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Das Ausgeh- und Freizeitmagazin der «Schaffhauser Nachrichten» 07.09.2010

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Augen zu und durch

Dass die Schweiz ­bereits draussen ist, kümmert sie ­wenig: unterwegs ­mit
Zürcher EM-Gegnern.

Von Simon ­Brühlmann


Lange haben wir darauf gewartet, nur um der Nati beim Verlieren beizuwohnen. Die Jungen haben seit Monaten ihr Taschengeld für Panini-Bildli verbraten, die Alten klemmten sich ein Schweizer Fähnli ins Autofenster – die Euphorie flatterte unleugbar im Fahrtwind. Doch nicht alle grölten mit, manche waren schon lange vor dem Untergang unzufrieden. Warum nur?

Vorfreude ist die schönste Freude

Bereits Monate vor dem Spektakel kam die grosse Aufmerksamkeitsmaschine ins Rollen. Was mit mehr oder minder verstohlener Eurofahnen-präsenz im Zentrum Zürichs begann, zog bald weitere Kreise. Und was wäre ein Grossereignis ohne Imagekampagne? Im aktuellen Falle lief die­se unter dem grammatisch grenzwertigen Motto «Wir leben Zürich» (3 Millionen, ein Schnäppchen).

Im Windschatten baute sich das auf, was von den Veranstaltern abschätzig als «Ambush-Marketing» bezeichnet wird: Firmen, welche sich selber gar nicht an den Unkosten beteiligen, suchten ihren Profit, indem sie das Thema EM mehr oder weniger direkt für ihr Werbetreiben verwendeten. Im Unterschied dazu kann mit dem Thema Fussball, im allgemeinen, jeder werben, wie er oder sie will. In jedem TV-Spot, in jedem Popup-Fenster, auf jedem Plakat tauchte also ein Fussball, ein Spieler oder ein Fan auf. «Der Beamer zur EM! Die Hausratversicherung zur EM! Der Gurkenschäler zur EM!», schrie es bald von allen Litfasssäulen der Stadt. Gewisse Mitmenschen hatten bereits zu diesem Zeitpunkt mehr vom einmaligen «Mega-Event» gesehen, als sie unbedingt wollten.

Unverständliche Flucht vor dem Jahres-Highlight

Die Zürcherin Emanuelle Brenner* dreht die Frage, warum sie sich nicht über die EM freue, um. «Warum sollte ich mich über die EM freuen? Weil man es mir befohlen hat?» Sie sei «entsetzt über die Selbstverständlichkeit, mit der die Stadt darüber verfügt, dass sich alle, die sich in der Stadt befinden und bewegen, für die EM zu begeistern haben». In Zürich erlebt man die Spiele, zu der niemand Tickets kriegte, hautnah – vor der eigenen Haustür. Die Fangebiete definieren beträchtliche Teile der Innenstadt, hinzu kommt die «inoffizielle Fanzone», die Langstrasse. Die Auto-Corsos mit dem obligaten Gehupe und Gegröle erweitern symbolisch das Stadion bis in die Agglo hinaus – und von dort wieder zurück. Die Symptome, also Trikots, Nationalflaggen, Sprechchöre, einschlägige Getränkemarken sowie jene dauergrinsenden Stofftiermaskottchen, alle bilden sie ein enggeknüpftes Netz, welches weit übers Stadtzentrum hinausreicht. Dem entziehen konnte sich nur, wer rechtzeitig seine Flucht plante: «Ich verreise – leider nur für einen Teil der Zeit, da ich es mir nicht leisten kann, während der ganzen drei Wochen weg zu sein», erklärt Brenner. Andere können nicht wegfahren, auch wenn sie vielleicht gerne würden: Für über 2000 Zürcher Angestellte besteht eine Feriensperre (vornehmlich Polizei und Medizin).

«Wozu nützen eigentlich Auto-Corsos?»

Markus Greubmann* hat sich entschieden zu bleiben, auch er muss während der drei Wochen arbeiten. Die Spiele seien ja nicht das Problem, er schaue sich das eine oder andere sogar an. Ihn störe vor allem eine unvermeidliche Begleiterscheinung: die Fans. Genauer diejenigen, die «hordenweise betrunken durch die Strassen ziehen». Ansässig nahe der Langstrasse, erlebte Greubmann schon während der WM vor zwei Jahren, was es heisst, an der erweiterten Jubelmeile zu wohnen: Glasscherben panieren die Strasse, das Tragen von Flipflops musste eingestellt werden, ebenso das Velofahren. Männerchöre und Hupkonzerte sorgen für Abendunterhaltung bis weit über den Zapfenstreich hinaus. «Wozu nützen eigentlich Auto-Corsos? Oft geht es doch nur darum, sich selbst und das eigene Automobil zu inszenieren: Wer hat den grössten Wagen? Wer hat den längsten Wagen? Die sportliche Thematik steht dabei im Hintergrund», zieht Greubmann fast schon psychoanalytisch Fazit.

Emanuelle Brenner störe sich ebenso an den «Menschenmassen, die der allumfassenden Vermarktung eines leeren Events auf den Leim gehen. Der See, die Oase von Zürichs Sommer, wird verbaut und einfach in Beschlag genommen von einer durchkommerzialisierten Fanmeile.» Und ihr Freund Lukas Staiger doppelt nach: «Im Rahmen des Standortmarketings will die Stadt stolz ihr schönes Seeufer präsentieren. Doch nun sieht man vor lauter Wurstbuden den See nicht mehr.»
Alles hat sich nach dem einen Grossanlass ausgerichtet: Ladenöffnungszeiten bis Mitternacht (ohne Bewilligungspflicht), zeitweise Aufhebung des Nachtflugverbots, massive Bauten zu Land und zu Wasser. Und auf der anderen Seite – zusätzliche Gefängnisplätze: In Basel zimmerten Schweizer Soldaten Zellen für bis zu 350 «Gäste».

L’état, c’est nous!

In ihren Arenen und Fanzonen können die Veranstalter nach eigenem Gusto regieren. So sind beispielsweise in den Stadien nur die Logos der EM-Sponsoren erwünscht. Wer dort Klamotten mit Fremdlogos trägt, muss diese ablegen. Ähn­liche Kleidervorschriften gelten auch in der Fanzone. Der erstaunte Besucher wähnt sich zeitweise am Flughafen: Nur etwa 5 Deziliter Flüssigkeit dürfen hineingebracht werden, Rucksäcke und grössere Handtaschen haben zur Folge, dass einem der Einlass verwehrt bleibt. In den abge­riegelten Spasszonen besteht ein Staat in der Stadt, mit eigenen Regeln – und Amüsierzwang. Die erstaunlichen Befugnisse kommerzieller Veranstalter werden nicht nur von politischen Links-aussen-Spielern bemängelt, auch der Stadtso­ziologe Christian Schmid (ETH) gab kürzlich der NZZ ein Interview mit entsprechender Stossrichtung (Titel: «Die Stadt wird als Ware an den Meistbietenden verkauft»). Neben wirtschaftspolitischen Auffälligkeiten stechen auch die notwendig gewordenen Sicherheitsmassnahmen ins Auge.

Die getroffenen Vorkehrungen sind beträchtlich: Ergänzend zu den erwähnten Gefängniszellen bestehen zusätzliche Ausnüchterungszellen, die Polizei erhält Verstärkung von Kollegen aus dem Ausland, darüber hinaus werden Teile der Stadt mit Aufklärungsdrohnen der Armee überwacht. Die Luftwaffe nahm Anfang Juni Testflüge über den Stadien der verschiedenen Austragungsorte vor. Zu Land nehmen Armeeangehörige andere Aufgaben wahr, teilweise in den Bereichen Objektschutz und Personenschutz, aber auch Pionierarbeit oder Bauten. Direkter Kontakt mit Fans sei jedoch nicht vorgesehen. Auch wenn dem Militär lediglich Helferfunktionen zukommen, ist der Aufwand dennoch beträchtlich: Mit ins­gesamt 15000 eingeplanten Soldaten erlebt die Schweiz heuer den grössten Armee-Einsatz seit dem Zweiten Weltkrieg.

«Die Präsenz ist enorm. Das Letzigrund-Stadion ist weiträumig abgesperrt. Am Bellevue hingegen sieht man vor allem private Sicherheitsleute diverser Couleur. Zusammen mit den Überwachungshubschraubern, die über den Köpfen kreisen, entstehen so Hochsicherheitszonen, die auch etwas Unheimliches an sich haben», resümiert ­Lukas Staiger.

Hinter der Fanzone am Bellevue finden sich weitere Stände mit Getränken und Kulinarischem aus aller Welt. Manche der Standbetreiber sind unzufrieden, weil die Umsätze nicht den Erwartungen entsprechen. «Die Leute finden häufig den Weg nicht bis hierher. Sie sehen die grosse Tribüne vorne am Bellevue, und dort bleiben sie dann auch», bedauert ein Grillchef. EM-Gegner sind diese Unternehmer natürlich nicht, aber auch sie haben sich bei der UEFA beklagt oder ihre Bude frühzeitig dichtgemacht. Ob die wirtschaft­lichen Hoffnungen erfüllt werden, wird also noch zu überprüfen sein. So, wie auch die Frage bleibt, ob die Stadt den gewünschten Imagegewinn einlösen kann.

Ja, kritisiert kann vieles werden. Aber wer sich am Seeufer umsieht, der sieht die Zahllosen, die zum Feiern angereist sind. Die eingefleischten Fans lassen sich die Freude an der zweitschönsten Nebensache der Welt nicht nehmen. Für sie gilt auch nach dem Ausscheiden der Schweiz: Prost! Und Juhee! Und Hopp! Und «Schiri, gang hei»! Bis die drei Wochen um sind.

*Name geändert
* Namen geändert

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