Wintersport im Wandel der Zeiten
Auch wenn sich Material und Möglichkeiten gewandelt haben, die Faszination für das Skifahren überdauert Generationen.
Als wäre die Schwerkraft ausgesetzt, stiebt die weisse Pulverpracht auseinander. Elegant und schwungvoll kurvt der farbige Punkt den steilen Abhang hinunter, springt waghalsig über meterhohe Felsklippen. Unter der mythischologisch-aufgeladenen Bezeichnung «Freeriden» – was übersetzt so viel bedeutet wie freies Fahren – setzen die Profis immer gefährlichere Standards im Skisport. Gemeint damit ist das Skifahren abseits offizieller Pisten, möglichst an Orten, wo noch kein anderer seine Spuren im frischen Tiefschnee hinterlassen hat. Die Freiheit in der Natur und der Versuch, den Berg zu bezwingen, spornen die Sportler an. «Tiefschneefahren ist halt einfach die Königsdisziplin, es kommt dem Fliegen ganz nahe», beschreibt der Schaffhauser Martin Wabel die Faszination des Adrenalin provozierenden Freizeitvergnügens. «Ich fahre viel und gerne steile Hänge in grossen Höhen», und fügt lachend an, «da muss man auch keine Angst haben, in einen Baum zu fahren». Auch die Entwicklung der Skier hat sich dem Tiefschneefahren angepasst. Während bis anhin darauf geachtet wurde, eine negative Spannung in die Bretter hineinzukonstruieren, werden nun solche mit einer positiven Spannung hergestellt, wie Wabel weiss. Die Skier werden also U-ähnlich gegen oben gebogen. Dadurch müsse der Fahrer sein Gewicht nicht mehr so stark gegen hinten verlagern und könne somit freier im Tiefschnee herumwedeln. Ganz ungefährlich ist das waghalsige Vergnügen jedoch nicht. Immer wieder wird die Unwissenheit unerfahrenen Skifahrern zum Verhängnis. Die Folge davon: gross angelegte Suchaktionen in Lawinen. Natürlich könne eine Lawine auch erfahrene Alpinisten überraschen, ganz auszuschliessen sei dieses Risiko nicht, wie Wabel zu bedenken gibt. «Dazu gibt es einen weisen Spruch: Experte, nimm dich in Acht, die Lawine weiss nicht, dass du Experte bist.» Nach einer Viertelstunde sinke die Überlebenswahrscheinlichkeit von Verschütteten rasant, weiss der ambitionierte Schneesportfan Martin Wabel, «die Kameradenhilfe ist in solchen Momenten das A und O». Ist der Schaffhauser mit seinen zwei Brettern unterwegs, gehören so nebst dem Lawinenverschüttetensuchgerät (LVS) ebenso eine Schaufel und eine Sonde zu seiner Ausrüstung. Im Falle einer Lawine kann er sich damit sofort auf die Suche nach verschütteten Kameraden machen. Der leidenschaftliche Freerider hat jedoch, ist er neben der Piste unterwegs, selbst auch einen Airbagrucksack dabei. Dieser kann aktiviert werden, sobald die weissen Schneemassen in Bewegung geraten und so die Überlebenschancen in einer Lawine erhöhen. Genauso wichtig wie die Ausrüstung sei jedoch die Übung mit den Geräten, fügt Wabel an. Oft würde diesem Aspekt zu wenig Beachtung geschenkt. Noch besser aber ist es natürlich, gar nicht erst in eine solche Situation zu geraten. Ganz ausgeschlossen werden kann dies zwar nicht, jedoch könne das Risiko durch gute Information eingeschränkt werden. «Ich bin kein Spezialist, darum rede ich viel mit Leuten, die sich in der Gegend auskennen», meint Wabel, «auch das Lawinenbulletin ist wichtig.» Die Schneeverhältnisse zu lesen, Schneeprofile zu stechen und zu deuten, ist nicht ganz so einfach. Oft ist er daher auch mit Kameraden unterwegs, die eine alpine Ausbildung genossen haben. Auch wenn für Wabel die Schweiz als Skidestination schlicht perfekt sei, würden zum Beispiel in Kanada ganz andere Verhältnisse vorherrschen. Durch die klimatischen Unterschiede sei der Schnee trockener und dadurch auch leichter. Fahren im Tiefschnee, der bis zu den Knien reicht, sei so auch viel leichter.
Skilehrer – eine Berufung Nicht immer aber ist Martin Wabel den Pisten fern geblieben. «Früher sind wir jeweils mit der ganzen Familie Skifahren gegangen», erinnert er sich. Ausserdem sei sein Grossvater zu dieser Zeit pensioniert worden und hätte ihm einige Kniffe beibringen können. Das Schnee-Erlebnis liess dem dazumal noch jungen Sportler keine Ruhe mehr, er absolvierte sogar einen J+S-Leiterkurs. Einen ganz speziellen Status haben jeweils die Skilehrer in den grossen Feriendestinationen. Viele Junge liebäugeln irgendwann einmal mit der Idee, eine Saison lang als Skilehrer zu arbeiten – dem Beruf jener, die gelegentlich als Sonnyboys und Damenverführer verschrien sind. Zwar war es für Wabel dann doch mehr die Freude am Sport, die den damals 21-Jährigen gar mehrere Saisons nach Andermatt führte, um dort seine Begeisterung am Schneesport an andere weiterzugeben. Dieser Entscheid sollte sich prägend auf seinen weiteren Lebensweg auswirken. Kam er so doch mit anderen, zum Teil professionellen Alpinisten zusammen und entdeckte auf den Abfahrten und Touren die Begeisterung für den Tiefschnee und das Freeriden. «Ich habe mit Freeridern zusammengewohnt und bin so in die Szene hineingekommen», erzählt Wabel , «früher war ich ein klassischer Pistenfahrer.» Auch an die Zeiten des Coop-Express kann sich Wabel noch gut erinnern. Mit Schulfreunden kurz einen Tag auf die Piste, da kam das Busangebot jeweils gerade recht. Der fröhliche Schaffhauser hat sich nun in der Szene einen Namen gemacht, nicht nur als begnadeter Freerider, sondern im Speziellen als Filmer. Gemeint sind nicht die kurzen Youtube-Sequenzen, welche heute bei Jungen zum Standard gehören und meist schon online gestellt werden, bevor der Gefilmte nach einem Sprung gelandet ist. Wabel realisiert ganze Projekte. «Einmal wollten wir die Westflanke des Eigers hinunterfahren, und ich sollte filmen, dieses Projekt mussten wir jedoch witterungsbedingt ein wenig abändern», erzählt Wabel. Es sind die Herausforderung und das einzigartige Bewegungsgefühl im Schnee, das Erlebnis in der Natur, die Martin Wabel im Schnee faszinieren. Sieht er während der Arbeit die Flocken fallen, wird er schon fast nervös. «Ich bin dann jeweils froh, wenn fünf Uhr ist und ich weiss, dass die Lifte geschlossen sind und die anderen auch nicht mehr Skifahren können», lacht Wabel.
50 Rappen für Tageskarte Grundsätzlich können zwei Arten von Freeridern unterschieden werden. Die einen, welche sich technisch angetrieben auf die Hügel bringen lassen, und die anderen, welche sich der altbewährten Felle oder der Schneeschuhe bedienen. Auch wenn sich Wabel als bekennender Profiteur der technischen Möglichkeiten gibt, ist er auch viel auf Touren. «Das Tourenskifahren ist ein richtiger Trend geworden», bemerkt auch Wabel, «ich gehe vor allem am Wochenende auf Touren, wenn die Skigebiete von Touristen überhäuft werden.» Er gibt jedoch zu, dass er vor allem der Abfahrten wegen die Felle umschnallt, je länger, je mehr aber auch Freude am schlichten Herumwandern im Schnee hat. Diesen Luxus der Wahl haben die Wintersportler aber noch nicht allzu lange. So wurde der erste Skilift in der Schweiz 1934 in Davos gebaut. Für 50 Rappen konnten sich die Revoluzzer des Skisportes einen Tag lang auf den Hügel ziehen lassen. Der erste Lift mit hochgelegtem Seil und einziehbaren Bügeln hat schon in der ersten Saison 70 000 Personen über die 270 Meter lange Strecke befördert. Als Erfinder wird der ETH-Maschineningenieur Gustav Constam genannt. Die Bügel waren zu dieser Zeit noch aus Holz und konnten pro Bügel in J-Form nur eine Person befördern.
Gemütlichkeit bei Kafi-Schnaps Zwar ist die Erfindung des Skiliftes älter als Hans-Paul Bührer, doch noch lange zeigten sich nicht alle Schneesportler von der motorisierten Revolution abhängig. Als Mitglied des Skiclubs Schaffhausen hat Bührer schon in jungen Jahren regelmässig seiner Leidenschaft, dem Skifahren, gefrönt. «Am Freitagabend hatten wir jeweils Stamm, da haben wir beschlossen, ob wir am Wochenende Skifahren gehen», erzählt er. Dazumal jedoch wurde am Samstagmorgen noch gearbeitet. So mussten sich die begeisterten Wintersportler noch bis zur Mittagszeit vertrösten, bevor sie im Auto ins Togggenburg fahren konnten. Das Ziel war jeweils die Wolzenalp – eineinhalb Stunden dauerte sodann der Marsch vom Parkplatz in die clubeigene Hütte. Hatte der einzige Lift im Gebiet seinen Betrieb zu dieser Zeit schon eingestellt, wurden sofort die Felle montiert, um doch auch am Samstag noch eine Abfahrt machen zu können. Die meist ausschliesslich mit Männern besetzte Truppe habe aber auch am gesellschaftlichen Zusammensitzen in der Hütte ihre Freude gehabt, wie Bührer bekräftigt. Zwar gab es den Apès-Ski, wie er heutzutage in einigen Skiorten exzessiv betrieben wird, noch nicht. Dies brauchten die jungen Schaffhauser aber auch nicht. «Nicht selten haben wir nächtelang gejasst», erzählt er und lacht, «die Hütte wurde ja auch erst gegen Sonntagmorgen richtig warm.» Ein guter Wein hat natürlich die nächtlichen Stunden ebenso versüsst. Ein gutes Rezept gegen die Kälte hat Bührer auch noch parat: Einen «Fünfliber» in die Tasse, Kaffee auffüllen, bis die Münze nicht mehr zu sehen ist, und mit Schnaps auffüllen. Da kam es auch vor, dass die Truppe direkt vom Jasstisch mit der aufgehenden Sonne wieder auf die Piste zog. So waren es damals auch eher Wochenenden und nicht grad mehrere Tage, welche für den Skisport genutzt wurden. Die auch heute noch rege genutzten Skiferien wurden bei Bührer erst mit seinen Kindern aktuell. Auch an für die heutige Zeit traumhafte Bedingungen erinnert sich der in Stetten wohnhafte Architekt: «Es hatte auch noch keinen Massentourismus, nicht selten hatte es nur 20 bis 25 Leute im Skigebiet.»
Vernunft bleibt bester Schutz Fast unvorstellbar ist die Entwicklung des Materials. Wo heute topmoderne Materialien verbaut, Skischuhe mit Heizungen ausgestattet werden und die Bretter High-Tech- Konstruktionen sehr nahe kommen, fehlte früher der Belag auf den Skiern noch ganz. «Wir mussten die Skier mit einer Toko-Spezialschmiere behandeln, damit sie überhaupt einigermassen gefahren sind», erzählt Bührer. Auch die heute standardmässigen Sicherheitsbindungen existierten nicht: «Wir hatten Bindungen mit Federn und einem Seilzug.» Von Rückenpanzern, Protektoren und Helm hat ebenso keiner gesprochen, waren doch mit dem damals verwendeten Material auch keine so hohen Geschwindigkeiten möglich, wie sie heute auf den Pisten gefahren werden. Seine Faszination für den Schnee und das Skifahren hat Hans-Paul Bührer an seine Kinder weitergegeben. Mittlerweile fährt der fast 70-Jährige schon mit seinen Enkeln über die Pisten – dann jedoch als Vorbild auch mit Helm.
Verlagerung der Verletzungen Trotz der immer moderner werdenden Schutzausrüstung, welcher sich Skifahrer je länger, je mehr bedienen, gehört der Rega-Helikopter leider immer noch zum gewohnten Bild auf den Pisten. Die Verletzungen beim Skifahren sind demnach nicht weniger geworden, sondern haben sich einfach verlagert. Dies bestätigt auch der renommierte Sportarzt Jean-Jaques Fasnacht. «Früher hatte man häufig Verstauchungen des Sprunggelenkes und Knochenbrüche an Ober- und Unterschenkeln», blickt er zurück. Als sodann die Sicherheitsbindungen sowie neuere und starrere Skischuhe aufkamen, seien vor allem Unterschenkelbrüche gleich oberhalb des Skischuhes zu beobachten gewesen. «Mit der modernen Ausrüstung haben wir viele komplexe Knieverletzungen wie unter anderem am Kreuzband», führt Fasnacht weiter aus. Diese würden jedoch nicht mehr von groben Stürzen herrühren, sondern seien eine direkte Konsequenz der Carvingskier und des starken Einsatzes der Kanten. Nicht zu vergessen die immer rasanter gefahrenen Geschwindigkeiten auf den Pisten. «Ist aber die Piste nicht optimal präpariert, können bei einem Sturz bei solch hohen Geschwindigkeiten komplexe Schädelverletzungen auftreten», beschreibt er weitere Möglichkeiten. Die grosse Gefahr der hohen Geschwindigkeiten aber seien vor allem die Zusammenstösse, welche sodann auch zu schlimmen Verletzungen führen könnten. Interessant bezüglich der Protektoren aber die Diskussion der Mediziner. So sind längst nicht alle Befürworter von Helm und Rückenpanzern. Dies vor allem mit dem Argument, dass solche Protektoren eine gefährliche Sicherheit vortäuschen und die eigenen Fähigkeiten dann überschätzt werden. Auch wenn das Risiko nie ganz ausgeschlossen werden kann, durch das eigene Verhalten könnten viele Verletzungen vermieden werden, wie Fasnacht betont. «Präventiv Protektoren tragen, aber dennoch immer vernünftig fahren und sich der Geschwindigkeit bewusst sein», empfiehlt er, «Skifahren hat sich zu einem Hochgeschwindigkeitssport entwickelt, der Respekt sollte immer mitfahren.»
Im eiltempo auf die piste! Die folgenden Skigebiete sind ab Schaffhausen innert 90 Minuten erreichbar und derzeit geöffnet: • Im Toggenburg: Ebnat-Kappel Krummenau Wildhaus • Im Schwarzwald: Feldberg Hinterzarten/Breitnau • Flums |
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