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Das Ausgeh- und Freizeitmagazin der «Schaffhauser Nachrichten» 28.01.2012

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Ein Tanzabend von seltenem Charme

Ein Singleabend mit ­Tanzkurs am äussersten Rand von Diessenhofen? Das will inspiziert werden. Eine Entdeckungsreise an den inneren Rand unserer Gesellschaft.


Donnerstagabend, Diessenhofen-Ost. 19.30 Uhr, die Nacht nächtigt. Der Wind weht, und die nicht existente Frisur sitzt überhaupt nicht. Auf einem abgelegenen Parkplatz an einer unverdächtig ruhigen Hauptstrasse entdeckt das aufmerksame Auge eine grössere Anzahl Fahrzeuge. Ausgestattet mit Nummernschildern aus der näheren Region – nur ist leider keines dabei, dessen Fahrzeug jemandem gehört, den man kennt. Schade, keiner da zum verpfeifen. Was soll’s – das windige Wetter im Rücken, steige ich die Treppe hinunter in die Kirche aller Freizeittänzer. Bald sammelt sich eine kleine Menschentraube an, ­alles Leute, die sich kennen. Raus aus den ­Strassenschuhen und rein in die ­bequemen Tanzschuhe. Rundherum begrüsst man sich, werden Wangenküsse und Schulterklopfer verteilt, aber so richtig herzhaft. Die Clique begegnet sich eigenartig vertraut, als ob man sich schon länger kennen würde.

Unkomplizierte Herzlichkeit
Von nebenan, aus dem Hauptraum, wo die Wände mit allerlei ­bunten Girlanden und die Tische mit roten Tischdecken, Kerzen und dergleichen verziert sind, ertönt die Stimme von Verena Egli, der CEO des Dancings. Die gleiche Stimme, die mich auch schon am Telefon freundlich begrüsste. Verpackt in ein schwarzes Kleid, das mit aufgepappten roten Herzen verziert ist, zischt die blondgelockte und bebrillte Inhaberin quer durch den Saal und vor und hinter dem Barbereich vorbei. Genauso herzlich, wie sich ihre Aufmachung gibt, empfängt sie die Neuankömmlinge. «Hoi, ich bin d ­Verena.» Und bald darauf beginnt auch schon der wöchentliche Tanz-Crashkurs, diesmal für Foxtrott. Das Duo Funny kann es kaum erwarten und legt mit der musikalischen Untermalung los. Zack! Pärchen zusammen, Hände und Beine in die Ausgangsposition, schon geht es leicht stockend los. Peter, der Tanzlehrer, muss die dynamischen Doppel einige Male unterbrechen; positiv ausgedrückt ist der Song zu schnell für die unterschiedlich versierten Tanzpaare.
In der Nähe der Toiletten treffe ich auf einen leicht angegrauten Dauerwellen- und zweiten Brillen­träger. Franco, so heisst der Herr, spricht gebrochenes Schweizerdeutsch. Er ist Musiker und stellt bald klar, dass er aus dem ostschweizerischen und nicht zürcherischen Gossau stammt und schon seit einem halben Jahr regelmässig ins Riverside kommt. «Weisst du, habe Freundin in Deutschland», lacht Franco kurz und verlässt den Aborttbereich.
Zurück am Tisch, hat Verena Egli in einer kurzen Verschnaufpause endlich Zeit. «Männer dürfen die Frauen gern zwischen die Beine nehmen», tönt es vom Tanzlehrer nebenan, und ich erfahre mehr über das «kleine, herzige und romantische Tanzlokal», wie es Verena umschreibt. Seit zwölf Jahren wird das Etablissement unterhalb des Restaurants Rheinperle von ihr, die auch schon für ein Hotel im thurgauischen Kantonshauptort zuständig war, geführt.
Das Credo ist denkbar einfach: «Das Riverside ist ein Ort, an dem Gäste als Freunde wiederkommen». Das Ganze klingt zwar etwas suspekt, mischt Verena den ahnungslosen Neulingen als Teil des Initiationsritus etwa ein geheimes Pülverchen ins Wasser? Nein, es ist doch etwas harmloser als angenommen. Zugegeben, an unorthodoxen Ideen mangelt es Verena nicht, jedenfalls zeichnet sich ab, dass hier einfach gelebte Kreativität im Spiel ist. Und einfallen lässt sich Verena gern etwas, besonders wenn es darum geht, den Mut der anderen anzustacheln.

Wie eine grosse Familie
Ein Geheimrezept für das heimelige Wohlgefühl, das hier verströmt wird, gibt es nicht. «Ich mache halt immer etwas, um für Unterhaltung zu sorgen. Wir waren schon zusammen an der Schlagerparade, ich habe beim Rheinfall ein Tanzschiff organisiert, oder wir sind auch schon im Verbund in den Wald. Für ein Fondue. Wir sind hier eine grosse Familie. In der heutigen Zeit haben die Leute immer mehr Probleme mit
der direkten Kommunikation. SMS, Computerchats – ich möchte hier ein wenig nachhelfen», klingt es aus dem Mund von Verena, die kurz darauf bereits wieder von Kunde zu Kundin schwirrt, sich um die Getränke kümmernd. Bei Franco in der Ecke gibt’s eine Prise Erhellendes. «Weisst du, ich habe schon so viele Tanzlokale gesehen, nach einiger Zeit hat’s mir einfach abglöscht. Hier ist die Atmosphäre am schönsten, und die Verena kenne ich nun auch schon seit fast acht Jahren.» Den Fahrtweg aus Sankt Gallen nimmt der Franco, der mit dem Oberlippenbart, gerne in Kauf, auch wenn er am Freitagmorgen wieder für den Job parat sein muss. «Ist doch egal, hier habe ich meine Ruhe, und wenn ich tanzen will, tanze ich.» Spricht’s und greift sich mit der Hand ein paar ­gesalzene Nüssli aus der Schale nebenan.
Tanzlehrer Peter darf nun die Drehung zum Foxtrott erklären: «Links drehen ist bedeutend schwerer als im Cha-Cha-Cha oder Walzer.» Das Duo Funny spielt «Mississippi».

Bekanntschaften seit 25 Jahren
Und Verena ist zurück, ohne auch nur im Geringsten aus der Puste geraten zu sein. «Ich muss gar nicht mehr viel machen, die Leute kommen von sich aus einfach gerne hierher, sie fühlen sich aufgehoben. Die meisten Leute, die hierherkommen, sind treu, zum Teil kennen
wir uns schon seit gut 25 Jahren.» Aber die Zeit nagt auch hier: «Ja, das Publikum ist im Allgemeinen natürlich älter geworden, viele haben Kinder gekriegt und grossgezogen und konnten es sich zeitlich und/oder ­finanziell nicht leisten, in den Ausgang zu gehen.» Ach so, nun wird dies etwas klarer: Das allgemeine Wohlbefinden ergibt sich also nicht aufgrund des Einsatzes von bewusstseinserweiternden Substanzen, sondern hauptsächlich, ganz schlicht und einfach, dank der wiedergewonnenen Freiheit und Freizeit im Alter.
So muss man an diesem Donnerstagabend kein schlechtes Gewissen haben, wenn man sich mit einem Mineralwasser zufriedengibt. «Ja, Wasser ist unser Absatzhit», scherzt Verena weiter. Die allgemeine Freude weicht nur kurz, als es um die roten Plastik-Herzchen geht, die allenthalben an der Decke aufgehängt sind. «Jedes von ihnen steht für ein Pärchen, das sich hier gefunden hat. Einige haben sogar gehei­ratet. Andere hingegen … mussten wir wieder runternehmen.»
Es ist gegen neun Uhr abends, als die von Verena bereits im Vorfeld angekündigten «Girls» auftauchen. Hinter diesem Namen versteckt sich kein weiblicher Schlägertrupp, es handelt sich um die Stammkundschaft im Segment des angeblich schwachen Geschlechts. «Man muss die Feste feiern, wie sie fallen», dröhnt es aus den Boxen des lustigen Duos Funny. Die sich in einem wahren Bewegungsrausch befindenden Damen (und ein Herr im Ziggy-Stardust-Aufzug, der als Ausnahme die Regel bestätigt), allesamt ebenfalls im Hilari-Outfit, animieren zum Mittanzen. Eine Polonaise soll’s richten.
Ein einzelnes Paar hat sich indes unscheinbar in einer anderen Ecke niedergelassen. «Wir sind hier tagsüber ein paar Mal mit dem Hund vorbeigelaufen, und da dachten wir, wir sollten einmal hier reinschauen.» Mittlerweile sind der Schorsch und die Ruth aus Oberneunforn, die sonst im anderen Leben beide am Flughafen arbeiten, bereits zum ­dritten Mal vor Ort, der Verena-Virus hat auch sie angesteckt, auch wenn sie es noch nicht bewusst realisiert haben. «Hier wird man so schnell aufgenommen, ist schnell Teil der Familie.» Da. Schon wieder. Familie. Wie ein roter Faden zieht sich das Schlagwort durch den Abend.

Fächer und kühle Getränke
Die «Girls» haben sich unterdessen rund um die Bar und die Tische verteilt. Das «Grosi» aus Illnau, nicht so sehr beweglich, wie es scheint, schwatzt mal hier, mal da mit den Gästen, während sich «Pippi Langstrumpf» einen der alkoholfreien Drinks genehmigt. «Jetzt mues i grad go abtröchne, du», sagt jemand an der Bar, ein paar Plätze weiter drüben.
Der mobile Beineinsatz führt zu unkontrollierbaren Schweissausbrüchen, als Gegenmittel sind nun flächendeckend japanische Fächer im Einsatz. Es ist gegen 21.30 Uhr, als Franco, der sich nun ebenfalls unters Tanzvolk gemischt hat, mit «Pippi Langstrumpf» simultan manövriert. «Wa hetsch gern, René?» – Verena, die in ihrer Rolle vollständig aufgeht, hat nun alle Hände voll zu tun, dem leiblichen Wohl ihrer (Stamm-)Kundschaft nachzukommen. Das Gerücht von Raclette macht die Runde.

Die kleinen Unterschiede
In einem der raren ruhigen Zwi­­schen-zwei-Songs-Momente, bei denen die Tanzfläche für kurze Zeit leer bleibt, schnappe ich mir den Tanzlehrer Peter und seine Frau, die ­Gisela, für einen kurzen Schwatz. «Na ja, wenn’s uns passt, wechseln wir auch mal das Tanzlokal, nur so aus Neugier. Wallenwil, Rossboden, Tanzbödeli Kreuzlingen oder Chli Rigi in Schöneberg, weisch.» Als ich, zum Abschluss meiner Bekehrung, meine Sachen gepackt habe, komme ich noch mit einem schlanken Herrn mit Halbglatze ins Gespräch. «Hallo, ich bin der Nino. Italiener, kein Tänzer.» Es stellt sich heraus, dass Nino aus Singen («Also eigentlich aus ­Sizilien») kommt. Was ihn hierherlockt? «Die Frauen», gibt er, für mich überraschend, preis. «Wenn du in Deutschland eine Frau nach einem Tanz fragst, wirste erstmal von oben bis unten begutachtet. Davon habe ich genug. Die Schweizer Frauen ­sagen dir wenigstens klipp und klar entweder Ja oder Nein». Und so mache ich mich, Ninos Weisheit noch im Kurzzeitgedächtnis mit mir tragend, von dannen. Der Abend hat für die Singles und solche, die es nicht mehr sind, gerade erst begonnen. Tanzschritte, Gesprächsfetzen und Hoffnungen werden in dieser Nacht noch lange das unverwechselbare Dancing erfüllen.

Single- und Tanz-Treff 30+
Donnerstag, 26. Januar 2012,
19.30 bis 1 Uhr, Dancing Riverside, Steinerstrasse 491, Diessenhofen.
  Bild zu Ein Tanzabend von seltenem Charme

Reportage

Alle Artikel:

Ein Tanzabend von seltenem Charme
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