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Das Ausgeh- und Freizeitmagazin der «Schaffhauser Nachrichten» 29.07.2010

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«Wagen wir uns an Weltliteratur»

An den Buchemer Freilichtspielen wird heuer «Die Schwarze Spinne» aufgeführt. Regisseur Thomas Ganz hat zur Erzählung von Jeremias Gotthelf eine Theater-fassung geschrieben.


Interview: Susanne Huber

Was war für Sie der Anlass, eine eigene Theaterfassung der «Schwarzen Spinne» zu schreiben?

Thomas Ganz: Damit ein gutes Laienspiel entstehen kann, muss man schreiben, wie die Leute reden. Es gibt tatsächlich schon Freilichtfassungen in Mundart, doch die haben mich für unsere Aufführung nicht überzeugt. Es war mir wichtig, dass die Ereignisse nicht erzählt werden, sondern tatsächlich vor den Augen des Publikums geschehen. Bei einer Freilichtaufführung haben wir den entsprechenden Platz, wir haben ein grosses Gelände, das wir bespielen können, und das wollte ich ausnützen. Beim Schreiben habe ich mich eng an das Original gehalten. Es ging mir nicht darum, Gotthelf am Zeug herumzuflicken. Doch im Original schwingt er die Moralkeule des 19. Jahrhunderts. Für ein heutiges Publikum ist das kaum mehr geniessbar. Es war mir wichtig, die Geschichte so zu erzählen, dass wir heutigen Menschen sie goutieren können.

Warum haben Sie gerade «Die Schwarze Spinne» für die Aufführung ausgewählt?

Ganz: Bis jetzt haben wir an den Buchemer Freilichtspielen Stücke aus der Dorfgeschichte aufgeführt, «D’Rotlaubbuech», die Sage zu unserem Wappen, und «Oberst Hirzel», der letzte Gerichtsherr von Buch. Gerne hätten wir wieder ein Stück aus der Dorfgeschichte gewählt, aber meines Erachtens gibt die Lokalgschichte zu wenig her. «Die Schwarze Spinne» hatte ich schon lange im Hinterkopf. Also haben wir uns entschlossen, das Lokale beiseite zu lassen und uns an Weltliteratur zu wagen. Gotthelf erzählt uns eine archaische, gleichnishafte, unheimliche Geschichte. Sie zieht uns in ihren Bann. Obwohl im tiefsten Mittelalter angesiedelt, versteht sie jedes Kind. Ich stiess mit meiner Wahl allerdings auch auf Widerstand: Zu ernst, zu wenig lustig, befanden einige. Sie wünschten sich etwas Lockeres, etwas, worüber die Leute lachen können. Aber ein lustiges Stück zu finden, ist viel schwieriger. Und wenn schon der grosse Aufwand, dann möchte ich nicht bloss unterhalten, sondern auch zum Nachdenken anregen.

Was fasziniert Sie denn an Gotthelfs Geschichte?

Ganz: Das Böse. Es ist das Thema der «Schwarzen Spinne»: Wie erkenne ich das Böse, wie gehe ich damit um? Die Spinne sitzt immer noch im Loch hinter dem Zapfen, die Bedrohung bleibt. Dieses Bild, das Gotthelf im 19. Jahrhundert schuf, hat nichts an Aktualität verloren. Die Bauern, die einen Pakt mit dem Teufel schliessen, sind auch ein Bild der heutigen Gesellschaft. Sie handeln mit Mächten, die sie nicht beherrschen. Das tun wir heute doch auch. Stichwort Atomenergie, Gentechnik oder ganz aktuell die Tiefseeölbohrungen. Auch hier handeln wir und treffen Entscheidungen, deren Auswirkungen wir weder absehen noch kontrollieren können. Dann fasziniert mich die Rolle der Christine, dieser starken emanzipierten Frau. Und im Gegensatz dazu die Wankelmütigkeit des Volkes, das immer den Weg des geringsten Widerstandes geht, das um des schnellen Vorteiles willen bereit ist, die Seele eines Kindes zu verkaufen. Sind wir da nicht mitten in der Gegenwart?

Mit der Hebamme Christine hat Gotthelf eine Frau zur handelnden Person gemacht. Sie schliesst den Pakt mit dem Teufel, aber aus ihrer Wange kriecht auch die Spinne, die das Unheil über die Menschen bringt. Was halten Sie vom Rollenbild, das da transportiert wird?

Ganz: Natürlich ist es nicht zufällig eine Frau, die Kontakt mit dem Bösen aufnimmt. Aber Christine ist nicht eindeutig ein negativer Char- akter. Die Bauern sind verängstigt und zaudern, sie dagegen ist die Entschlossene, die Emanzipierte, die sich traut, ein Wagnis einzugehen. Gotthelf sagt uns doch: Eigentlich sind die Frauen die Starken. Sie sind diejenigen, die handeln. Da schwingt einiges an Ehrfurcht und Hochachtung mit. Christine ist überdies die Einzige der Dorfbewohner, die etwas aus dem Geschehen lernt, die einen Prozess durchmacht. Aber sie ist auch besonders frech, sie überspannt den Bogen. «Ihr seid zwar die Starken, aber ordnet euch auch wieder ein», das ist meines Erachtens Gotthelfs Botschaft.

Wie arbeiten Sie als Regisseur? Die Schauspieler sind Laien, und bei den meisten Szenen treten viele Leute gleichzeitig auf. Was braucht es für das Gelingen einer Aufführung?

Ganz: Zunächst einmal muss jeder wissen, was er zu tun hat. Der Ablauf des Stückes muss klar sein. Weiter ist es ganz wichtig, dass die Schauspieler sich in ihre Rolle einfühlen. Für mich sind die Emotionen der Schlüssel fürs Gelingen. Ich muss die Gefühle des Charakters, den er verkörpert, verständlich machen können. Wenn mir das gelingt, dann wirkt der Schauspieler in seiner Rolle überzeugend. Wichtig sind schliesslich Timing und Tempo der verschiedenen Szenen. Entscheidend ist, dass es glaubhaft ist. Der Ablauf soll temporeich, aber nicht überhastet wirken. Dann verdichtet sich das Geschehen zu einer Geschichte, die Schauspieler beginnen, emotional mitzuleben. Dann trägt das Stück.

Sie sind Lehrer von Beruf. Wie kommt es, dass Sie Regie führen und Stücke schreiben?

Ganz: Als man zum ersten Mal ein Freilichtspiel veranstalten wollte, wurde ich angefragt, ein Stück zu schreiben. Offenbar habe ich das recht gemacht und sogleich auch die Regie erhalten. Inzwischen habe ich ein paar Kurse besucht, aber entscheidend sind die Erfahrungen aus den vergangenen Freilichtspielen. Sie sind für mich das wichtigste Rüstzeug. Eine besondere Gabe fürs Theater habe ich nicht. Was mich vielleicht auszeichnet, ist der Umstand, dass ich mich getraue, etwas an die Hand zu nehmen und Neues zu wagen. Allerdings brauche ich jemanden, der mir einen Anstoss gibt, damit ich mich zu einem neuen Projekt aufzuraffe. Das macht Kurt Ganz, der Präsident des Vereins Buchemer Freilichtspiele. Wenn er beginnt, rührig zu werden, dann packt es mich auch.

Gotthelf unter freiem Himmel

Der Boden erzittert. Aus dem Wald kommt im Galopp ein Pferdegespann herangeschossen, an dessen Ende eine mächtige Buche angebunden ist, die unter dem Gejohle der Männer auf dem Dorfplatz abgeladen wird. Die spektakuläre Szene aus der Buchemer Inszenierung der «Schwarzen Spinne» zeigt die archaische Kraft naturalistischer Freilichtinszenierungen. Die offene Bühne schafft Grössenverhältnisse, wie sie eine nachgebaute Kulisse niemals erreichen könnte: Überall ist Unberechenbarkeit. Die Natur selbst wird zum wichtigen Mitspieler, dessen Launen die Inszenierung beeinflussen können. Wenn die Sonne untergeht, wenn es regnet oder wenn am Himmel oben ein Flugzeug dröhnend vorüberzieht. Solcherlei Unberechenbarkeiten lösen, da sie nicht künstlich erzeugt werden, beim Publikum einen wohligen Schauer aus. Dabei erweist sich die am Waldrand gelegene Buchemer Talwiese als idealer Spielort für die Umsetzung von Gotthelfs so rauem, ursprünglichem Stoff: Der nach oben steil ansteigende Hang ermöglicht sowohl die grossformatige Darstellung dorfidyllischer Szenen als auch das sich ins Individuelle und Einsame verlierende Spielen den Hang hinauf. Aus diesem Kontrast bezieht Gotthelfs «Schwarze Spinne» einen grossen Teil ihrer erzählerischen Dynamik: Immer wieder geht es um Fragen nach dem Verhältnis des Einzelnen zur Gemeinschaft; um Kollektivschuld und die Suche nach einem Sündenbock. Die Buchemer Inszenierung durch Thomas Ganz schafft es scheinbar mühelos, die rund 50 Schauspielerinnen und Schauspieler in diesem Kontrast anzusiedeln. Die Livemusik spielt ein paar Töne an, und schon verteilen sich die Schauspieler in der Szenerie: Die Männer gehen schuftend den Hang hinauf, die Frauen bleiben im Dorf, um zu waschen und die Ernte zu lesen, währendessen die Kinder zwischen den Häusern herumtollen. In Windeseile wird so ein wuselnder Mikrokosmos geschaffen, der sich, genauso schnell, wie er sich vereinzelt hat, zu einer einzelnen Szene verdichten kann: Wenn die Männer nach dem erfolglosen Versuch, im Wald einen Baum zu fällen, einen Verletzten ins Dorf karren, ballt sich die ganze Gemeinschaft um diese Szene, und jeder Schauspieler weiss ganz genau, wie sich sein Charakter zu diesem Moment verhält. Bei der Inszenierung eines Textes, der im Jahr 1842 entstanden ist, spielt die Frage der Übersetzbarkeit in die heutige Zeit eine wichtige Rolle. Auffallend ist hier, dass die bei Gotthelf noch so zentrale religiöse Komponente in der Buche- mer Umsetzung weitestgehend keine Rolle mehr spielt. Die Leerstelle, die dadurch entsteht, bleibt unbesetzt, was zur Folge hat, dass sich die Inszenierung leichter als das Original anlässt. Die Dimensionen von Versuchung und Strafe sind kleiner, wodurch der Inszenierung ein wenig ihr Schrecken (man könnte auch sagen: ihre moralische Lehre) genommen wird. Teilweise sind dadurch die Bilder eindrücklicher als das Unglück, das durch sie erzählt wird. Dies wäre aber auch die einzige Kritik an einer Inszenierung, die es schafft, Gotthelfs äusserst komplexe Geschichte so zu erzählen, dass sie auch heute noch fesselt. (lul)

Die Schwarze Spinne | Premiere: Freitag, 30. Juli, 20.30 Uhr, letzte Aufführung am 22. August, weitere Daten in der Agenda, Irchelstrasse, Buch am Irchel.
  Bild zu «Wagen wir uns an Weltliteratur»

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