dass Thomas Vogel und König Marduk ein und dieselbe Person sind. Trotzdem spielen wir das Spiel mit und wollen mehr über den König erfahren. Wie muss man sich das vorstellen? Sitzt er den ganzen Tag in seinem Schloss und lässt sich von Minnesängern besingen? «Er lebt in Tübingen in einer herrschaftlichen Residenz, kein Schloss», antwortet Vogel. «Er hat einen riesigen königlichen Fuhrpark mit zwölf Karossen für Staatsbesuche wie Jaguar und Mercedes. Abgesehen von einer Rolex hat er aber nicht viel Reichtum.» Der Bodyguard hat soeben eine Fliege totgeschlagen und meldet sich zu Wort: «Der König ist klug wie ein Professor und lebt eher bescheiden.» Ob er der Chef der königlichen Leibwache ist, möchte ich von ihm wissen. Er kann sich ein kleines Lächeln nicht verkneifen, bestätigt sodann jedoch mit ernster Miene die Frage. Nach kurzem Zögern fügt er an: «Ich mache seit 57 Jahren Kraftsport und hebe 500 Kilo aus dem Stand.»
Konflikt mit Büsingen und Schaffhausen
«King Marduk will anerkannter Herrscher von Büsingen sein, einen Anteil an den Steuereinnahmen bekommen und Mitsprache bei Bauentscheidungen haben», erklärt Thomas Vogel das Regierungsprogramm von King Marduk. Wir provozieren den Staatssekretär ein wenig: Er will also nicht das Lehensrecht wieder einführen oder den Zehnten von den Bauern eintreiben? «Nein, nein, aber eine Statue in Büsingen vom König wäre schon schön.» Was meinen eigentlich die Büsinger dazu? «Eine Statue wäre nett, dann wüsste wir endlich mal, wie er aussieht», scherzt Gemeindepräsident Gunnar Lang.
Auf Anfrage bestätigt er, dass er regelmässig Post von King Marduk bekommt. «Ich habe ihm aber noch nie geantwortet.» Er sagt weiter, dass er gewisse Eingaben von Marduk sehr witzig finde, den Rechtsanspruch auf Büsingen jedoch noch nie nachgeprüft habe. «Ich zitiere ihn auch ab und zu an öffentlichen Anlässen», so Gunnar Lang weiter. «Er hat etwa den Büsingern schon verboten, sich mit seinem Büsinger Wein zu betrinken.» Auf den Vorschlag, sich einmal mit dem König zu treffen, reagiert er jedoch ablehnend: «Ich finde ihn lustig und ganz nett, möchte jedoch keinen Kontakt mit ihm.» Dann überlegt er einen Augenblick und sagt: «Er kann mich ja mal ans Staatsbankett in sein Schloss einladen. Das müsste aber schon eine ganz grosse Sache sein, damit ich’s mir überlege.» Gunnar Lang will von seiner Absetzung übrigens nichts wissen, in diesem Punkt will er König Marduk keinesfalls entgegenkommen: «Ich mache meine Sache ganz gut und werde noch ein bisschen weiterregieren.»
Falls nun eines Tages der König Marduk trotzdem Herrscher über Büsingen würde, so hätte auch der Kanton Schaffhausen ein Problem. Man hätte plötzlich eine Monarchie als Nachbarstaat. Der Stellvertretende Staatsschreiber Christian Ritzmann kann über die Affäre König Marduk jedoch nicht lachen: «Wir erhalten unzählige Schreiben von ihm. Wir gehen aber grundsätzlich nicht darauf ein, da sie sehr chaotisch geschrieben sind und nicht klar ist, was er eigentlich will und wer er eigentlich ist.» Offenbar hat der König sich beschwert, dass ein Schweizer Telefonhäuschen in Büsingen steht oder dass Flugzeuge ohne seine Genehmigung über Büsingen fliegen. An der knappen Antwort des Kantons ist jedoch zu erahnen, dass sie der König von Büsingen eher nervt statt erheitert.
Zweifelhafter Rechtsanspruch
«Das Völkerrecht ist auf unserer Seite, unser Anspruch hat Hand und Fuss», poltert in der Zwischenzeit Thomas Vogel im Restaurant Alte Rheinmühle. Er erklärt, dass King Marduk ein Nachfahre einer königlichen Herrscherfamilie ist. Nach dem Zweiten Weltkrieg sei ihm alles Land genommen worden, deshalb suche er sich nun neue Territorien für sein «Kingdom of Marduk». Er wählt dabei Gebiete aus, die – seiner Meinung nach – völkerrechtlich umstritten sind. «Deshalb hat der König Büsingen okkupiert», erklärt Vogel umständlich. «Weil niemand dagegen Einspruch erhob, ist dieses Herrschaftsverhältnis laut Völkerrecht legitim.»
Da es Marduk damit offenbar ernst ist, haben wir erneut beschlossen mitzuspielen und den Rechtsanspruch nachträglich von einem Juristen prüfen lassen. «Es gibt im Völkerrecht einen Rechtsgrundsatz bezüglich ‹Das Recht auf Achtung der Gebietshoheit›, erklärt Jurist Beat Hochheuser. Dieser besagt, dass jeder Staat Anspruch darauf hat, dass jeder andere Staat sein Hoheitsgebiet respektiert. «Daraus wird King Marduk folgern, dass, wenn kein Staat Anspruch auf ein Gebiet erhebt, er selbst einen solchen Anspruch geltend machen kann», vermutet Hochheuser. «Im Fall von Büsingen ist das aber nicht möglich, da der Staat Deutschland Anspruch auf Büsingen erhebt.» Zudem erklärt Hochheuser, dass nicht jedermann einfach völkerrechtliche Ansprüche stellen kann. Dies könne im Falle der Staaten nur ein von der Staatengemeinschaft anerkannter Staat, was das Königreich Marduk aber nicht ist. Kurzum: Die Beweislage gegen König Marduk ist erdrückend.
«Der König wird den juristischen Weg beschreiten, falls Büsingen nicht nachgibt», erneuert Thomas Vogel seinen Standpunkt. Er und sein König lassen sich nicht beirren. Offenbar steht auch die Staatsgründung kurz bevor. «Es wird sich eine Menge ereignen in nächster Zeit», verspricht Vogel. «Das Königreich Marduk hat einen Währungsvertrag mit der EU geschlossen. Jetzt drucken wir dann bald unsere eigenen Münzen.» Zudem verkaufe der König bereits Adelstitel via Internet, und von einer Herrscherfamilie in Dubai sei er eingeladen worden, an einem Kamelrennen teilzunehmen.
Bis zum Schluss des Gesprächs mit dem Staatssekretär in Büsingen wird nicht klar, ob König Marduk nun ein Spassvogel, ein harmloser Spinner oder vielleicht doch jemand ist, der es sehr ernst meint. Doch vielmehr wurmt die Frage, ob nun Thomas Vogel aus Tengen oder ein anderer Herr aus Tübingen der echte König Marduk ist. Der Staatssekretär scheint am Schluss des Gespräches diese Ungewissheit zu spüren und meint mit königlichem Grossmut: «Sie können ja schreiben, vielleicht ist auch Vogel der King Marduk.» Er lächelt zufrieden, steigt mit seinem goldgeschmücktem Bodyguard in die Limousine und düst davon. Wir werden bestimmt noch einiges vom umtriebigen Büsinger König hören.
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